PTBS-Leitlinie: Diagnostik & Therapie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Die traumafokussierte Psychotherapie (z. B. TF-KVT, EMDR) ist die Behandlung der ersten Wahl bei PTBS.
- •Psychopharmaka sollen weder als alleinige noch als primäre Therapie eingesetzt werden.
- •Benzodiazepine sind bei der Behandlung der PTBS streng kontraindiziert.
- •Bei Kindern und Jugendlichen ist die traumafokussierte kognitive Verhaltenstherapie Mittel der Wahl; Medikamente sollen nicht eingesetzt werden.
- •Die Komplexe PTBS (KPTBS) erfordert eine Kombination aus traumafokussierten Techniken und Methoden zur Emotionsregulation.
Hintergrund
Die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) ist eine spezifische Traumafolgeerkrankung. Mit der ICD-11 wird zudem die Komplexe Posttraumatische Belastungsstörung (KPTBS) als eigenständige Diagnose eingeführt. Diese entsteht häufig nach besonders schweren, langandauernden und sich wiederholenden traumatischen Erlebnissen (Typ-II-Traumata) wie sexuellem Missbrauch oder Folter.
Diagnostik
Die Diagnostik der PTBS soll nach den klinischen Kriterien der jeweils gültigen ICD-Version erfolgen.
- Zur Abbildung der funktionalen Gesundheit und besonderer Kontextfaktoren sollte eine strukturierte Klassifikation nach ICF erfolgen.
- Zur Unterstützung der Diagnostik sollten psychometrische Tests und PTBS-spezifische strukturierte klinische Interviews eingesetzt werden.
- Komorbide Störungen sind eher die Regel als die Ausnahme und müssen in der Diagnostik berücksichtigt werden.
Psychotherapie bei Erwachsenen
Die traumafokussierte Psychotherapie ist die Behandlung der ersten Wahl (Empfehlungsgrad A) und soll jedem Patienten mit PTBS angeboten werden. Der Schwerpunkt liegt hierbei auf der Verarbeitung der Erinnerung an das traumatische Ereignis.
| Therapieansatz | Beispiele | Empfehlung |
|---|---|---|
| Traumafokussierte Verfahren | Traumafokussierte Kognitive Verhaltenstherapie (TF-KVT), EMDR | Mittel der 1. Wahl (Grad A) |
| Nicht-traumafokussierte Verfahren | Stressimpfungstraining, stabilisierende Gruppenprogramme | Keine primäre Empfehlung |
| Adjuvante Verfahren | Ergotherapie, Kunsttherapie, Musiktherapie, Körpertherapie | Ergänzend im stationären Setting (KKP) |
Relative Kontraindikationen für ein traumafokussiertes Vorgehen sind potenziell gefährdende Symptome, die zu schwerwiegenden Störungen der Verhaltenskontrolle führen (z. B. akute Suizidalität, psychotische Symptome, schwere dissoziative Symptome, Fremdaggression).
Pharmakotherapie
Eine Psychopharmakotherapie soll weder als alleinige noch als primäre Therapie der PTBS eingesetzt werden (Empfehlungsgrad A).
| Wirkstoff | Indikation / Bemerkung | Empfehlungsgrad |
|---|---|---|
| Sertralin, Paroxetin | Nur bei Bevorzugung durch Patienten nach partizipativer Entscheidungsfindung | A |
| Venlafaxin | Off-Label-Use bei PTBS in Deutschland | A |
| Benzodiazepine | Kontraindiziert (kein Einsatz bei PTBS) | A |
Komplexe PTBS (KPTBS)
Die KPTBS umfasst neben den PTBS-Kernsymptomen zusätzlich tiefgreifende Probleme der Emotionsregulation, ein negatives Selbstkonzept (Scham, Schuld, Wertlosigkeit) und Schwierigkeiten in zwischenmenschlichen Beziehungen.
- Therapie: Es sollte eine Kombination aus traumafokussierten Techniken und Techniken zur Emotionsregulation sowie zur Bearbeitung dysfunktionaler Beziehungsmuster erfolgen (Empfehlungsgrad B).
Kinder und Jugendliche
Auch im Kindes- und Jugendalter ist die traumafokussierte kognitive Verhaltenstherapie die Behandlung der ersten Wahl (Empfehlungsgrad A).
- Elterneinbezug: Eltern oder Bezugspersonen sollten in die Behandlung einbezogen werden (Empfehlungsgrad B).
- Entwicklungsstand: Der Entwicklungsstand des Kindes/Jugendlichen soll zwingend berücksichtigt werden.
- Pharmakotherapie: Soll bei Kindern und Jugendlichen nicht eingesetzt werden. Benzodiazepine sind aufgrund des Suchtpotenzials streng kontraindiziert (Empfehlungsgrad A).
- Sicherung des Kindeswohls: Bei anhaltender Bedrohung (z. B. durch Täter) müssen vorrangig Maßnahmen zur Sicherung des Kindeswohls ergriffen werden.
💡Praxis-Tipp
Verzichten Sie bei PTBS-Patienten strikt auf die Verordnung von Benzodiazepinen. Diese sind unwirksam, bergen ein hohes Suchtpotenzial und verschlechtern das Therapieergebnis. Fokussieren Sie stattdessen auf die zeitnahe Anbindung an eine traumafokussierte Psychotherapie.