Antiepileptika bei Neugeborenen: Leitlinien-Empfehlung
Hintergrund
Neugeborene haben im Vergleich zu älteren Kindern und Erwachsenen ein deutlich höheres Risiko für Krampfanfälle. Die durch diese Anfälle verursachten Hirnschäden können zu langfristigen neurologischen Folgen wie Zerebralparese, kognitiven Einschränkungen oder einer späteren Epilepsie führen.
Die medikamentöse Behandlung stellt eine besondere Herausforderung dar, da das unreife Gehirn eine veränderte Rezeptoraktivität aufweist. Bisher war unklar, welches Medikament als Erstlinientherapie am besten geeignet ist und wie lange die Therapie fortgeführt werden sollte.
Dieser Cochrane-Review aus dem Jahr 2023 untersucht die Wirksamkeit verschiedener Antiepileptika bei reifen und späten Frühgeborenen. Zudem wird bewertet, ob eine Erhaltungstherapie oder die Behandlung rein elektrographischer Anfälle vorteilhaft für die neurologische Entwicklung ist.
Empfehlungen
Der Cochrane-Review fasst die Evidenz zur medikamentösen Therapie von Krampfanfällen bei Neugeborenen zusammen:
Erstlinientherapie
Laut Meta-Analyse ist Phenobarbital wahrscheinlich wirksamer als Levetiracetam, um eine Anfallskontrolle zu erreichen (moderate Evidenz). Dies gilt sowohl nach der ersten Aufsättigungsdosis als auch nach der maximalen Aufsättigungsdosis.
Bezüglich anderer Endpunkte wie Mortalität, Beatmungspflichtigkeit oder späterer Epilepsie bleibt die Überlegenheit von Phenobarbital gegenüber Levetiracetam jedoch unklar.
Der Vergleich zwischen Phenobarbital und Phenytoin liefert laut Review keine eindeutigen Ergebnisse zur Anfallskontrolle (sehr niedrige Evidenz).
Zusatztherapien und Erhaltungstherapie
Die Kombination von Phenobarbital mit Bumetanid zeigt im Vergleich zur Phenobarbital-Monotherapie wahrscheinlich keinen wesentlichen Unterschied bei der Anfallskontrolle.
Nach erfolgreicher Anfallskontrolle durch eine Aufsättigungsdosis hat eine anschließende Erhaltungstherapie laut Review kaum oder keine Auswirkungen auf die Mortalität oder die neurologische Entwicklung. Es ist zudem unklar, ob sie das Risiko für erneute Anfälle vor der Entlassung senkt.
Elektrographische Anfälle
Bei Neugeborenen mit hypoxisch-ischämischer Enzephalopathie wird häufig diskutiert, ob rein elektrographische Anfälle ohne klinische Symptome behandelt werden sollten.
Die Behandlung sowohl klinischer als auch elektrographischer Anfälle zeigt im Vergleich zur alleinigen Behandlung klinischer Anfälle kaum oder keine Auswirkungen auf die Mortalität oder spätere Epilepsien (niedrige Evidenz).
Dosierung
Der Review analysiert Studien mit unterschiedlichen Dosierungsschemata. Die folgende Tabelle zeigt die in den Studien am häufigsten verwendeten Aufsättigungsdosen für Neugeborene:
| Medikament | Typische Aufsättigungsdosis (laut Studien) | Indikation |
|---|---|---|
| Phenobarbital | 20 - 40 mg/kg | Erstlinientherapie |
| Levetiracetam | 20 - 60 mg/kg | Erstlinientherapie |
| Phenytoin | 20 mg/kg | Erstlinientherapie |
| Lorazepam | 0,05 mg/kg | Erstlinientherapie |
| Lidocain | 4 mg/kg (gefolgt von 2 mg/kg/h) | Zweitlinientherapie |
Kontraindikationen
Der Review nennt verschiedene potenzielle Nebenwirkungen der Antiepileptika, die bei der Therapie überwacht werden sollten:
-
Phenobarbital und Benzodiazepine können eine Atemdepression verursachen, die eine mechanische Beatmung erforderlich macht.
-
Phenytoin birgt das Risiko für Arrhythmien und Kreislaufstörungen.
-
Lidocain kann zu einer Hypotonie führen, die eine Volumen- oder Inotropika-Gabe erfordert.
💡Praxis-Tipp
Der Review betont, dass die rein klinische Diagnose von Krampfanfällen bei Neugeborenen unzuverlässig ist, da viele Anfälle nur elektrographisch auftreten oder normale Verhaltensweisen als Anfälle fehlinterpretiert werden. Es wird daher der Einsatz eines kontinuierlichen Video-EEGs als Goldstandard zur Diagnose und Überwachung empfohlen.
Häufig gestellte Fragen
Laut dem Cochrane-Review ist Phenobarbital wahrscheinlich wirksamer als Levetiracetam, um eine Anfallskontrolle zu erreichen. Die Evidenz für andere Vergleiche ist derzeit noch sehr gering.
Der Review zeigt, dass eine Erhaltungstherapie nach erfolgreicher Aufsättigung kaum Auswirkungen auf die Mortalität oder die neurologische Langzeitentwicklung hat. Es bleibt unklar, ob sie das Risiko für erneute Anfälle vor der Entlassung signifikant senkt.
Die Behandlung von Anfällen, die nur im EEG sichtbar sind, zeigt laut Meta-Analyse keinen wesentlichen Vorteil hinsichtlich der Mortalität oder der späteren Epilepsieentwicklung. Die Evidenz hierfür ist jedoch niedrig.
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Quelle: Cochrane Review: Anti-seizure medications for neonates with seizures (Cochrane, 2023). Originaldokument ansehen
KI-generierte Zusammenfassung. Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung. Die klinische Entscheidung trifft der behandelnde Arzt.
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