Meaningful Engagement bei NCDs: WHO-Leitlinie
📋Auf einen Blick
- •NCDs verursachen weltweit 74 % aller Todesfälle, weshalb sektorübergreifende Ansätze dringend erforderlich sind.
- •Die Einbindung von Menschen mit gelebter Erfahrung (Meaningful Engagement) ist ein zentraler Baustein für gerechte Gesundheitssysteme.
- •Die WHO empfiehlt eine stigmatisierungsfreie Person-first-Sprache, die den Menschen und nicht die Krankheit in den Vordergrund stellt.
- •Partizipation sollte auf den Prinzipien von Würde, Respekt, Machtumverteilung und Inklusivität basieren.
Hintergrund
Nichtübertragbare Krankheiten (NCDs) sowie psychische und neurologische Erkrankungen erfordern einen sektorübergreifenden Ansatz. NCDs sind weltweit für 74 % aller Todesfälle verantwortlich, wobei jährlich 17 Millionen Menschen vor dem 70. Lebensjahr sterben. Neurologische Erkrankungen stellen die zweithäufigste Todesursache dar. Die COVID-19-Pandemie hat bestehende gesundheitliche Ungleichheiten weiter verschärft und zu erheblichen Unterbrechungen in der Gesundheitsversorgung geführt.
Die WHO fordert einen Paradigmenwechsel: Weg von Top-down-Interventionen hin zur aktiven Einbindung von Menschen mit gelebter Erfahrung (Meaningful Engagement). Dies fördert die Entwicklung kontextspezifischer, gerechter und effektiver Gesundheitsstrategien.
Modelle der Partizipation
Die Partizipation im Gesundheitswesen lässt sich in verschiedene theoretische Modelle unterteilen:
| Modell | Beschreibung | Ziel |
|---|---|---|
| Utilitaristisches Modell | Gelebte Erfahrung wird als Ressource in bestehenden Systemen genutzt. | Steigerung der Effektivität von Richtlinien und Programmen. |
| Empowerment-Modell | Menschen erlangen Kontrolle über Entscheidungen, die ihr Leben prägen. | Förderung von Autonomie und Kapazitätsaufbau. |
Zusätzlich wird zwischen induzierter Partizipation (von Machthabern initiiert, z. B. durch WHO-Richtlinien) und organischer Partizipation (Bottom-up-Bewegungen aus der Gesellschaft) unterschieden.
Prinzipien des Meaningful Engagements
Die Einbindung von Menschen mit gelebter Erfahrung muss auf fünf grundlegenden Prinzipien basieren:
- Würde und Respekt: Gelebte Erfahrung muss als gleichwertige Expertise neben traditioneller Evidenz anerkannt werden.
- Macht und Gerechtigkeit: Historische Machtgefälle müssen abgebaut werden.
- Inklusivität und Intersektionalität: Berücksichtigung von marginalisierten Gruppen und Vermeidung von Diskriminierung.
- Engagement und Transparenz: Schaffung von vertrauensvollen, bidirektionalen Partnerschaften.
- Institutionalisierung und Kontextualisierung: Feste Verankerung der Partizipation in globalen und lokalen Gesundheitssystemen.
Sprache und Kommunikation
Die Wahl der Sprache ist entscheidend, um Stigmatisierung zu vermeiden. Die WHO empfiehlt primär eine Person-first-Sprache, es sei denn, die betroffene Person bevorzugt ausdrücklich eine identitätsbezogene Sprache.
| Zu vermeidende Begriffe | Empfohlene Alternativen | Begründung |
|---|---|---|
| Patient, Fall, Opfer | Person mit gelebter Erfahrung, individueller Name | Vermeidet Entmenschlichung und Machtgefälle. |
| (X)-Krankheit-Patient, leidet an | Lebt mit, ist betroffen von | Reduziert die Person nicht auf ihre Erkrankung. |
| Compliance, Adhärenz, Lebensstil-Entscheidung | Konkordanz, aktive Rolle | Vermeidet Schuldzuweisungen an das Individuum. |
💡Praxis-Tipp
Verzichten Sie im klinischen Alltag auf Begriffe wie 'Compliance' oder 'Patient' und nutzen Sie stattdessen 'Konkordanz' und 'Person-first'-Sprache (z. B. 'Person mit Diabetes'), um eine Partnerschaft auf Augenhöhe zu etablieren.