Biodiversität & Ernährung: WHO-Leitlinie 2020
📋Auf einen Blick
- •Ungesunde Ernährung ist weltweit die Haupttodesursache mit jährlich fast 11 Millionen vorzeitigen Todesfällen.
- •Die 'doppelte Krankheitslast' beschreibt das gleichzeitige Auftreten von Unterernährung und Adipositas bzw. NCDs.
- •Der Verlust der Agrobiodiversität gefährdet die Ernährungssicherheit: Nur drei Pflanzen liefern über 50 % der pflanzlichen Kalorien.
- •Ein 'One Health'-Ansatz ist essenziell zur Bekämpfung von Zoonosen, antimikrobieller Resistenz (AMR) und zur Sicherung der Lebensmittelsicherheit.
- •Die Leitlinie definiert sechs Bausteine zur Integration von Biodiversität in Gesundheits- und Ernährungsstrategien.
Hintergrund
Ungesunde Ernährung und Mangelernährung sind weltweit die größten Gesundheitsrisiken und verursachen jährlich fast 11 Millionen vorzeitige Todesfälle bei Erwachsenen. Weltweit entsteht eine neue Ernährungsrealität: die doppelte Krankheitslast (Double Burden of Malnutrition). Diese beschreibt das gleichzeitige Auftreten von Unterernährung (Wasting, Stunting, Mikronährstoffmangel) und Überernährung (Adipositas, ernährungsbedingte nicht übertragbare Krankheiten [NCDs]) innerhalb derselben Population, desselben Haushalts oder sogar bei demselben Individuum.
Verlust der Agrobiodiversität
Biodiversität ist eine grundlegende Voraussetzung für Ernährungsqualität und Ernährungssicherheit. Derzeit werden jedoch über ein Drittel der Landoberfläche und fast 75 % der Süßwasserressourcen für die Pflanzen- oder Tierproduktion genutzt, was zu einem massiven Verlust an Agrobiodiversität führt.
| Ebene der Biodiversität | Aktuelle Problematik | Auswirkungen auf die Gesundheit |
|---|---|---|
| Pflanzliche Genetik | Nur 3 Pflanzen (Weizen, Reis, Mais) liefern >50 % der pflanzlichen Kalorien. | Einseitige Ernährung, Mikronährstoffmangel, Verlust von Resilienz gegen Schädlinge. |
| Tierische Genetik | Fast 17 % der landwirtschaftlichen Nutztierrassen sind vom Aussterben bedroht. | Reduzierte Vielfalt an tierischen Proteinquellen und Mikronährstoffen. |
| Ökosystem (Bestäuber) | Weltweiter Rückgang von Bienen und anderen Insekten. | Ein Totalverlust könnte bei 71 Mio. Menschen zu Vitamin-A-Mangel führen und NCD-Todesfälle um 1,42 Mio. erhöhen. |
| Mikrobiom (Boden/Darm) | Reduzierte mikrobielle Vielfalt durch Umweltbelastungen. | Zunahme von NCDs wie entzündlichen Darmerkrankungen, Allergien und Autoimmunerkrankungen. |
Klimawandel und Lebensmittelsicherheit
Der Klimawandel fungiert als "Bedrohungsmultiplikator". Bis 2050 könnten Landdegradation und Klimawandel die Ernteerträge weltweit um durchschnittlich 10 % (in einigen Regionen bis zu 50 %) reduzieren.
Zudem beeinflussen veränderte Temperaturen und Niederschläge die Lebensmittelsicherheit:
- Mykotoxine: Erhöhte Kontamination von Lebensmitteln und Tierfutter (z. B. Aflatoxine, die karzinogen wirken).
- Zoonosen: Überschwemmungen und veränderte Ökosysteme begünstigen die Ausbreitung von Krankheitserregern aus der Tierhaltung.
- Antimikrobielle Resistenz (AMR): Der übermäßige Einsatz von Antibiotika in der Landwirtschaft macht Böden und Gewässer zu Reservoirs für resistente Bakterien. Bis 2050 könnten arzneimittelresistente Krankheiten jährlich 10 Millionen Todesfälle verursachen.
Der "One Health"-Ansatz
Um lebensmittelbedingte Krankheiten, Zoonosen und AMR effektiv zu bekämpfen, ist ein One Health-Ansatz zwingend erforderlich. Dieser integriert Fachwissen aus Humanmedizin, Veterinärmedizin, Ökologie und weiteren Disziplinen, da die Gesundheit von Mensch, Tier und Ökosystem untrennbar miteinander verbunden ist.
6 Bausteine für das Mainstreaming von Biodiversität
Die Leitlinie definiert sechs essenzielle Bausteine, um Biodiversität in Ernährungs- und Gesundheitsstrategien zu integrieren:
| Baustein | Maßnahmen | Bemerkung |
|---|---|---|
| 1. Wissensentwicklung | Sektorübergreifende Datenerhebung und Forschung. | Verständnis der sozialen und ökologischen Determinanten. |
| 2. Rahmenbedingungen | Stärkung politischer und wirtschaftlicher Strukturen. | Internalisierung der wahren Kosten von Mangelernährung. |
| 3. Integration | Einbindung von Biodiversität in Richtlinien. | Entwicklung integrierter lebensmittelbezogener Leitlinien. |
| 4. Erhaltung & Nutzung | Förderung vernachlässigter und untergenutzter Arten. | Investitionen in den Erhalt der Nahrungsmittelbiodiversität. |
| 5. Bildung & Bewusstsein | Interdisziplinäre Bildung und öffentliche Kommunikation. | Beeinflussung von Verbraucherpräferenzen und -verhalten. |
| 6. Monitoring & Evaluation | Überwachung von SMART-Zielen. | Sicherstellung der Übereinstimmung mit globalen Verpflichtungen. |
💡Praxis-Tipp
Berücksichtigen Sie in der Ernährungsberatung den 'One Health'-Gedanken: Fördern Sie den Verzehr vielfältiger, lokal produzierter und pflanzenbasierter Lebensmittel. Dies verbessert nicht nur die Mikronährstoffversorgung (z. B. durch vernachlässigte Pflanzenarten), sondern unterstützt auch die lokale Agrobiodiversität und das Mikrobiom der Patienten.