Diagnostik Wachstumshormonmangel Kinder: Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Die Diagnose basiert primär auf klinischen und auxologischen Parametern (z.B. Wachstumsgeschwindigkeit < 25. Perzentile).
- •Vor invasiven Stimulationstests muss ein Screening mittels IGF-1 und/oder IGFBP-3 erfolgen (Werte < -2 SDS sind hinweisend).
- •Eine basale Wachstumshormon-Bestimmung ist obsolet; es werden in der Regel zwei verschiedene Stimulationstests an zwei Tagen gefordert.
- •Der Cut-off für einen normalen Wachstumshormon-Stimulationstest liegt bei > 8 µg/L.
- •Bei präpubertären Jugendlichen (Jungen ≥ 10, Mädchen ≥ 8 Jahre) ist vor dem Test ein Priming mit Sexualsteroiden notwendig.
Hintergrund
Der Wachstumshormonmangel im Kindes- und Jugendalter hat eine geschätzte Prävalenz von 1:4.000 bis 1:30.000. Die Unterscheidung von häufigen Normvarianten des Wachstums (z.B. konstitutionelle Verzögerung) ist klinisch herausfordernd. Da ein Goldstandard fehlt, zielt die Leitlinie darauf ab, durch klare Einschlusskriterien die Rate falsch-positiver Testresultate zu reduzieren.
Vor der Testung der Wachstumshormonsekretion sollen andere Ursachen der Wachstumsstörung ausgeschlossen werden.
| Kategorie | Beispiele für Differentialdiagnosen |
|---|---|
| Syndromaler Kleinwuchs | Turner-Syndrom, Prader-Willi-Syndrom, Noonan-Syndrom |
| Skelettdysplasien | Achondroplasie, Hypochondroplasie |
| Organische Ursachen | Kardiale, pulmonale, renale oder gastro-intestinale Erkrankungen |
| Endokrinologisch | Hypothyreose, Cushing-Syndrom, schlecht eingestellter Diabetes mellitus |
| Iatrogen | Hochdosierte Glukokortikoid-Therapie, Bestrahlung |
Auxologische und klinische Kriterien
Ein Wachstumshormonmangel soll primär durch auxologische und klinische Parameter diagnostiziert werden.
Ein Verdacht besteht, wenn:
- Die Körperhöhe nach normalem Wachstum unter den Perzentilbereich der elterlichen Zielgröße abfällt.
- Die Körperhöhe unterhalb des Zielgrößenbereichs liegt und sich weiter davon entfernt.
- Die Wachstumsgeschwindigkeit (über mind. 6-12 Monate) unterhalb der 25. Perzentile liegt.
Ausnahme Pubertät: Bei Verdacht auf eine konstitutionelle Verzögerung von Wachstum und Pubertät (CDGP) gelten für präpubertäre Mädchen (8-12 Jahre) und Jungen (10-15 Jahre) spezielle Referenzwerte für die Wachstumsgeschwindigkeit.
Radiologische und laborchemische Basisdiagnostik
Skelettalter
Zur Diagnostik soll die Bestimmung des Skelettalters nach Greulich/Pyle oder Tanner/Whitehouse erfolgen. Eine Reifungsverzögerung von > 3/4 Jahr (bei 4-7 Jährigen) bzw. > 1 Jahr (bei > 7 Jährigen) gilt als auffällig.
IGF-1 und IGFBP-3
Vor aufwändigen Stimulationstests soll die Messung von IGF-1 und IGFBP-3 erfolgen.
| Altersgruppe | Bevorzugter Parameter | Bemerkung |
|---|---|---|
| Säuglinge / Kleinkinder | IGFBP-3 | Präzisere Messung bei niedrigen Konzentrationen |
| Ältere Kinder / Jugendliche | IGF-1 | Höhere diagnostische Sensitivität |
- Werte < -2 SDS: Machen eine Störung der Achse wahrscheinlich (nach Ausschluss anderer Ursachen wie Hypothyreose oder Mangelernährung).
- Werte > -1 SDS: Machen einen Mangel unwahrscheinlich (schließen ihn aber nicht völlig aus).
Wachstumshormon-Stimulationstests
Eine einmalige basale Bestimmung des Wachstumshormons ist aufgrund der pulsatilen Ausschüttung nicht aussagekräftig.
Zur Diagnosesicherung sollen in der Regel zwei verschiedene Stimulationstests an zwei separaten Tagen durchgeführt werden. Ausnahmen (nur ein Test nötig) gelten z.B. bei Aplasie der Adenohypophyse, nach Hypophysenresektion oder bei nachgewiesenem Mangel an zwei anderen hypophysären Hormonen.
Testdurchführung und Priming
- Test-Substanzen: Arginin, Clonidin, Glukagon oder Insulin. (GHRH wird nicht empfohlen).
- Bedingungen: Morgens, nüchtern (mind. 6h), ruhend.
- Priming: Bei präpubertären Jungen (≥ 10 Jahre) und Mädchen (≥ 8 Jahre) soll ein Priming mit Sexualsteroiden durchgeführt werden, da sonst der Cut-off keine Gültigkeit hat.
- Jungen: 50 mg Testosteron-Enantat i.m. (7 Tage vor Test)
- Mädchen: 1 mg Estradiolvalerat p.o. täglich (3 Tage vor Test)
Cut-off und Interpretation
Das Testergebnis gilt als normal, wenn die höchste gemessene Wachstumshormon-Konzentration 8 µg/L (8 ng/ml) überschreitet (unter Verwendung des Standards 98/574).
Besonderheiten im Neugeborenen- und Säuglingsalter
In dieser Altersgruppe sind Stimulationstests nicht etabliert und sollen nicht angewandt werden.
- Klinik: Hypoglykämie-Neigung, Ikterus prolongatus, Mikropenis.
- Diagnostik: Ein basaler GH-Wert < 7 µg/L in der ersten Lebenswoche (bei Reife >34 SSW) macht einen Mangel sehr wahrscheinlich.
- Bildgebung: MRT der Hypothalamus-Hypophysen-Region primär heranziehen (Aplasie, Ektopie, Hypophysenstiel-Unterbrechung).
Re-Testung in der Adoleszenz (Transition)
Am Ende des Wachstums muss nach Absetzen der Therapie (Pause von mind. 1-3 Monaten) geprüft werden, ob ein schwerer Wachstumshormonmangel des Erwachsenenalters vorliegt. Ausgenommen sind Patienten mit schwerem Panhypopituitarismus.
| Prä-Testwahrscheinlichkeit | Erforderliche Diagnostik | Cut-off / Kriterium |
|---|---|---|
| Hoch (z.B. Gendefekt, MRT-Fehlbildung) | Nur IGF-1 Messung | < -2,0 SDS |
| Niedrig (idiopathisch) | IGF-1 + Stimulationstest | IGF-1 < -2,0 SDS und pathologischer Test |
Cut-offs für die Re-Testung:
- GHRH-Arginin-Test: Normal bei > 16 µg/L
- Insulin-Hypoglykämie-Test: Normal bei > 5 µg/L
💡Praxis-Tipp
Führen Sie niemals eine einzelne basale Wachstumshormon-Bestimmung zur Diagnosestellung bei älteren Kindern durch. Denken Sie bei präpubertären Jugendlichen (Jungen ≥ 10, Mädchen ≥ 8 Jahre) unbedingt an das Priming mit Sexualsteroiden, um falsch-positive Testergebnisse zu vermeiden.