Schistosomiasis: Leitlinie zur Datenerfassung (WHO 2025)
📋Auf einen Blick
- •Weltweit benötigen über 250 Millionen Menschen eine präventive Chemotherapie gegen Schistosomiasis.
- •Praziquantel (40 mg/kg Körpergewicht) ist das Mittel der Wahl für alle Formen der Erkrankung.
- •Die urogenitale Schistosomiasis zeigt sich klassisch durch Hämaturie und ist ein Risikofaktor für HIV-Infektionen bei Frauen.
- •Die Diagnose erfolgt primär über den Nachweis von Eiern in Stuhl oder Urin (z. B. Kato-Katz-Technik oder Urin-Filtration).
- •Die systematische klinische Datenerfassung (ICD-11: 1F86) ist essenziell für die Überwachung und Eliminierung der Krankheit.
Hintergrund
Die Schistosomiasis (Bilharziose) ist eine akute und chronische parasitäre Erkrankung, die durch Trematoden der Gattung Schistosoma verursacht wird. Weltweit benötigten im Jahr 2023 mindestens 254 Millionen Menschen eine präventive Chemotherapie. Die Übertragung erfolgt durch Kontakt mit Süßwasser, das mit Larven (Zerkarien) aus Zwischenwirt-Schnecken kontaminiert ist. Die Erkrankung betrifft vor allem arme und ländliche Bevölkerungsgruppen ohne Zugang zu sauberem Wasser.
Erreger und geografische Verteilung
Die Erkrankung wird in zwei Hauptformen unterteilt, die durch unterschiedliche Spezies verursacht werden:
| Krankheitsform | Spezies | Geografische Verteilung |
|---|---|---|
| Intestinale Schistosomiasis | S. mansoni | Afrika, Brasilien, Karibik, Naher Osten, Suriname, Venezuela |
| S. japonicum | China, Indonesien, Philippinen | |
| S. mekongi | Kambodscha, Laos | |
| S. guineensis / S. intercalatum | Regenwaldgebiete Zentralafrikas | |
| Urogenitale Schistosomiasis | S. haematobium | Afrika, Korsika (Frankreich), Naher Osten |
Klinische Symptomatik
- Intestinale Form: Bauchschmerzen, Diarrhö und Blut im Stuhl. In fortgeschrittenen Fällen kommt es zu Hepatomegalie, Splenomegalie, Aszites und portaler Hypertension.
- Urogenitale Form: Das klassische Leitsymptom ist die Hämaturie. Spätfolgen umfassen Nierenschäden, Blasen- und Ureterfibrose sowie Blasenkrebs.
- Weibliche genitale Schistosomiasis (FGS): Führt zu genitalen Läsionen, vaginalen Blutungen, Schmerzen beim Geschlechtsverkehr und Infertilität. Sie gilt als bedeutender Risikofaktor für eine HIV-Infektion.
Diagnostik und Falldefinitionen
Die Standarddiagnostik beruht auf dem Nachweis von Parasiteneiern. Für die intestinale Form wird die Kato-Katz-Technik (Stuhlausstrich) empfohlen, für die urogenitale Form die Urin-Filtrationstechnik. Bei Kindern mit S. haematobium kann Mikrohämaturie oft per Urin-Teststreifen nachgewiesen werden.
| Klassifikation | Urogenitale Schistosomiasis | Intestinale Schistosomiasis |
|---|---|---|
| Verdachtsfall (Endemiegebiet) | Nicht anwendbar | Unspezifische abdominelle Symptome, Blut im Stuhl, Hepato-/Splenomegalie |
| Verdachtsfall (Nicht-Endemiegebiet) | Sichtbare Hämaturie oder positiver Teststreifen + möglicher Kontakt zu infektiösem Wasser | Unspezifische abdominelle Symptome, Blut im Stuhl + möglicher Kontakt zu infektiösem Wasser |
| Bestätigter Fall | Nachweis von S. haematobium Eiern im Urin (Mikroskopie) ODER (in Endemiegebieten) sichtbare/getestete Hämaturie | Nachweis von Eiern im Stuhl (Mikroskopie) ODER (in Nicht-Endemiegebieten) positiver Immunoblot |
Therapie
Praziquantel ist das Mittel der Wahl für alle Formen der Schistosomiasis. Es ist sicher, wirksam und wird als Einzeldosis von 40 mg/kg Körpergewicht verabreicht. Die Einnahme sollte idealerweise innerhalb von 2 Stunden nach einer Mahlzeit erfolgen.
Für die Dosierung in der Praxis kann folgende Tabelle basierend auf Größe und Gewicht genutzt werden:
| Körpergewicht (kg) | Körpergröße (cm) | Anzahl Tabletten (Praziquantel) |
|---|---|---|
| 10–14,9 | 94–109 | 1 |
| 15–22,4 | 110–124 | 1,5 |
| 22,5–29,9 | 125–137 | 2 |
| 30–37,4 | 138–149 | 2,5 |
| 37,5–44,9 | 150–159 | 3 |
| 45–59,9 | 160–177 | 4 |
| ≥ 60 | ≥ 178 | 5 |
Hinweis: Kinder unter 5 Jahren oder unter 94 cm Körpergröße sollten individuell mit einer pädiatrischen Formulierung oder zerkleinerten Tabletten behandelt werden.
Datenerfassung und Surveillance
Die systematische Erfassung in Gesundheitseinrichtungen ist essenziell für die Überwachung der Krankheitslast. Der allgemeine ICD-11 Code für Schistosomiasis lautet 1F86.
Zu den von der WHO empfohlenen Kernindikatoren (Core Indicators) für Gesundheitseinrichtungen gehören:
- Anzahl der gemeldeten Schistosomiasis-Fälle (nach Alter, Geschlecht, Spezies)
- Jährliche Inzidenzrate pro 100.000 Einwohner
- Prävalenz (basierend auf untersuchten Personen)
- Anzahl der Todesfälle durch Schistosomiasis
- Anteil der Personen mit Makro- oder Mikrohämaturie
💡Praxis-Tipp
Achten Sie bei Patientinnen aus Endemiegebieten auf genitale Läsionen (weibliche genitale Schistosomiasis). Diese werden oft fehldiagnostiziert und stellen einen signifikanten Risikofaktor für eine HIV-Infektion dar.