AIDP (GBS): Elektrodiagnostik und Befundkriterien
Hintergrund
Die akute inflammatorische demyelinisierende Polyneuropathie (AIDP) ist die in Nordamerika häufigste Variante des Guillain-Barré-Syndroms (GBS). Die Pathophysiologie beruht auf einem immunvermittelten Prozess, der häufig durch molekulare Mimikry nach viralen oder bakteriellen Infektionen (wie Campylobacter jejuni, HIV oder Zika-Virus) ausgelöst wird.
Klinisch präsentiert sich die AIDP typischerweise mit einer akuten, symmetrischen und schlaffen Schwäche, die distal an den unteren Extremitäten beginnt und aufsteigt. Begleitend treten häufig Areflexie, sensible Ausfälle und in schweren Fällen autonome Dysfunktionen oder eine respiratorische Insuffizienz auf.
Elektrodiagnostische Studien dienen als Erweiterung der neurologischen Untersuchung. Sie helfen dabei, die Diagnose zu sichern, die Läsion zu lokalisieren und die Prognose der Erkrankung abzuschätzen.
Empfehlungen
Die StatPearls-Leitlinie formuliert folgende Kernaspekte zur elektrodiagnostischen Evaluation der AIDP:
Vorbereitung und Durchführung
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Es wird empfohlen, die Untersuchung frühestens drei Wochen nach Symptombeginn durchzuführen, um falsch-negative Ergebnisse zu vermeiden.
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Die Hauttemperatur der Extremitäten sollte zwischen 32 und 33 Grad Celsius liegen, da Kälte die Leitungsgeschwindigkeiten künstlich verringern kann.
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Laut Leitlinie sollten idealerweise mindestens drei Extremitäten sowohl proximal als auch distal mittels Neurographie und Elektromyographie (EMG) untersucht werden.
Diagnostische Kriterien (EFNS/PNS)
Die Leitlinie verweist auf die Kriterien der European Federation of Neurological Societies (EFNS) und der Peripheral Nerve Society (PNS) zur Diagnosestellung:
| Parameter | Kriterium |
|---|---|
| Verlängerte distale Latenzen | ≥ 2 Nerven mit > 115-125 % des oberen Normwerts |
| Verringerte Leitungsgeschwindigkeiten | ≥ 2 Nerven mit < 80-90 % des unteren Normwerts |
| Eindeutiger Leitungsblock | Proximal/distal CMAP-Flächenverhältnis < 0,50 |
| Möglicher Leitungsblock | Proximal/distal CMAP-Flächenverhältnis < 0,70 |
| Temporale Dispersion | ≥ 1 Nerv; proximal/distal CMAP-Dauerverhältnis > 1,15 |
| Verlängerte Spätantworten | ≥ 1 Nerv > 125 % des oberen Normwerts (F-Welle und H-Reflex) |
Spezifische Befunde
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F-Wellen-Diagnostik: Diese wird als besonders nützlich hervorgehoben, da sie die gesamte Nervenlänge prüft und frühe Entzündungen an den proximalen Nervenwurzeln detektieren kann.
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Suralis-Aussparung: Die Leitlinie beschreibt, dass eine Aussparung (Sparing) des Nervus suralis in der Neurographie typisch sein kann.
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Nadel-EMG: Bei einer rein demyelinisierenden AIDP ist das EMG meist unauffällig. Bei axonaler Beteiligung zeigen sich Zeichen einer aktiven Denervierung.
Kontraindikationen
Die Leitlinie nennt folgende Kontraindikationen für die Elektrodiagnostik:
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Nadel-EMG: Kontraindiziert bei schweren Blutungsstörungen oder in Bereichen mit aktiven Weichteilinfektionen.
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Nervenleitstudien: Kontraindiziert bei Patienten mit implantierten kardialen Defibrillatoren oder bei Anschluss an externe Defibrillatoren. Es wird ein vorheriges Screening auf Herzschrittmacher empfohlen.
💡Praxis-Tipp
Laut Leitlinie wird eine elektrodiagnostische Untersuchung frühestens drei Wochen nach Symptombeginn empfohlen, um falsch-negative Ergebnisse zu vermeiden. Zudem wird betont, dass die Extremitätentemperatur strikt zwischen 32 und 33 Grad Celsius liegen sollte, da kühlere Temperaturen fälschlicherweise verlängerte Latenzen und verringerte Leitungsgeschwindigkeiten vortäuschen können.
Häufig gestellte Fragen
Die Leitlinie empfiehlt die Untersuchung frühestens drei Wochen nach Beginn der klinischen Symptome. Eine zu frühe Testung erhöht das Risiko für falsch-negative Befunde.
F-Wellen-Studien gelten laut Leitlinie als besonders nützlich, da sie die gesamte Nervenlänge testen. Sie können frühe Entzündungen proximal an den Nervenwurzeln aufdecken, die bei Standardmessungen oft übersehen werden.
Das Nadel-EMG ist bei einer rein demyelinisierenden AIDP in der Regel unauffällig. Erst bei einer axonalen Beteiligung zeigen sich Zeichen einer aktiven Denervierung wie Fibrillationspotenziale.
Es wird empfohlen, mindestens drei Extremitäten zu untersuchen. Dabei sollten sowohl sensorische als auch motorische Nervenleitstudien sowie Nadel-EMGs in proximalen und distalen Muskeln erfolgen.
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Quelle: StatPearls: Electrodiagnostic Evaluation of Acute Inflammatory Demyelinating Polyneuropathy (StatPearls, 2026). Originaldokument ansehen
KI-generierte Zusammenfassung. Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung. Die klinische Entscheidung trifft der behandelnde Arzt.
Verwandte Leitlinien
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StatPearls: Nerve Conduction Studies and Electromyography
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