Vorhofflimmern: Aktuelle S3-Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Die Diagnose von Vorhofflimmern erfordert zwingend ein ärztlich interpretiertes EKG (12-Kanal oder 1-Kanal >30 Sekunden).
- •Bei neu diagnostiziertem Vorhofflimmern soll standardmäßig eine transthorakale Echokardiographie (TTE) durchgeführt werden.
- •Die Erfassung der Symptomlast erfolgt strukturiert über den modifizierten EHRA-Score.
- •Ein opportunistisches EKG-Screening wird für Patienten ab 75 Jahren oder mit erhöhtem Schlaganfallrisiko empfohlen.
- •Ein generelles Screening mittels Smartwatches wird derzeit nicht empfohlen; Verdachtsfälle erfordern eine EKG-Bestätigung.
Hintergrund
Vorhofflimmern (AF) ist die häufigste anhaltende Herzrhythmusstörung mit einer weltweiten Prävalenz von 2-4 %. Es führt zu einer unkoordinierten elektrischen Aktivierung der Vorhöfe und erhöht das Risiko für schwerwiegende Komplikationen erheblich: Schlaganfall (2,4-fach), Herzinsuffizienz (5-fach) und Mortalität (1,5- bis 2-fach).
Klassifikation
Die Einteilung erfolgt primär nach dem klinischen Verteilungsmuster und der Episodendauer:
| Klassifikation | Definition |
|---|---|
| Erstdiagnostiziert | Erstmals diagnostiziertes AF, unabhängig von Dauer oder Symptomatik |
| Paroxysmal | Endet spontan oder durch Kardioversion innerhalb von 7 Tagen |
| Persistierend | Endet spontan oder durch Kardioversion nach mehr als 7 Tagen |
| Lang-persistierend | Besteht kontinuierlich >12 Monate zum Zeitpunkt der Entscheidung zur Rhythmuskontrolle |
| Permanent | Gemeinsame Entscheidung von Arzt und Patient, keine Rhythmuskontrolle mehr anzustreben |
Diagnostik
Die Diagnosestellung soll durch ärztliche Interpretation eines EKGs von ausreichender Qualität erfolgen (Starke Empfehlung).
- Goldstandard: 12-Kanal-EKG oder 1-Kanal-EKG über mindestens 30 Sekunden.
- Wearables/Smartwatches: Bei Verdacht durch photoplethysmographische Pulswellenanalyse (PPG) ist zwingend eine EKG-Dokumentation zur Sicherung erforderlich.
- Bildgebung: Alle Patienten mit neu diagnostiziertem AF sollen eine transthorakale Echokardiographie (TTE) erhalten.
- Psychosomatik: Ein Screening auf psychische Störungen (z. B. Depression, Angststörung) sollte erfolgen.
Symptomerfassung (EHRA-Score)
Die Schwere der Symptomatik soll standardisiert mit dem modifizierten EHRA-Score erhoben werden:
| Score | Symptome | Beschreibung |
|---|---|---|
| 1 | Keine | Das Vorhofflimmern verursacht keine Beschwerden |
| 2a | Leicht | Die normale Alltagstätigkeit ist nicht beeinträchtigt |
| 2b | Mittelschwer | Alltagstätigkeit nicht beeinträchtigt, aber Patient ist verunsichert |
| 3 | Schwer | Normale Alltagstätigkeiten sind beeinträchtigt |
| 4 | Behindernd | Normale Alltagstätigkeit ist nicht mehr möglich |
Screening
Ein generelles Screening auf Vorhofflimmern mit kontinuierlichen Monitoren (z. B. Smartwatches) wird derzeit nicht empfohlen, da die therapeutischen Konsequenzen (insbesondere bei niedriger AF-Last) unklar sind.
Ein opportunistisches, mindestens einmaliges EKG-Screening sollte jedoch bei folgenden Risikogruppen durchgeführt werden:
| Risikofaktor | Bemerkung |
|---|---|
| Alter ≥ 75 Jahre | Erhöhtes Schlaganfallrisiko |
| Herzinsuffizienz | Erhöhtes Schlaganfallrisiko |
| Hypertonie | Erhöhtes Schlaganfallrisiko |
| Diabetes mellitus | Erhöhtes Schlaganfallrisiko |
| Z.n. Schlaganfall / TIA | Erhöhtes Schlaganfallrisiko |
| Gefäßerkrankungen | KHK oder pAVK |
| Adipositas | BMI > 30 |
Lebensstil und Prävention
Körperliche Inaktivität erhöht das AF-Risiko. Patienten sollen zu den Vorteilen moderater körperlicher Aktivität beraten werden (Starke Empfehlung). Besonders bei paroxysmalem AF und Angst vor Belastung soll ein strukturiertes Training (z. B. Herzsportgruppe) empfohlen werden, da dies die Rezidivrate senken und die Lebensqualität verbessern kann.
💡Praxis-Tipp
Sichern Sie eine durch Smartwatches (Wearables) oder Pulsplethysmographie gestellte Verdachtsdiagnose auf Vorhofflimmern immer durch ein ärztlich befundetes EKG (12-Kanal oder 1-Kanal >30s), bevor Sie therapeutische Konsequenzen ziehen.