Eisenmangelanämie bei Kindern: Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Die häufigste Ursache in Europa ist eine eisenarme Fehlernährung, die 10-15 % der Kinder betrifft.
- •Die Basisdiagnostik umfasst das Blutbild (Hb, MCV, MCH vermindert) und das Serumferritin.
- •Bei chronischen Entzündungen ist der lösliche Transferrinrezeptor (sTfR) der zuverlässigere Parameter zur Diagnostik.
- •Die orale Eisentherapie sollte bei leichtem bis mäßigem Mangel jeden zweiten Tag erfolgen, um die Resorption zu optimieren.
- •Eine generelle Eisenprophylaxe bei reifgeborenen, gesunden Kindern ist kontraindiziert.
Hintergrund
Die Eisenmangelanämie ist eine hyporegeneratorische, mikrozytäre und hypochrome Anämie. Sie entsteht durch eine verminderte Verfügbarkeit von Eisen für die Erythropoese. Weltweit ist Mangelernährung die Hauptursache. In Europa sind ca. 10-15 % der Kinder durch eine alimentäre Fehlernährung betroffen. Weitere Ursachen können Resorptionsstörungen (z.B. Zöliakie), chronische Blutverluste oder seltene genetische Defekte (IRIDA) sein.
Leitsymptome:
- Blässe (Kernsymptom)
- Müdigkeit, Lern- und Konzentrationsschwächen
- Mundwinkelrhagaden, Haarausfall, Koilonychie (Löffelnägel bei schwerem Mangel)
- Pica-Syndrom (Verzehr ungenießbarer Substanzen)
Diagnostik
Die Basisdiagnostik stützt sich auf das Blutbild und den Eisenstatus. Bei typischer Anamnese und passendem Blutbild ist oft keine weitere Diagnostik nötig.
| Parameter | Befund bei Eisenmangel | Bemerkung |
|---|---|---|
| Blutbild | Hb, MCV, MCH ↓ | Retikulozyten inadäquat niedrig, EVB/RDW ↑ |
| Ferritin | vermindert | Akute-Phase-Protein (bei Entzündung falsch normal/hoch) |
| sTfR | erhöht | Unabhängig von Entzündungen, reflektiert zellulären Eisenstatus |
| Ret-Hb | < 28 pg | Früher Marker eines funktionellen Eisenmangels |
Klassifikation
Der Eisenmangel wird anhand der Eisenspeicher und der Verfügbarkeit für die Erythropoese eingeteilt:
| Stadium | Hb / MCV | Ferritin | sTfR | Pathophysiologie |
|---|---|---|---|---|
| Latenter Eisenmangel | normal | vermindert | normal | Speichereisen vermindert, noch keine funktionellen Auswirkungen |
| Manifester Mangel (Körpereisen ↓) | vermindert | vermindert | erhöht | Keine ausreichenden Eisenspeicher für Erythropoese |
| Manifester Mangel (Körpereisen normal/↑) | vermindert | normal / erhöht | normal | Gestörtes Recycling aus dem RES (z.B. bei chronischer Entzündung, CRP ↑) |
Differentialdiagnosen
Die Abgrenzung zu anderen mikrozytären Anämien ist essenziell:
| Erkrankung | RDW (EVB) | Spezifische Diagnostik |
|---|---|---|
| Eisenmangelanämie | erhöht | Ferritin ↓, sTfR ↑ |
| Thalassaemia minor (α/β) | normal | Hb-Elektrophorese, Molekulargenetik |
| Bleiintoxikation | variabel | Basophile Tüpfelung |
Therapie
Die kausale Therapie (z.B. Behandlung einer Zöliakie oder Blutungsquelle) steht im Vordergrund. Die medikamentöse Substitution erfolgt primär oral.
Orale Eisensubstitution:
- Präparate: Eisen(II)-Sulfat oder Eisen(II)-Fumarat (Alternativ bei Unverträglichkeit: Eisen(III)-hydroxid-Polymaltose).
- Dosierung: 2–6 mg/kg/d nüchtern (nicht mit Milch, Tee, Kaffee).
- Einnahmeintervall: Bei leichtem/mäßigem Mangel jeden 2. Tag (alternierend). Eine tägliche Gabe erhöht das Hepcidin für ca. 24h und hemmt die Resorption der Folgedosis signifikant.
- Dauer: Mindestens 3 Monate zur Auffüllung der Eisenspeicher (Ziel: Normalisierung von Hb, MCV und Ferritin).
- Erfolgskontrolle: Retikulozytenkrise nach 5–7 Tagen, Hb-Anstieg um 1–2 g/dl pro Woche.
Parenterale Eisensubstitution: Nur bei schweren, nicht behandelbaren Resorptionsstörungen indiziert (z.B. Eisencarboxymaltose). Max. 15 mg/kg (Injektion) bzw. 20 mg/kg (Infusion), absolute Maximaldosis 1000 mg pro Einzeldosis.
Prophylaxe
- Frühgeborene (< 2500 g): 2–2,5 mg/kg/d ab der 8. Lebenswoche bis zum 12.–15. Lebensmonat.
- Schwangere: Ausreichenden Eisenstatus gewährleisten, um einen Mangel des Kindes zu vermeiden.
- Reifgeborene, gesunde Kinder: Eine Prophylaxe ist unnötig und kontraindiziert, da sie das Wachstum negativ beeinflussen kann.
💡Praxis-Tipp
Verordnen Sie orale Eisenpräparate bei leichtem bis mäßigem Eisenmangel jeden zweiten Tag statt täglich. Die tägliche Gabe erhöht den Hepcidin-Spiegel, was die Resorption der Folgedosis hemmt.