Sichere Geburt: WHO-Checkliste (Leitlinie)
📋Auf einen Blick
- •Die Checkliste gliedert sich in vier Phasen: Aufnahme, vor dem Pressen/Sectio, innerhalb einer Stunde nach der Geburt und vor der Entlassung.
- •Das Partogramm sollte erst ab einer Muttermundsöffnung von ≥4 cm gestartet werden.
- •Strenge Kriterien für die Gabe von Antibiotika, Magnesiumsulfat und Antihypertensiva gelten für die Mutter in allen Phasen.
- •Postpartale Blutungen erfordern sofortige Uterusmassage, Uterotonika und intravenöse Flüssigkeitsgabe.
- •Neugeborene benötigen bei Atemnotsyndrom, Temperaturabweichungen oder mütterlicher Infektion umgehend Antibiotika.
Hintergrund
Die WHO Safe Childbirth Checklist dient der strukturierten Überwachung und Versorgung von Mutter und Kind während des gesamten Geburtsprozesses. Sie ersetzt nicht das Partogramm oder die Patientenakte, sondern ergänzt diese um kritische Sicherheitskontrollen in vier definierten Phasen.
Phase 1: Bei Aufnahme (Vor der Geburt)
Bei der Aufnahme müssen Allergien abgefragt werden. Das Partogramm wird gestartet, sobald der Muttermund ≥4 cm geöffnet ist (erwartete Dilatation: ≥1 cm/h).
| Parameter | Überwachungsintervall |
|---|---|
| Herzfrequenz, Wehen, fetale Herzfrequenz | Alle 30 Minuten |
| Temperatur | Alle 2 Stunden |
| Blutdruck | Alle 4 Stunden |
Medikamentöse Indikationen (Mutter):
- Antibiotika: Temperatur ≥38 °C, übelriechender vaginaler Ausfluss oder Blasensprung >18 Stunden.
- Magnesiumsulfat: Diastolischer RR ≥110 mmHg mit 3+ Proteinurie oder diastolischer RR ≥90 mmHg mit 2+ Proteinurie in Kombination mit schweren Kopfschmerzen, Sehstörungen oder Oberbauchschmerzen.
- Antihypertensiva: Systolischer RR >160 mmHg (Zielblutdruck: <150/100 mmHg).
Phase 2: Kurz vor dem Pressen (oder vor Sectio)
Die medikamentösen Indikationen aus Phase 1 gelten weiterhin (Antibiotika werden zusätzlich bei einer Sectio caesarea gegeben). Die Vorbereitung auf die unmittelbare Versorgung ist essenziell:
| Zielperson | Sofortmaßnahmen nach der Geburt |
|---|---|
| Mutter | Oxytocin (10 IE) innerhalb 1 Minute, Plazentaentwicklung nach 1-3 Minuten, Uterusmassage, Kontraktionskontrolle. |
| Kind | Abtrocknen, warmhalten. Bei fehlender Atmung: Stimulation, Atemwege freimachen. Falls weiterhin apnoisch: Abnabeln, Maskenbeatmung, Hilfe rufen. |
Phase 3: Kurz nach der Geburt (Innerhalb 1 Stunde)
Bei abnormaler Blutung der Mutter muss sofort Hilfe gerufen werden. Zu den Maßnahmen zählen Uterusmassage, die Gabe weiterer Uterotonika, intravenöse Flüssigkeit und das Warmhalten der Patientin. Ursachen wie Uterusatonie, Plazentareste, Vaginalrisse oder Uterusruptur sind zu behandeln.
Zusätzliche Antibiotika-Indikationen:
- Mutter: Manuelle Plazentalösung, Dammriss 3. oder 4. Grades, oder Temperatur ≥38 °C mit Schüttelfrost/übelriechendem Ausfluss.
- Kind: Mütterliche Antibiotikagabe wegen Infektion unter der Geburt, Atemfrequenz >60/min oder <30/min, Einziehungen/Stöhnen/Krämpfe, Temperatur <35 °C (trotz Wärmen) oder ≥38 °C.
Besondere Überwachung benötigt das Neugeborene, wenn es mehr als 1 Monat zu früh geboren wurde, das Geburtsgewicht <2500 g beträgt, Antibiotika benötigt oder reanimiert werden musste.
Phase 4: Vor der Entlassung
Mutter und Kind sollten mindestens 24 Stunden nach der Geburt in der Einrichtung verbleiben. Vor der Entlassung müssen Blutdruck und Blutungen der Mutter sowie die Nahrungsaufnahme des Kindes kontrolliert werden.
Bei Anzeichen eines hypovolämischen Schocks (Puls >110/min, RR <90 mmHg) ist sofort intravenöse Flüssigkeit zu geben und die Ursache zu behandeln.
Warnzeichen nach Entlassung
| Warnzeichen Mutter | Warnzeichen Kind |
|---|---|
| Blutungen, starke Bauchschmerzen | Schnelle oder erschwerte Atmung |
| Starke Kopfschmerzen oder Sehstörungen | Fieber oder ungewöhnlich kalt |
| Atemnot, Fieber oder Schüttelfrost | Trinkschwäche, verminderte Aktivität |
| Miktionsbeschwerden, Oberbauchschmerzen | Ikterus (ganzer Körper gelb) |
💡Praxis-Tipp
Starten Sie das Partogramm erst ab einer Muttermundsweite von ≥4 cm. Halten Sie für die Neugeborenenversorgung immer ein Beatmungstuch (Bag-and-Mask) und eine Absaugvorrichtung griffbereit.