Stillförderung bei Frühgeborenen: Leitlinien-Empfehlung
Hintergrund
Muttermilch ist für kleine, kranke und frühgeborene Säuglinge von entscheidender Bedeutung, da sie das Überleben sichert und Morbiditäten wie die nekrotisierende Enterokolitis (NEC) oder späte Sepsis signifikant reduziert. Die WHO-Leitlinie (2020) adaptiert die Prinzipien der "Baby-friendly Hospital Initiative" (BFHI) speziell für neonatologische Stationen.
Oft stellen das klinische Umfeld, die Trennung von Mutter und Kind sowie unzureichend geschultes Personal erhebliche Barrieren für ein erfolgreiches Stillen dar. Ziel der Leitlinie ist es, diese Hindernisse durch strukturierte klinische und administrative Vorgaben abzubauen.
Wenn die Milch der eigenen Mutter nicht oder nicht ausreichend zur Verfügung steht, wird laut Leitlinie sichere Spendermilch als beste Alternative empfohlen. Der Einsatz von Muttermilchersatzprodukten (Formula) sollte auf medizinisch indizierte Ausnahmefälle beschränkt bleiben.
Empfehlungen
Die WHO-Leitlinie formuliert zehn evidenzbasierte Schritte zur Förderung des Stillens bei kleinen, kranken und frühgeborenen Säuglingen:
Administrative Vorgaben und Schulung
Die Leitlinie fordert die vollständige Einhaltung des Internationalen Kodex zur Vermarktung von Muttermilchersatzprodukten. Es wird empfohlen, dass Einrichtungen keine kostenlosen oder subventionierten Ersatzprodukte, Flaschen oder Sauger annehmen.
Zudem wird eine schriftliche Richtlinie zur Säuglingsernährung gefordert, die dem Personal und den Eltern routinemäßig kommuniziert wird. Die Leitlinie betont die Notwendigkeit einer kontinuierlichen Schulung des gesamten Personals, um eine kompetente Stillunterstützung zu gewährleisten.
Pränatale Information und Erstversorgung
Schwangere mit einem hohen Risiko für eine Frühgeburt oder ein krankes Neugeborenes sollten frühzeitig über die Bedeutung von Muttermilch aufgeklärt werden.
Nach der Geburt wird ein sofortiger und ununterbrochener Haut-zu-Haut-Kontakt (Kangaroo Mother Care) empfohlen, sobald der Zustand von Mutter und Kind stabil ist. Dies gilt unabhängig vom Gestationsalter oder Geburtsgewicht.
Unterstützung der Laktation
Mütter von Säuglingen auf der Neonatologie sollten so früh wie möglich (idealerweise innerhalb von 1 bis 3 Stunden nach der Geburt) bei der Entleerung der Brust unterstützt werden.
Um die Milchproduktion aufrechtzuerhalten, wird empfohlen:
-
Mindestens 7 bis 8 Entleerungen pro 24 Stunden (inklusive nachts)
-
Kombination aus Handentleerung und elektrischem Abpumpen
-
Dokumentation der abgepumpten Milchmengen zur frühzeitigen Erkennung von Defiziten
Die Leitlinie gibt folgende durchschnittliche Zielvolumina für abgepumpte Muttermilch (beide Brüste) an:
| Zeitpunkt nach Geburt | Volumen pro Abpumpen | Erwartetes Tagesvolumen |
|---|---|---|
| Tag 1-2 | Tropfen bis 20 ml | Tropfen bis 120 ml |
| Tag 3 | 25 bis 45 ml | 160 bis 360 ml |
| Tag 4-5 | 50 bis 60 ml | 400 bis 600 ml |
| Tag 6-9 | 75 bis 90 ml | 600 bis 720 ml |
| Ab Tag 10 | 90 ml oder mehr | 720 ml |
Zufütterung und alternative Fütterungsmethoden
Säuglinge sollten laut Leitlinie keine andere Nahrung oder Flüssigkeit als Muttermilch erhalten, es sei denn, es liegt eine medizinische Indikation vor. Ist eine Zufütterung notwendig, wird Spendermilch aus einer zertifizierten Frauenmilchbank als erste Wahl empfohlen.
Für die Zufütterung oder den Übergang an die Brust bewertet die Leitlinie verschiedene Methoden:
| Methode | Vorteile | Bedenken |
|---|---|---|
| Becher / Paladai | Leicht zu reinigen, kostengünstig, etwas bessere Stillergebnisse als Flaschen | Verschütten, langsamere Fütterung, Aspirationsgefahr bei falscher Anwendung |
| Magensonde | Effizient, genaue Messung der Aufnahme möglich | Teuer, keine Saug- oder Mundbewegungen, erfordert Schulung |
| Brusternährungsset | Fördert das Anlegen und normales Saugen, ermöglicht Messung | Teuer, schwer zu reinigen, komplex in der Anwendung |
| Flasche und Sauger | Effizient | Erhöhtes Infektionsrisiko durch schwere Reinigung, Risiko der Überfütterung, negative Auswirkungen auf das Stillen |
Rooming-in und Entlassungsmanagement
Die Leitlinie empfiehlt, dass Mütter und Säuglinge 24 Stunden am Tag zusammenbleiben (Rooming-in). Wenn eine räumliche Trennung auf der Neonatologie unvermeidbar ist, sollte den Eltern ein uneingeschränkter Zugang ermöglicht werden.
Für die Zeit nach der Entlassung wird eine strukturierte Nachsorge empfohlen. Eltern sollten frühzeitig Zugang zu kontinuierlicher Stillunterstützung im ambulanten Bereich erhalten.
Kontraindikationen
Die Leitlinie nennt spezifische medizinische Indikationen, bei denen eine Zufütterung (bevorzugt mit Spendermilch) erforderlich sein kann.
Zu den mütterlichen Indikationen zählen:
-
Verzögerte Laktogenese (Tag 3-5 oder später) mit unzureichender Nahrungsaufnahme des Säuglings
-
Primäre Drüseninsuffizienz oder pathologische Brustveränderungen (z.B. nach Operationen)
-
Kontraindizierte mütterliche Medikamente
Zu den kindlichen Indikationen für eine Zufütterung gehören:
-
Asymptomatische Hypoglykämie, die nicht auf das Stillen anspricht
-
Klinische oder laborchemische Anzeichen einer Dehydratation
-
Übermäßiger Gewichtsverlust (bei späten Früh- und Reifgeborenen > 8-10 % des Geburtsgewichts)
-
Ausbleibender Stuhlgang (Mekonium an Tag 5 noch vorhanden)
-
Sehr niedriges Geburtsgewicht (VLBW) oder Geburt vor der 32. Schwangerschaftswoche (meist vorübergehende Zufütterung nötig)
💡Praxis-Tipp
Die Leitlinie warnt davor, die Fütterung mit Flaschen und Saugern bei Frühgeborenen routinemäßig einzusetzen, da dies den Stillerfolg negativ beeinflussen kann und mit einem erhöhten Infektionsrisiko einhergeht. Es wird stattdessen empfohlen, alternative Methoden wie die Becherfütterung oder die Sondenernährung in Kombination mit non-nutritivem Saugen an der Brust zu nutzen. Zudem wird betont, dass das Weinen des Säuglings ein sehr spätes Hungerzeichen ist und Mütter auf frühere Fütterungssignale achten sollten.
Häufig gestellte Fragen
Laut Leitlinie sollte der Haut-zu-Haut-Kontakt (Kangaroo Mother Care) so bald wie möglich nach der Geburt initiiert werden. Voraussetzung ist, dass sowohl die Mutter als auch das Neugeborene klinisch stabil sind.
Es wird empfohlen, dass Mütter mindestens 7 bis 8 Mal pro 24 Stunden Milch entleeren oder abpumpen. Die Leitlinie betont, dass dies auch mindestens einmal in der Nacht erfolgen sollte, um die Milchproduktion aufrechtzuerhalten.
Die Leitlinie empfiehlt sichere Spendermilch aus einer zertifizierten Frauenmilchbank als erste Wahl für die Zufütterung. Muttermilchersatzprodukte (Formula) sollten nur verwendet werden, wenn keine Spendermilch verfügbar ist.
Die Leitlinie gibt an, dass non-nutritives Saugen an einem sauberen Finger oder Schnuller zur Schmerz- und Stresslinderung auf der Neonatologie eingesetzt werden kann. Es wird jedoch auf eine strikte Hygiene hingewiesen, um Infektionen zu vermeiden.
Laut Leitlinie steigt das erwartete Tagesvolumen von wenigen Tropfen an den ersten beiden Tagen auf etwa 400 bis 600 ml an Tag 4 bis 5. Ab dem 10. Tag wird ein Volumen von 720 ml pro Tag angestrebt, um die Versorgung sicherzustellen.
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Quelle: Protecting, promoting and supporting breastfeeding: the baby-friendly hospital initiative for small, sick and preterm newborns (WHO, 2020). Originaldokument ansehen
KI-generierte Zusammenfassung. Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung. Die klinische Entscheidung trifft der behandelnde Arzt.
Verwandte Leitlinien
WHO recommendations for care of the preterm or low-birth-weight infant
Kangaroo mother care: a clinical practice guide
StatPearls: Infant Nutrition Requirements and Options
WHO Recommendations on Postnatal Care of the Mother and Newborn
Cochrane Review: Early full enteral feeding for preterm or low birth weight infants
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