ACG-Leitlinie 2022: Diagnose & Therapie der GERD
📋Auf einen Blick
- •Bei klassischen Symptomen ohne Warnzeichen wird ein empirischer PPI-Versuch über 8 Wochen empfohlen.
- •Die diagnostische Endoskopie sollte idealerweise nach einer 2- bis 4-wöchigen PPI-Pause erfolgen.
- •Bei schwerer erosiver Ösophagitis (LA-Grad C oder D) ist eine dauerhafte PPI-Erhaltungstherapie indiziert.
- •PPIs sollten für eine optimale Wirkung 30 bis 60 Minuten vor einer Mahlzeit eingenommen werden.
- •Bei refraktärer GERD ist die Optimierung der PPI-Einnahme der erste und wichtigste Schritt.
- •Chirurgische Eingriffe (z.B. Fundoplicatio) sind nur bei objektiv gesicherter GERD indiziert.
Hintergrund
Die gastroösophageale Refluxkrankheit (GERD) ist definiert als ein Zustand, bei dem der Reflux von Mageninhalt in die Speiseröhre zu Symptomen und/oder Komplikationen führt. Die Pathophysiologie umfasst eine gestörte Funktion des ösophagogastralen Übergangs, eine beeinträchtigte ösophageale Clearance und Veränderungen der Schleimhautintegrität. GERD präsentiert sich in verschiedenen Phänotypen und erfordert einen differenzierten diagnostischen und therapeutischen Ansatz.
Diagnostik
Die Diagnose der GERD basiert auf einer Kombination aus Symptomen, endoskopischer Evaluation, Refluxmonitoring und dem Ansprechen auf eine Therapie.
| Diagnostischer Schritt | Indikation | Bemerkung |
|---|---|---|
| Empirischer PPI-Versuch | Klassische Symptome (Sodbrennen, Regurgitation) ohne Warnzeichen | Starke Empfehlung. Dauer: 8 Wochen. Bei Ansprechen Auslassversuch erwägen. |
| Endoskopie | Warnsymptome (Dysphagie, Gewichtsverlust, Blutung), Non-Responder auf PPI | Starke Empfehlung. Idealerweise 2-4 Wochen nach Absetzen der PPI durchführen. |
| Refluxmonitoring (off PPI) | Unklare Diagnose, unauffällige Endoskopie | Starke Empfehlung. Dient der Diagnosesicherung vor invasiven Eingriffen. |
| Refluxmonitoring (on PPI) | Etablierte GERD-Diagnose, aber persistierende Symptome | Zur Evaluation von refraktären Beschwerden (pH-Impedanz-Messung). |
| Manometrie (HRM) | Vor chirurgischen/endoskopischen Antireflux-Eingriffen | Dient dem Ausschluss einer Achalasie oder fehlenden Kontraktilität. Nicht als alleiniger GERD-Test geeignet. |
- Bariumbreischluck: Wird als alleiniger diagnostischer Test für GERD nicht empfohlen.
- Los Angeles (LA) Klassifikation: LA-Grad B (mit typischen Symptomen), C und D sowie ein Barrett-Ösophagus (>3 cm) sind diagnostisch beweisend für GERD.
Lebensstilmodifikationen
Nicht-pharmakologische Maßnahmen sind ein wichtiger Baustein der Therapie, auch wenn die Evidenz oft limitiert ist.
- Gewichtsverlust: Bei übergewichtigen und adipösen Patienten zur Symptomverbesserung (starke Empfehlung).
- Mahlzeiten-Timing: Vermeidung von Mahlzeiten 2-3 Stunden vor dem Schlafengehen.
- Schlafposition: Hochstellen des Kopfendes des Bettes bei nächtlichen Symptomen.
- Triggerfaktoren: Vermeidung von Tabakkonsum und individuellen "Trigger-Nahrungsmitteln".
Medikamentöse Therapie
Protonenpumpeninhibitoren (PPI) bleiben die Therapie der Wahl zur Symptomkontrolle und Abheilung der erosiven Ösophagitis (EE).
| Wirkstoffklasse | Empfehlung | Bemerkung |
|---|---|---|
| PPI | Starke Empfehlung | Mittel der Wahl für Heilung und Erhaltung. Einnahme 30-60 Min. vor der Mahlzeit. |
| H2-Rezeptor-Antagonisten | Nachrangig | PPIs sind H2RAs in der Heilung und Erhaltung überlegen. |
| Prokinetika | Nicht empfohlen | Keine Routinegabe (z.B. Metoclopramid), es sei denn, es liegt eine objektive Gastroparese vor. |
| Baclofen | Nicht empfohlen | Nur bei objektiv nachgewiesener GERD erwägen, nicht ohne objektive Evidenz. |
| Sucralfat | Nicht empfohlen | Ausnahme: Therapie der GERD in der Schwangerschaft. |
- Erhaltungstherapie: Bei LA-Grad C oder D Ösophagitis wird eine dauerhafte PPI-Therapie (oder Antirefluxchirurgie) empfohlen.
- NERD (Nicht-erosive Refluxkrankheit): Bei Patienten ohne EE oder Barrett-Ösophagus sollte eine "On-Demand"- oder intermittierende Therapie angestrebt werden.
- Dosierung: Es sollte stets die niedrigste effektive Dosis verwendet werden.
Extraösophageale GERD
Symptome wie chronischer Husten, Asthma oder Laryngitis können mit GERD assoziiert sein, überlappen aber stark mit anderen Erkrankungen.
- Ausschlussdiagnostik: Vor der Zuordnung zu GERD müssen nicht-gastroenterologische Ursachen ausgeschlossen werden (starke Empfehlung).
- Diagnostik: Bei extraösophagealen Symptomen ohne typische GERD-Symptome wird ein Refluxmonitoring vor einer PPI-Therapie empfohlen.
- Laryngoskopie: Eine Diagnose des laryngopharyngealen Refluxes (LPR) sollte nicht allein auf laryngoskopischen Befunden basieren.
Refraktäre GERD
Als refraktär gilt eine GERD, die auf einen 8-wöchigen Versuch mit doppelter PPI-Dosis nicht ausreichend anspricht.
- Optimierung der PPI-Therapie: Überprüfung der Compliance und des korrekten Einnahmezeitpunkts (30-60 Min. vor dem Essen) ist der erste Schritt (starke Empfehlung).
- Endoskopie: Nach Absetzen der PPI (2-4 Wochen), um EE oder eosinophile Ösophagitis (EoE) nicht zu maskieren.
- Refluxmonitoring: Off-PPI bei unklarer Diagnose; On-PPI (Impedanz-pH) bei gesicherter Diagnose und persistierenden Symptomen.
Chirurgische und Endoskopische Optionen
Invasive Verfahren sind für Patienten mit objektiv gesicherter GERD reserviert, insbesondere bei schwerer EE, großen Hiatushernien oder persistierenden, störenden Symptomen.
| Verfahren | Indikation | Evidenz/Empfehlung |
|---|---|---|
| Fundoplicatio | Objektivierte GERD, schwere EE, große Hiatushernie | Starke Empfehlung als Langzeitoption. |
| Magnetische Sphinkteraugmentation (MSA) | Regurgitation, die auf Medikamente nicht anspricht | Starke Empfehlung als Alternative zur Fundoplicatio. |
| Roux-en-Y Magenbypass (RYGB) | Adipöse Patienten mit GERD | Bedingte Empfehlung. |
| TIF (Transorale Inzisionslose Fundoplicatio) | Störende Regurgitation/Sodbrennen ohne schwere EE oder Hernie >2 cm | Bedingte Empfehlung. |
| Radiofrequenztherapie (Stretta) | - | Nicht empfohlen aufgrund inkonsistenter Datenlage. |
💡Praxis-Tipp
Überprüfen Sie bei vermeintlich PPI-refraktärer GERD immer zuerst die Einnahmemodalitäten: PPIs müssen zwingend 30–60 Minuten vor der Mahlzeit eingenommen werden. Setzen Sie PPIs zudem 2–4 Wochen vor einer diagnostischen Endoskopie ab, um die diagnostische Ausbeute (z.B. für EE oder EoE) zu maximieren.