Herztransplantation bei Kindern & EMAH: Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Kinder unter 16 Jahren erhalten bei Eurotransplant automatisch den internationalen High-Urgent (HU) Status.
- •Die orthotope Herztransplantation in bicavaler Technik ist die chirurgische Standardmethode.
- •Die Standard-Dauerimmunsuppression besteht aus einem Calcineurininhibitor, einem Antimetaboliten oder mTor-Inhibitor und Glukokortikoiden.
- •Lebendimpfungen sind nach der Herztransplantation kontraindiziert, Totimpfstoffe werden empfohlen.
- •Zu den wichtigsten Langzeitkomplikationen zählen die Transplantatvaskulopathie (TVP), Nephrotoxizität und lymphoproliferative Erkrankungen (PTLD).
Hintergrund
Die Herztransplantation (HTx) bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit angeborenen Herzfehlern (EMAH) ist die Therapie der Wahl bei terminaler Herz- oder Kreislaufinsuffizienz, die anderweitig nicht behandelbar ist. Ziel ist die Verbesserung von Überleben und Lebensqualität.
Indikationen zur HTx:
- Terminales myokardiales Versagen (z.B. Kardiomyopathien, Myokarditis)
- Angeborene Herzfehler im terminalen Versagen (inkl. "Failing Fontan")
- Lebensbedrohliche, therapierefraktäre Arrhythmien
- Inoperable, funktionsmindernde kardiale Tumoren
- Terminales Transplantatversagen (Retransplantation)
Kontraindikationen:
- Nicht kurativ behandelte maligne Erkrankungen
- Klinisch manifeste oder aggravierende Infektionserkrankungen
- Fixierte pulmonale Hypertonie (PVR ≥8 WU x m², Transpulmonaler Gradient >15 mmHg)
- Irreversibles Multiorganversagen oder schwere Hirnschädigung
- Unzureichende Adhärenz trotz psychosozialer Intervention
Allokation und Listung
Die Organzuteilung in Deutschland erfolgt über Eurotransplant (ET). Die Listung wird interdisziplinär in der Transplantationskonferenz beschlossen.
Besonderheiten der pädiatrischen Allokation:
- Kinder <16 Jahre erhalten automatisch den internationalen High Urgent (HU) Status.
- Patienten ≥16 bis <18 Jahre können den pädiatrischen Status durch Nachweis eines kindlichen Knochenalters behalten.
- Kinder <2 Jahre können bei niedrigen Isoagglutinintitern für eine blutgruppenfremde (AB0-inkompatible) Transplantation gelistet werden.
Chirurgische Techniken
| Technik | Beschreibung | Bemerkung |
|---|---|---|
| Orthotop (bicaval) | Anastomosen an linkem Vorhof, beiden Hohlvenen, Aorta und Pulmonalarterie | Heutiger Standard, weniger Rhythmusstörungen und Klappeninsuffizienzen |
| Orthotop (biatrial) | Anastomosen der Vorhöfe, Aorta und Pulmonalarterie | Selten, v.a. bei komplexer Anatomie oder Säuglingen |
| Heterotop | Spenderherz wird als zusätzliches Herz im Nebenschluss implantiert | Ultima Ratio bei fixiertem pulmonalem Hypertonus oder Größen-Missmatch |
Immunsuppression
Eine lebenslange, individuell adaptierte Immunsuppression ist obligat. Sie gliedert sich in eine fakultative Induktionstherapie und eine dauerhafte Erhaltungstherapie.
| Medikamentengruppe | Wirkstoffe | Indikation / Bemerkung |
|---|---|---|
| Induktionstherapie | Antithymozytenglobulin (ATG), Basiliximab | Fakultativ vor/während OP bei hohem immunologischem Risiko |
| Calcineurininhibitoren (CNI) | Tacrolimus, Cyclosporin A | Basis der Dauertherapie. Nephrotoxisch, regelmäßige Spiegelkontrollen nötig |
| Antimetabolite | Mycophenolat-Mofetil (MMF), Azathioprin | Kombination mit CNI. MMF ist Standard |
| mTor-Inhibitoren | Everolimus, Sirolimus | Einsatz frühestens ab 4. Monat (Wundheilungsstörungen). Nierenschonender als CNI |
| Glukokortikoide | Prednison, Prednisolon | Initial obligat, sollte im 1. Jahr ausgeschlichen werden |
Medikamenteninteraktionen
Vor jeder zusätzlichen Medikamentengabe muss das Transplantationszentrum kontaktiert werden!
| Effekt auf CNI/mTor-Spiegel | Auslösende Substanzen |
|---|---|
| Spiegelanstieg (Toxizität) | Makrolidantibiotika (Erythromycin), Antimykotika (Fluconazol), Calciumantagonisten, Grapefruit |
| Spiegelabfall (Abstoßung) | Barbiturate, Johanniskraut, Rifampicin |
| Verstärkte Nephrotoxizität | NSAR (Ibuprofen, Diclofenac), Aminoglykoside, Aciclovir |
Infektionsprophylaxe
Vor der Transplantation muss ein vollständiger Impfstatus (inkl. Pneumokokken, Meningokokken) erreicht werden. Lebendimpfungen sind nach der HTx kontraindiziert. Totimpfstoffe (z.B. Influenza) werden dringend empfohlen.
Postoperativ erfolgen spezifische Prophylaxen:
- Pneumocystis jiroveci: Cotrimoxazol im 1. Jahr.
- Pilzinfektionen: Amphotericin B / Nystatin für ca. 3 Monate.
- CMV-Prophylaxe: Abhängig vom Spender/Empfänger-Status (Ganciclovir/Valganciclovir für 3 Monate).
Komplikationen und Nachsorge
Im ersten Jahr dominieren akute Abstoßungen und Infektionen, im Langzeitverlauf die Transplantatvaskulopathie und Malignome.
Akute zelluläre Abstoßung
Eine akute Abstoßung ist ein kardiologischer Notfall.
- Klinik: Schwäche, Fieber, Rhythmusstörungen, Herzinsuffizienzzeichen.
- Diagnostik: Echokardiographie (reduzierte Funktion, Perikarderguss), EKG (Voltage-Abfall >20%, neue Arrhythmien), Labor (Troponin/BNP erhöht).
- Sicherung: Endomyokardiale Biopsie.
Histologische Klassifikation (ISHLT):
| Grad | Definition | Therapie |
|---|---|---|
| 0 | Keine Abstoßung | Keine Änderung |
| 1R | Milde Abstoßung (bis zu 1 Fokus) | Meist nur Optimierung der Immunsuppression |
| 2R | Moderate Abstoßung (≥2 Foci) | Steroidstoßtherapie über 3 Tage |
| 3R | Schwere Abstoßung (diffuse Infiltrate) | Steroidstoß, ggf. ATG/Basiliximab bei Hämodynamik-Relevanz |
Langzeitkomplikationen
- Transplantatvaskulopathie (TVP): Beschleunigte Koronarsklerose. Diagnostik via Angiographie/IVUS. Therapie: Statine, Umstellung auf mTor-Inhibitoren.
- Nephrotoxizität: CNI-induziert. Regelmäßige GFR- und Urinkontrollen.
- Malignome: Erhöhtes Risiko für Hautkrebs und Post-Transplant-Lymphoproliferative Erkrankungen (PTLD). PTLD ist oft EBV-assoziiert (regelmäßige EBV-PCR-Kontrollen!).
Lebensführung nach HTx
- Sport: Ausdauersport und leichtes Krafttraining werden ausdrücklich empfohlen. Schulsport ist möglich.
- Schwangerschaft: Grundsätzlich möglich, erfordert aber interdisziplinäre Planung und Anpassung der teratogenen Medikation (z.B. MMF absetzen). Stillen wird nicht empfohlen (Übertritt von Immunsuppressiva).
💡Praxis-Tipp
Achten Sie streng auf Medikamenteninteraktionen: Makrolidantibiotika, Azol-Antimykotika und Grapefruit führen zu einem gefährlichen Spiegelanstieg der Calcineurininhibitoren.