S3-Leitlinie Analkarzinom: Diagnostik und Therapie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Ueber 90 % der Analkarzinome sind mit Hochrisiko-HPV-Infektionen (v. a. HPV 16) assoziiert.
- •Fuer HIV-positive Patienten wird ein jaehrliches Screening mittels Inspektion, Palpation und Analzytologie empfohlen.
- •Die Unterscheidung zwischen Analrand- und Analkanalkarzinom ist prognostisch und therapeutisch essenziell.
- •Bei Verdacht auf Analkarzinom ist eine histopathologische Sicherung (Biopsie) zwingend erforderlich.
- •Bei Analrandkarzinomen <= 2 cm ohne Sphinkterinfiltration sollte primaer eine R0-Exzision angestrebt werden.
Hintergrund
Das Analkarzinom ist ein seltener Tumor des Gastrointestinaltrakts (unter 5 % aller GI-Malignome). In ueber 90 % der Faelle wird es durch eine persistierende Infektion mit Hochrisiko-Humanen-Papillomviren (HR-HPV), insbesondere HPV 16, verursacht. Zu den wesentlichen Risikofaktoren zaehlen:
- Immundefizienz (z. B. HIV-Infektion, iatrogene Immunsuppression)
- Rezeptiver Analverkehr und haeufig wechselnde Sexualpartner
- Vorerkrankungen mit HPV-assoziierten anogenitalen Laesionen
- Nikotinabusus
Definition und Abgrenzung
Die genaue anatomische Zuordnung ist fuer Prognose und Therapie entscheidend (Starker Konsens).
| Karzinom-Typ | Klinische Definition |
|---|---|
| Analrandkarzinom | Unter Spreizung der Nates makroskopisch vollstaendig sichtbar. Liegt ueberwiegend im Radius von 5 cm um die Linea anocutanea. |
| Analkanalkarzinom | Makroskopisch unter Spreizung der Nates nicht oder nicht vollstaendig sichtbar. |
TNM-Klassifikation (AJCC 2017)
Die Stadieneinteilung erfolgt nach der aktuellen AJCC-Klassifikation (Starker Konsens).
| T-Stadium | Definition |
|---|---|
| Tis | Hochgradige plattenepitheliale intraepitheliale Laesion (HSIL/AIN II-III) |
| T1 | Tumor <= 2 cm |
| T2 | Tumor > 2 cm und <= 5 cm |
| T3 | Tumor > 5 cm |
| T4 | Tumor jeder Groesse mit Infiltration benachbarter Organe (z. B. Vagina, Urethra, Blase) |
| N-Stadium | Definition |
|---|---|
| N0 | Keine regionaeren Lymphknotenmetastasen |
| N1 | Metastasen in inguinalen, mesorektalen oder iliakalen Lymphknoten |
Praevention und Screening
Ein systematisches Screening wird fuer Risikogruppen empfohlen, um inzidente Karzinome und Praekanzerosen fruehzeitig zu erkennen:
- HIV-positive Patienten: Jaehrliches Screening mittels Inspektion, Palpation (digital-rektale Untersuchung) und Analzytologie (Starker Konsens).
- HIV-negative Risikopatienten: (z. B. MSM, Immunsupprimierte, Frauen mit HPV-assoziierten Karzinomen) Screening mindestens alle 12 bis 36 Monate anbieten (Starker Konsens).
- Auffaellige Befunde: Abklaerung mittels Proktoskopie oder hochaufloesender Anoskopie (HRA) und gezielter Biopsie.
Primaere Diagnostik
Bei Verdacht auf ein Analkarzinom sind folgende diagnostische Schritte durchzufuehren:
- Anamnese: Abklaerung von Risikofaktoren (HIV, Sexualpraktiken, Nikotin) (Starker Konsens).
- Koerperliche Untersuchung: Fokus auf Leistenlymphknoten und Analregion (Starker Konsens).
- Proktologische Untersuchung: Inklusive digital-rektaler Untersuchung, Proktoskopie, ggf. Rektoskopie und analer Endosonographie (Starker Konsens).
- Tumorbeschreibung: Exakte Dokumentation von Lage (Steinschnittlage), Groesse, Ausdehnung und Beweglichkeit/Sphinkterinfiltration (Starker Konsens).
- Histopathologie: Eine histopathologische Sicherung (Biopsie) soll stets angestrebt werden (Starker Konsens). Zudem sollte eine HPV-Analyse erfolgen.
Therapie in fruehen Stadien
Die primaere Therapieentscheidung haengt von der Lokalisation und Groesse ab. Vor einer Exzision muss ein Sphinkterkontakt (z. B. via MRT oder Endosonographie) ausgeschlossen werden.
| Tumor | Befund | Therapieempfehlung | Empfehlungsgrad |
|---|---|---|---|
| Analrandkarzinom | <= 2 cm, keine Sphinkter-/Organinfiltration | Therapeutische R0-Exzision mit 0,5 cm Sicherheitsabstand | Konsens |
| Analrandkarzinom | Unklare Histologie/HGAIN in Biopsie, <= 2 cm | Therapeutische R0-Exzision mit 0,5 cm Sicherheitsabstand | Starker Konsens |
| Analkanalkarzinom | <= 2 cm, sehr gut mobil, keine Sphinkterinfiltration | Therapeutische R0-Exzision mit 0,5 cm Sicherheitsabstand kann erwogen werden | Starker Konsens |
💡Praxis-Tipp
Fuehren Sie bei unklaren perianalen Laesionen, die unter konservativer Therapie nach 4-6 Wochen nicht abheilen, stets eine Biopsie zum Ausschluss eines Analkarzinoms durch.