WHO-Leitlinie Hypertonie: Pharmakotherapie (2021)
📋Auf einen Blick
- •Der Therapiebeginn wird bei ≥140/90 mmHg (ohne Komorbiditäten) oder 130-139 mmHg systolisch (bei kardiovaskulärer Vorerkrankung) empfohlen.
- •First-Line-Therapeutika sind Thiazide, ACE-Hemmer/Sartane und langwirksame Calciumkanalblocker.
- •Eine Kombinationstherapie (bevorzugt als Single-Pill) wird als initialer Behandlungsansatz empfohlen.
- •Die Blutdruckzielwerte liegen bei <140/90 mmHg (Standard) bzw. systolisch <130 mmHg (bei CVD oder hohem Risiko).
- •Verlaufskontrollen sollten monatlich bis zur Zielerreichung und danach alle 3-6 Monate erfolgen.
Hintergrund
Die arterielle Hypertonie ist weltweit einer der Hauptrisikofaktoren für kardiovaskuläre Erkrankungen. Die WHO-Leitlinie (2021) aktualisiert die Empfehlungen zur medikamentösen Behandlung bei nicht-schwangeren Erwachsenen und fokussiert sich auf Schwellenwerte, First-Line-Medikamente, Zielwerte und die Einbindung von nicht-ärztlichem Personal.
Indikation und Schwellenwerte
Der Beginn einer medikamentösen Therapie sollte spätestens vier Wochen nach der Diagnosestellung erfolgen. Bei sehr hohen Werten (≥160/100 mmHg) oder Endorganschäden ist die Therapie ohne Verzögerung zu starten.
| Patientenprofil | Schwellenwert für Therapiebeginn | Empfehlungsgrad |
|---|---|---|
| Bestätigte Hypertonie ohne Komorbiditäten | ≥140 mmHg systolisch ODER ≥90 mmHg diastolisch | Starke Empfehlung |
| Bekannte kardiovaskuläre Erkrankung (CVD) | 130–139 mmHg systolisch | Starke Empfehlung |
| Hohes CV-Risiko, Diabetes mellitus oder chronische Nierenerkrankung (CKD) | 130–139 mmHg systolisch | Bedingte Empfehlung |
Diagnostik und Risikobewertung
Laboruntersuchungen und kardiovaskuläre Risikostratifizierungen sind sinnvoll, dürfen den Therapiebeginn jedoch nicht verzögern.
- Empfohlene Basisdiagnostik: Serumelektrolyte, Kreatinin, Lipidprofil, HbA1c oder Nüchternglucose, Urinstreifentest und EKG.
- Wenn Ressourcen begrenzt sind, kann die Therapie empirisch (z.B. mit Calciumkanalblockern) gestartet und die Diagnostik nachgeholt werden.
Medikamentöse Therapie
Für die initiale medikamentöse Therapie empfiehlt die WHO drei primäre Wirkstoffklassen. Langwirksame Präparate werden bevorzugt.
| Wirkstoffklasse | Beispiele / Indikation | Evidenz |
|---|---|---|
| Thiazide und thiazidartige Diuretika | Bevorzugt bei Patienten >65 Jahre oder afrikanischer Abstammung | Starke Empfehlung |
| ACE-Hemmer / Angiotensin-Rezeptor-Blocker (ARB) | Bevorzugt bei schwerer Proteinurie, Diabetes mellitus, Herzinsuffizienz oder CKD | Starke Empfehlung |
| Langwirksame Dihydropyridin-Calciumkanalblocker (CCB) | Bevorzugt bei Patienten >65 Jahre oder afrikanischer Abstammung | Starke Empfehlung |
Die WHO empfiehlt den initialen Einsatz einer Kombinationstherapie, idealerweise als Single-Pill-Kombination, um die Adhärenz zu verbessern (Bedingte Empfehlung). Die Kombination sollte aus den drei oben genannten Klassen gewählt werden.
Blutdruck-Zielwerte
Die Zielwerte richten sich nach dem individuellen Risikoprofil des Patienten:
| Patientenprofil | Blutdruck-Zielwert | Empfehlungsgrad |
|---|---|---|
| Hypertonie ohne Komorbiditäten | <140/90 mmHg | Starke Empfehlung |
| Hypertonie mit bekannter CVD | <130 mmHg systolisch | Starke Empfehlung |
| Hohes CV-Risiko, Diabetes mellitus oder CKD | <130 mmHg systolisch | Bedingte Empfehlung |
Verlaufskontrolle und Management
Die Frequenz der Nachsorge richtet sich nach der Blutdruckeinstellung:
- Monatliche Kontrolle: Nach Therapiebeginn oder Dosisanpassung, bis der Zielwert erreicht ist.
- Kontrolle alle 3–6 Monate: Sobald der Blutdruck stabil im Zielbereich liegt.
Die medikamentöse Behandlung kann auch durch geschultes nicht-ärztliches Personal (z.B. Pflegekräfte, Apotheker) erfolgen, sofern entsprechende Protokolle, Verschreibungsbefugnisse und ärztliche Aufsicht gewährleistet sind (Bedingte Empfehlung).
Spezielle Patientengruppen: Schwangerschaft
Die medikamentöse Therapie in der Schwangerschaft erfordert besondere Vorsicht, da einige Standardmedikamente teratogen wirken.
| Kategorie | Wirkstoffe | Bemerkung |
|---|---|---|
| Bevorzugte Medikamente | Methyldopa, Beta-Blocker (Labetalol), CCB (Nifedipin, Verapamil), Hydralazin | Labetalol und CCB senken das Risiko für schwere Hypertonie oft effektiver als Methyldopa. |
| Kontraindiziert | ACE-Hemmer, ARB, direkte Renin-Inhibitoren, Spironolacton, Atenolol | Führen zu fetalen Schäden oder intrauteriner Wachstumsretardierung. |
💡Praxis-Tipp
Verzögern Sie den Therapiebeginn nicht durch aufwendige Diagnostik oder kardiovaskuläre Risikostratifizierung. Starten Sie bevorzugt direkt mit einer Single-Pill-Kombination, um die Patientenadhärenz zu maximieren.