WHO-Leitlinie: Privatsektor-Engagement bei NCDs
📋Auf einen Blick
- •Die Leitlinie bietet ein 3-Phasen-Modell (Bewerten, Analysieren, Entscheiden) mit 10 Schritten zur Entscheidungsfindung.
- •Drei Kernprinzipien leiten die Zusammenarbeit: nachhaltige Praxis, Mehrwert für die NCD-Bekämpfung und transparente Governance.
- •Unternehmen, die gesundheitsschädliche Produkte (z. B. Tabak, Alkohol) herstellen, sind von Partnerschaften strikt ausgeschlossen.
- •Eine gründliche Due-Diligence-Prüfung und Risikobewertung sind vor jeder Kooperation zwingend erforderlich.
Hintergrund
Nichtübertragbare Krankheiten (NCDs) verursachen weltweit 74 % aller Todesfälle. Da der öffentliche Sektor das SDG-Ziel 3.4 (Reduzierung der vorzeitigen NCD-Sterblichkeit um ein Drittel bis 2030) nicht allein erreichen kann, ist eine sektorübergreifende Zusammenarbeit erforderlich. Die WHO bietet hierfür ein strukturiertes Entscheidungswerkzeug, um die Zusammenarbeit mit dem Privatsektor sicher und effektiv zu gestalten und gleichzeitig die öffentliche Gesundheit vor kommerziellen Interessen zu schützen.
Kernprinzipien der Zusammenarbeit
Jede Interaktion mit dem Privatsektor muss auf drei unverhandelbaren Kernprinzipien basieren:
- Nachhaltige und verantwortungsvolle Praktiken: Einhaltung von Menschenrechten, Arbeitsrechten und Umweltstandards.
- Mehrwert für die NCD-Bekämpfung: Die Zusammenarbeit muss evidenzbasiert sein und einen klaren gesundheitlichen Nutzen bringen.
- Verantwortungsvolle und transparente Governance: Klare Rechenschaftspflichten, Rollenverteilungen und Vermeidung von Interessenkonflikten.
Das 3-Phasen-Entscheidungsmodell
Die Leitlinie strukturiert den Entscheidungsprozess in drei Phasen mit insgesamt 10 Schritten:
| Phase | Bezeichnung | Schritte | Ziel |
|---|---|---|---|
| I | Assess (Bewerten) | 1-5 | Bewertung des NCD-Kontexts, Zweck der Kooperation, Mapping potenzieller Partner und Wahl der Kooperationsart. |
| II | Analyse (Analysieren) | 6-8 | Due-Diligence-Prüfung, Risikobewertung des Partners und Entwicklung von Risikominderungsstrategien. |
| III | Decide (Entscheiden) | 9-10 | Erstellung eines Risikomanagementplans und endgültige Entscheidung über die Zusammenarbeit. |
Ausschlusskriterien (Exclusionary Criteria)
Unternehmen, deren Kernprodukte oder -praktiken im Widerspruch zu öffentlichen Gesundheitszielen stehen, sind von einer Zusammenarbeit strikt ausgeschlossen.
- Tabakindustrie: Keine Zusammenarbeit (gemäß WHO FCTC Artikel 5.3).
- Gesundheitsschädliche Produkte: Hersteller von Alkohol oder stark verarbeiteten Lebensmitteln/Getränken (viel Fett, Zucker, Salz).
- Interessenkonflikte: Unternehmen, die wissenschaftliche Erkenntnisse untergraben oder politische Prozesse stören.
Arten der Zusammenarbeit
Je nach Zielsetzung und Kapazität der Regierung können verschiedene Formen der Interaktion gewählt werden:
| Art der Kooperation | Beschreibung |
|---|---|
| Spende (Donation) | Freiwillige finanzielle oder Sachleistungen ohne tiefergehende Interaktion oder gemeinsame Entscheidungsfindung. |
| Dialog | Konsultative Prozesse zum Informationsaustausch oder zur Bewusstseinsbildung. |
| Sponsoring | Kommerzielle Transaktion zur Förderung von Marken oder Produkten (Vorsicht bei Interessenkonflikten). |
| Zuschuss (Grant) | Finanzielle Unterstützung für genehmigte Projekte mit formaler Vereinbarung und klaren Erwartungen. |
| Beschaffung (Procurement) | Vertragliche Vereinbarung über Dienstleistungen oder Güter nach Qualitäts- und Preisvorgaben. |
| Allianz | Formelle oder informelle Netzwerke zum Wissensaustausch und zur Entwicklung innovativer Ansätze. |
| Partnerschaft | Höchste Stufe der Zusammenarbeit mit geteilter Verantwortung, Risiken und gemeinsamer Programmplanung. |
💡Praxis-Tipp
Führen Sie vor jeder Interaktion mit privatwirtschaftlichen Akteuren eine strikte Due-Diligence-Prüfung durch, um versteckte Interessenkonflikte (z. B. Verbindungen zur Tabak- oder Alkoholindustrie) frühzeitig zu identifizieren.