Arzneimitteltherapiesicherheit: Medikationsabgleich
Hintergrund
Die Optimierung der Arzneimitteltherapie gewinnt durch die zunehmende Zahl an Menschen mit chronischen Erkrankungen und Multimorbidität stetig an Bedeutung. Polypharmazie birgt sowohl Chancen als auch Risiken für unerwünschte Arzneimittelwirkungen.
Laut der NICE-Leitlinie NG5 sind zwischen fünf und acht Prozent der ungeplanten Krankenhauseinweisungen auf vermeidbare Medikationsfehler zurückzuführen. Eine strukturierte Herangehensweise ist daher essenziell, um die Patientensicherheit zu gewährleisten.
Ziel der Leitlinie ist es, durch eine verbesserte Kommunikation, regelmäßige Medikationsanalysen und die Einbindung der Betroffenen in Therapieentscheidungen die bestmöglichen klinischen Ergebnisse zu erzielen.
Empfehlungen
Die Leitlinie formuliert folgende Kernempfehlungen zur Optimierung der Arzneimitteltherapie:
Fehlerkultur und Patientensicherheit
Die Leitlinie empfiehlt die Etablierung einer fehlerverzeihenden Kultur ("fair blame"), um die Meldung von Medikationsfehlern zu fördern. Es wird geraten, verschiedene Methoden zur Identifikation von Zwischenfällen zu nutzen, wie etwa die Überprüfung von Gesundheitsakten oder direkte Beobachtungen.
Zudem wird die Anwendung der PINCER-Prinzipien empfohlen, um medikationsbedingte Zwischenfälle zu reduzieren. Dazu gehören unter anderem:
-
Die Nutzung von IT-gestützten Systemen
-
Die aktive Einbindung eines multidisziplinären Teams
-
Die Bereitstellung von dedizierter pharmazeutischer Unterstützung
Kommunikation an Schnittstellen
Bei einem Wechsel der Versorgungseinrichtung wird eine proaktive Informationsweitergabe innerhalb von 24 Stunden empfohlen. Die Leitlinie fordert die Übermittlung vollständiger Daten zur aktuellen Medikation, um die Sicherheit nicht zu gefährden.
Folgende Informationen sollten laut Leitlinie zwingend geteilt werden:
-
Kontaktdaten der behandelnden Ärzte und der bevorzugten Apotheke
-
Bekannte Arzneimittelallergien und aufgetretene Reaktionen
-
Detaillierte Angaben zu allen verschriebenen und rezeptfreien Präparaten
-
Kürzlich vorgenommene Änderungen inklusive Begründung
-
Datum und Uhrzeit der letzten Dosisgabe
Medikationsabgleich (Reconciliation)
Im Akutbereich wird ein vollständiger Medikationsabgleich innerhalb von 24 Stunden nach Aufnahme empfohlen. In der Primärversorgung sollte dieser Abgleich nach einer Krankenhausentlassung innerhalb von einer Woche erfolgen.
Es wird betont, dass dieser Prozess von geschultem Fachpersonal, idealerweise Apothekern, Pflegekräften oder Ärzten, durchgeführt werden sollte.
Strukturierte Medikationsanalyse (Review)
Die Leitlinie rät zu einer strukturierten Medikationsanalyse bei spezifischen Risikogruppen. Dazu zählen insbesondere ältere Menschen sowie Personen mit chronischen Erkrankungen oder Polypharmazie.
Bei der Analyse sollten folgende Aspekte berücksichtigt werden:
-
Die Ansichten und das Verständnis der Betroffenen bezüglich ihrer Medikamente
-
Die Sicherheit, Wirksamkeit und Leitlinienkonformität der Therapie
-
Das Vorliegen von Risikofaktoren für unerwünschte Arzneimittelwirkungen
-
Notwendige Monitoring-Maßnahmen
Patientenbeteiligung und Entscheidungshilfen
Es wird empfohlen, Betroffenen die Möglichkeit zu geben, sich aktiv an Entscheidungen über ihre Medikamente zu beteiligen. Dabei sollte der gewünschte Grad der Einbindung individuell ermittelt werden.
Die Leitlinie befürwortet den Einsatz von evidenzbasierten Entscheidungshilfen (Patient Decision Aids), um Vor- und Nachteile von Behandlungsoptionen transparent darzustellen. Diese Hilfsmittel sollen das ärztliche Gespräch jedoch nicht ersetzen, sondern ergänzen.
💡Praxis-Tipp
Ein häufiges Risiko im klinischen Alltag ist der Informationsverlust an den Schnittstellen der Versorgung. Die Leitlinie warnt davor, dass zwischen 30 und 70 Prozent der Betroffenen bei einem Wechsel der Einrichtung unbeabsichtigte Medikationsänderungen erfahren. Zudem wird bei der Nutzung von elektronischen Verordnungssystemen auf die Gefahr der "Alert Fatigue" (Warnmüdigkeit) hingewiesen, weshalb Warnhinweise klinisch relevant und zielgerichtet konfiguriert sein sollten.
Häufig gestellte Fragen
Laut Leitlinie wird im Akutbereich ein vollständiger Medikationsabgleich innerhalb von 24 Stunden nach der Aufnahme empfohlen. Bei klinischer Notwendigkeit sollte dieser Prozess auch schneller erfolgen.
Die Leitlinie empfiehlt strukturierte Medikationsanalysen insbesondere für ältere Menschen und Personen mit chronischen Erkrankungen. Auch bei Vorliegen einer Polypharmazie wird eine regelmäßige Überprüfung der Therapie angeraten.
Es wird empfohlen, innerhalb von 24 Stunden eine vollständige Liste aller aktuellen Medikamente, kürzliche Dosisänderungen sowie bekannte Allergien zu übermitteln. Zudem sollten der Zeitpunkt der letzten Einnahme und die Kontaktdaten der behandelnden Ärzte geteilt werden.
Die Leitlinie rät dazu, elektronische Entscheidungshilfen so zu konfigurieren, dass sie wichtige Sicherheitsprobleme aufzeigen, ohne eine Warnmüdigkeit ("Alert Fatigue") auszulösen. Warnungen zu schwerwiegenden Medikationsfehlern ("Never Events") dürfen dabei nicht deaktivierbar sein.
War diese Zusammenfassung hilfreich?
Quelle: NICE Guideline on Medicines Optimisation in Older People (NICE, 2015). Originaldokument ansehen
KI-generierte Zusammenfassung. Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung. Die klinische Entscheidung trifft der behandelnde Arzt.
Verwandte Leitlinien
CG76: Medicines adherence: involving patients in decisions about prescribed medicines and supporting adherence
NG67: Managing medicines for adults receiving social care in the community
NICE Guideline on Multimorbidity
Antimicrobial stewardship: systems and processes for effective antimicrobial medicine use
NG56: Multimorbidity: clinical assessment and management
ClariMed durchsucht alle medizinischen Leitlinien
AWMF, NVL, NICE, WHO, ESC, KDIGO - Quellenzitiert, kostenlos. Speichern Sie Ihren Verlauf auf allen Geräten mit einem kostenlosen Konto.
Kostenloses Konto erstellen