Hidradenitis suppurativa (Acne inversa): Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •HS/AI ist primär eine Erkrankung des terminalen Haartalgdrüsenapparats, nicht der apokrinen Schweißdrüsen.
- •Rauchen und Adipositas sind die wichtigsten modifizierbaren Triggerfaktoren der Erkrankung.
- •Die Einteilung erfolgt in entzündliche (IHS4-Score) und vorwiegend nicht-entzündliche Formen (Hurley-Klassifikation).
- •Ein regelmäßiges Screening auf Komorbiditäten wie Spondyloarthritis und chronisch entzündliche Darmerkrankungen wird stark empfohlen.
- •Bei chronischen anogenitalen Läsionen besteht ein hohes Risiko für Plattenepithelkarzinome (SCC), was regelmäßige Kontrollen erfordert.
Hintergrund
Die Hidradenitis suppurativa (HS), auch Acne inversa (AI) genannt, ist eine chronisch rezidivierende, entzündliche und potenziell mutilierende Hauterkrankung. Entgegen früherer Annahmen ist sie primär keine Erkrankung der apokrinen Schweißdrüsen, sondern des terminalen Haartalgdrüsenapparats. Das zentrale pathogenetische Ereignis ist eine Hyperkeratose mit Verschluss des oberen Follikelanteils.
Zu den wichtigsten Triggerfaktoren zählen:
- Rauchen: Ein hochsignifikanter Risikofaktor (Odds-Ratio 12,6). Nikotin fördert die epidermale Hyperplasie und das Wachstum von Staphylococcus aureus.
- Adipositas und Metabolisches Syndrom: Über 40 % der Patienten leiden an einem metabolischen Syndrom. Mechanische Reibung und proinflammatorische Mediatoren aus dem Fettgewebe triggern die Erkrankung.
- Genetik: Bei ca. 34 % der Verwandten ersten Grades tritt die Erkrankung ebenfalls auf.
Klinik und Klassifikation
Die Erkrankung manifestiert sich meist symmetrisch an inversen Hautregionen (axillär, inguinal, perianal, gluteal). Primäreffloreszenzen sind schmerzhafte, tief sitzende Knoten, die sich zu Abszessen und Tunneln (Fisteln) entwickeln können.
Die Leitlinie unterscheidet zwei Formen der Erkrankung, für die unterschiedliche Klassifikationssysteme angewendet werden:
| Form | Klassifikationssystem | Anwendung und Stufen |
|---|---|---|
| Entzündliche Form | IHS4 (International HS Severity Score) | Messung der Entzündungsaktivität (Milde, mittelschwere, schwere HS/AI) zur Steuerung der medikamentösen Therapie. |
| Vorwiegend nicht-entzündliche Form | Hurley-Klassifikation | Beurteilung irreversibler Gewebeschäden (Grad I, II, III) zur Indikationsstellung für chirurgische Eingriffe. |
Komplikationen und Komorbiditäten
HS/AI ist eine systemische Entzündungserkrankung, die mit erheblichen Komorbiditäten einhergeht. Eine frühzeitige Diagnostik und interdisziplinäre Anbindung sind essenziell.
Lokale Komplikationen:
- Chronische Lymphödeme (besonders anogenital)
- Strikturen und Fistelbildungen
- Plattenepithelkarzinom (SCC): Tritt als Spätkomplikation chronischer, unbehandelter Läsionen auf (mittlere Dauer bis zur Entstehung: 25,5 Jahre). Es zeigt eine hohe Metastasierungsrate und Mortalität.
| Komorbidität | Screening-Maßnahme | Klinische Konsequenz / Empfehlung |
|---|---|---|
| Plattenepithelkarzinom (SCC) | Regelmäßige Überwachung chronischer Läsionen (v. a. gluteal, perianal, genital) | Bei Verdacht soll zwingend eine histologische Abklärung erfolgen (⇑⇑). |
| Axiale Spondyloarthritis | Anamnese (tiefsitzende Rückenschmerzen), Untersuchung | Überweisung zur Rheumatologie sollte erfolgen (⇑). |
| Chronisch entzündliche Darmerkrankungen (CED) | Abklärung bei gastrointestinalen Symptomen oder perianalen Tunneln | Überweisung zur Gastroenterologie sollte erfolgen (⇑). |
| Kardiovaskuläres Risiko | Blutdruckmessung, Labor (Lipide, Nierenwerte, HbA1c) | Beratung zu modifizierbaren Risikofaktoren, ggf. Kardiologie (⇑). |
Therapieprinzipien
Die moderne Therapie der HS/AI ist ein ganzheitliches Konzept, das medikamentöse und chirurgische Ansätze kombiniert:
- Medikamentöse Therapie: Zielt auf die Reduktion der Entzündung ab (z. B. systemische Antibiotika wie Clindamycin/Rifampicin oder Biologika wie Adalimumab, Secukinumab, Bimekizumab).
- Chirurgische Therapie: Dient der Beseitigung von irreversiblem Gewebeschaden und Tunneln (stadienabhängig nach Hurley).
Therapieziele sollten regelmäßig anhand standardisierter Kriterien (IHS4, Lebensqualität) überprüft werden. Tritt nach 12 Wochen keine signifikante Besserung ein, wird eine Therapiemodifikation empfohlen.
💡Praxis-Tipp
Untersuchen Sie Patienten mit Hidradenitis suppurativa aktiv auf Komorbiditäten: Achten Sie auf tiefe Rückenschmerzen (Spondyloarthritis) und gastrointestinale Symptome (Morbus Crohn), insbesondere bei perianalem Befall.