Alkoholabhängigkeit: Diagnostik, Entzug und Therapie

Diese Leitlinie stammt aus 2011 und ist möglicherweise nicht mehr aktuell. Aktualität beim Herausgeber prüfen
KI-generierte Zusammenfassung|Quelle: NICE (2011)|Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

Hintergrund

Die NICE-Leitlinie CG115 behandelt die Identifikation, Beurteilung und Behandlung von schädlichem Alkoholkonsum und Alkoholabhängigkeit. Sie richtet sich an Fachpersonal, das Erwachsene sowie Kinder und Jugendliche im Alter von 10 bis 17 Jahren betreut.

Alkoholabhängigkeit verläuft auf einem Kontinuum von milder bis schwerer Ausprägung. Die Leitlinie betont, dass die Schwere der Abhängigkeit maßgeblich die Wahl und Intensität der Interventionen bestimmt.

Da nur ein kleiner Teil der Betroffenen professionelle Hilfe in Anspruch nimmt, wird eine verbesserte Früherkennung gefordert. Ein strukturierter Behandlungsansatz soll helfen, sowohl die direkten gesundheitlichen Folgen als auch soziale und psychische Komorbiditäten zu reduzieren.

Empfehlungen

Die NICE-Leitlinie formuliert folgende Kernempfehlungen für den klinischen Alltag:

Diagnostik und Assessment

Für die strukturierte Erfassung von Alkoholkonsum und Abhängigkeit wird der Einsatz validierter Instrumente empfohlen. Die Leitlinie nennt hierbei:

  • Den AUDIT-Fragebogen zur Identifikation und als Routinemessinstrument

  • Den SADQ oder LDQ zur Bestimmung der Abhängigkeitsschwere

  • Die CIWA-Ar-Skala zur Beurteilung der Entzugssymptomatik

  • Den APQ zur Erfassung alkoholbedingter Probleme

Blutuntersuchungen sollen laut Leitlinie nicht routinemäßig zur Diagnose eingesetzt werden. Sie werden jedoch empfohlen, um körperliche Begleiterkrankungen zu identifizieren oder die Erholung der Leberfunktion im Verlauf zu überwachen.

Behandlungsziele

Für die meisten Personen mit Alkoholabhängigkeit sowie bei signifikanten psychiatrischen oder physischen Komorbiditäten wird Abstinenz als primäres Behandlungsziel empfohlen.

Bei schädlichem Gebrauch oder milder Abhängigkeit ohne schwere Komorbiditäten kann ein moderater Konsum als Ziel erwogen werden. Dies setzt ein intaktes soziales Umfeld voraus.

Alkoholentzug (Assisted Withdrawal)

Ein begleiteter Entzug wird für Personen empfohlen, die typischerweise mehr als 15 Einheiten Alkohol pro Tag trinken oder einen AUDIT-Score von 20 oder mehr aufweisen. Bei milder bis moderater Abhängigkeit sollte dieser primär ambulant erfolgen.

Ein stationärer oder vollstationärer Entzug wird unter anderem bei folgenden Kriterien empfohlen:

  • Konsum von über 30 Einheiten Alkohol pro Tag

  • SADQ-Score von über 30

  • Anamnese von Epilepsie, Entzugskrämpfen oder Delirium tremens

  • Notwendigkeit eines gleichzeitigen Benzodiazepin-Entzugs

  • Erhebliche psychiatrische oder physische Komorbiditäten

Psychologische und medikamentöse Rückfallprophylaxe

Nach erfolgreichem Entzug wird bei moderater und schwerer Abhängigkeit eine Kombination aus psychologischen Interventionen und Pharmakotherapie empfohlen. Als psychologische Verfahren werden kognitive Verhaltenstherapie, Verhaltenstherapie oder netzwerkbasierte Therapien genannt.

Kinder und Jugendliche

Bei Kindern und Jugendlichen im Alter von 10 bis 17 Jahren ist das primäre Behandlungsziel laut Leitlinie stets die Abstinenz. Für die Altersgruppe der 10- bis 15-Jährigen wird bei assoziierten Problemen eine Überweisung an spezialisierte kinder- und jugendpsychiatrische Dienste empfohlen. Ein notwendiger Entzug sollte in dieser Altersgruppe stationär erfolgen.

Dosierung

Die Leitlinie empfiehlt folgende medikamentöse Optionen zur Rückfallprophylaxe nach erfolgreichem Entzug:

MedikamentDosierungIndikation und AnwendungDauer der Therapie
Acamprosat1998 mg/Tag (666 mg 3x/Tag). Bei Körpergewicht <60 kg: max. 1332 mg/TagStart so bald wie möglich nach dem Entzug.In der Regel bis zu 6 Monate. Abbruch, wenn der Konsum 4-6 Wochen nach Start anhält.
Naltrexon (oral)Startdosis: 25 mg/Tag. Erhaltungsdosis: 50 mg/TagStart nach dem Entzug.In der Regel bis zu 6 Monate. Abbruch, wenn der Konsum 4-6 Wochen nach Start anhält.
Disulfiram200 mg/Tag (Dosissteigerung bei unzureichender Wirkung möglich)Start frühestens 24 Stunden nach dem letzten Alkoholkonsum.Regelmäßige medizinische Überwachung erforderlich (anfangs alle 2 Wochen).
Benzodiazepine (z.B. Chlordiazepoxid, Diazepam)Individuell nach Schweregrad titriert, Reduktion über 7-10 TageNur zur Behandlung des akuten Entzugssyndroms.7 bis 10 Tage (im festen Dosierungsschema).

Kontraindikationen

Die Leitlinie formuliert folgende Warnhinweise und Kontraindikationen:

  • Disulfiram: Vor Therapiebeginn müssen Leber- und Nierenfunktion geprüft werden. Kontraindikationen bestehen bei Schwangerschaft, schwerer psychischer Erkrankung, Schlaganfall, Herzerkrankungen oder Hypertonie.

  • Clomethiazol: Darf wegen der Gefahr von Überdosierung und Missbrauch nicht für den ambulanten Entzug verwendet werden.

  • Antidepressiva (inkl. SSRI) und GHB: Sollen nicht routinemäßig zur alleinigen Behandlung von Alkoholmissbrauch eingesetzt werden.

  • Benzodiazepine: Dürfen ausschließlich für das Management des Entzugs und nicht als Dauertherapie der Alkoholabhängigkeit verordnet werden.

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Häufige Fragen dazu

💡Praxis-Tipp

Bei Personen mit Alkoholabhängigkeit und komorbider Depression oder Angststörung empfiehlt die Leitlinie, zunächst den Alkoholmissbrauch zu behandeln. Oftmals bessern sich die psychiatrischen Symptome nach 3 bis 4 Wochen Abstinenz signifikant. Erst wenn die Symptome nach dieser Abstinenzphase persistieren, sollte eine spezifische psychiatrische Diagnostik und Therapie eingeleitet werden.

Häufig gestellte Fragen

Die Leitlinie empfiehlt den AUDIT-Fragebogen zur Identifikation und Verlaufskontrolle. Zur Bestimmung der Schwere der Abhängigkeit wird der SADQ oder LDQ empfohlen, während die CIWA-Ar-Skala für die Beurteilung von Entzugssymptomen genutzt werden sollte.

Ein stationärer Entzug wird laut Leitlinie unter anderem bei einem Konsum von über 30 Einheiten pro Tag, einem SADQ-Score über 30 oder bei einer Anamnese von Entzugskrämpfen empfohlen. Auch bei schweren körperlichen oder psychiatrischen Begleiterkrankungen ist eine stationäre Aufnahme indiziert.

Für den ambulanten Entzug wird die Gabe von Benzodiazepinen (wie Chlordiazepoxid oder Diazepam) in einem festen Dosierungsschema empfohlen. Die Dosis sollte über 7 bis 10 Tage schrittweise reduziert werden.

Es wird empfohlen, Acamprosat in der Regel für bis zu 6 Monate zu verschreiben. Die Therapie sollte jedoch abgebrochen werden, wenn der Alkoholkonsum 4 bis 6 Wochen nach Behandlungsbeginn weiterhin anhält.

Die Leitlinie rät davon ab, Antidepressiva (einschließlich SSRI) routinemäßig zur alleinigen Behandlung von Alkoholmissbrauch einzusetzen. Sie sollten nur bei einer diagnostizierten, persistierenden komorbiden Depression nach einer Abstinenzphase verwendet werden.

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Quelle: NICE Guideline on Substance Misuse (NICE, 2011). Originaldokument ansehen

KI-generierte Zusammenfassung. Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung. Die klinische Entscheidung trifft der behandelnde Arzt.

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