Schilddrüsenerkrankungen: Diagnostik, Therapie, Verlauf
Hintergrund
Schilddrüsenerkrankungen umfassen Funktionsstörungen wie die Hypothyreose und Hyperthyreose sowie strukturelle Veränderungen wie Knoten oder eine Struma. Die NICE-Leitlinie NG145 bietet evidenzbasierte Empfehlungen zur Diagnostik, Behandlung und langfristigen Betreuung dieser primären Schilddrüsenerkrankungen.
Funktionsstörungen der Schilddrüse können vielfältige, oft unspezifische Symptome verursachen. Die Leitlinie betont die Wichtigkeit einer gezielten Labordiagnostik bei klinischem Verdacht oder bei Vorliegen von Risikofaktoren wie Typ-1-Diabetes oder neu aufgetretenem Vorhofflimmern.
Ein zentraler Aspekt der Patientenversorgung ist die strukturierte Aufklärung. Es wird empfohlen, Betroffene darüber zu informieren, dass sich Symptome oft erst Wochen bis Monate nach einer Therapieanpassung bessern und dass tägliche Schwankungen des Befindens meist nicht auf die Schilddrüse zurückzuführen sind.
Empfehlungen
Die Leitlinie formuliert folgende Kernempfehlungen:
Diagnostik bei Verdacht auf Funktionsstörungen
Laut Leitlinie wird bei Erwachsenen ohne Verdacht auf eine sekundäre (hypophysäre) Störung zunächst die alleinige Bestimmung des TSH-Wertes empfohlen. Bei abweichenden Werten sollte eine kaskadenartige Testung erfolgen:
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Bei erhöhtem TSH wird die Bestimmung des freien Thyroxins (fT4) aus derselben Probe empfohlen.
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Bei erniedrigtem TSH wird die Bestimmung von fT4 und freiem Trijodthyronin (fT3) empfohlen.
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Bei Kindern, Jugendlichen und bei Verdacht auf sekundäre Störungen wird die gleichzeitige Bestimmung von TSH und fT4 empfohlen.
Es wird darauf hingewiesen, dass eine hohe Zufuhr von Biotin durch Nahrungsergänzungsmittel zu falsch hohen oder niedrigen Testergebnissen führen kann.
Diagnostik der Ursachen
Zur Differenzierung der Ursachen einer Hyperthyreose empfiehlt die Leitlinie die Bestimmung von TSH-Rezeptor-Antikörpern (TRAK), um einen Morbus Basedow zu bestätigen. Bei negativen TRAK kann eine Technetium-Szintigraphie erwogen werden.
Bei einer bestätigten primären Hypothyreose wird die einmalige Bestimmung von Schilddrüsenperoxidase-Antikörpern (TPO-AK) empfohlen. Eine wiederholte Messung bei Erwachsenen ist laut Leitlinie nicht indiziert.
Therapie der Hypothyreose
Als Erstlinientherapie der primären Hypothyreose wird Levothyroxin empfohlen. Die Leitlinie rät vom routinemäßigen Einsatz von Liothyronin (allein oder in Kombination) sowie von natürlichen Schilddrüsenextrakten ab, da die Evidenz für einen Zusatznutzen fehlt und langfristige Nebenwirkungen unklar sind.
Therapie der Hyperthyreose
Für Erwachsene mit Morbus Basedow empfiehlt die Leitlinie folgende definitive Therapieoptionen:
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Radiojodtherapie als primäre definitive Behandlung, sofern keine Kontraindikationen vorliegen.
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Thyreostatika (z.B. Carbimazol) für 12 bis 18 Monate, wenn eine Remission wahrscheinlich ist oder Radiojodtherapie ungeeignet ist.
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Totale Thyreoidektomie bei Verdacht auf Malignität, Kompressionssymptomen oder wenn andere Optionen ungeeignet sind.
Schilddrüsenvergrößerung und Knoten
Bei tastbaren Schilddrüsenvergrößerungen oder Knoten mit normaler Schilddrüsenfunktion wird ein Ultraschall empfohlen, wenn ein Malignitätsverdacht besteht. Für die Entscheidung zur Feinnadelaspirationszytologie sollte ein etabliertes Ultraschall-Grading-System verwendet werden.
Dosierung
Die Leitlinie gibt folgende Empfehlungen zur Startdosierung von Levothyroxin bei primärer Hypothyreose:
| Patientengruppe | Startdosis Levothyroxin | Titration |
|---|---|---|
| Erwachsene unter 65 Jahren ohne Herz-Kreislauf-Erkrankungen | 1,6 µg/kg Körpergewicht/Tag (gerundet auf 25 µg) | Nach klinischem Ansprechen und TSH-Wert |
| Erwachsene ab 65 Jahren oder mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen | 25 bis 50 µg/Tag | Schrittweise Dosissteigerung empfohlen |
Kontraindikationen
Die Leitlinie nennt folgende Warnhinweise und Kontraindikationen:
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Natürliche Schilddrüsenextrakte: Werden nicht empfohlen, da sie keine Zulassung haben und die langfristige Sicherheit unklar ist.
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Propylthiouracil: Sollte nicht als erste Wahl eingesetzt werden, kann aber bei Unverträglichkeit von Carbimazol, bei Kinderwunsch in den nächsten 6 Monaten oder bei Pankreatitis in der Vorgeschichte erwogen werden.
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Agranulozytose: Bei Entwicklung einer Agranulozytose unter Thyreostatika müssen diese sofort abgesetzt und dürfen nicht wieder angesetzt werden.
💡Praxis-Tipp
Ein wichtiger Praxis-Hinweis der Leitlinie ist, dass sich der TSH-Wert bei Personen mit zuvor sehr hohen Werten oder einer langjährigen unbehandelten Hypothyreose erst nach bis zu 6 Monaten normalisieren kann. Es wird empfohlen, diese Verzögerung bei der Dosisanpassung von Levothyroxin zu berücksichtigen, um eine Überdosierung und eine daraus resultierende iatrogene Thyreotoxikose zu vermeiden.
Häufig gestellte Fragen
Laut Leitlinie wird die Bestimmung der TPO-Antikörper einmalig bei Erwachsenen mit einem TSH-Wert über dem Referenzbereich empfohlen. Eine wiederholte Messung der TPO-Antikörper ist bei Erwachsenen nicht indiziert, da sie keine weiteren therapeutischen Konsequenzen hat.
Bei Erwachsenen wird eine Kontrolle des TSH-Wertes alle 3 Monate empfohlen, bis der Wert stabil im Referenzbereich liegt. Danach ist gemäß Leitlinie eine jährliche Kontrolle ausreichend.
Die Leitlinie rät davon ab, Schilddrüsenfunktionstests ausschließlich aufgrund eines vorliegenden Typ-2-Diabetes durchzuführen. Bei Typ-1-Diabetes oder anderen Autoimmunerkrankungen wird ein Screening hingegen ausdrücklich empfohlen.
Wenn Thyreostatika als definitive Erstlinientherapie bei Erwachsenen mit Morbus Basedow eingesetzt werden, empfiehlt die Leitlinie eine Behandlungsdauer von 12 bis 18 Monaten. Danach sollte die Notwendigkeit einer weiteren Therapie reevaluiert werden.
Es wird empfohlen, während einer akuten Erkrankung keine Schilddrüsenfunktionstests durchzuführen, da die akute Erkrankung die Testergebnisse verfälschen kann. Eine Ausnahme besteht laut Leitlinie nur, wenn der Verdacht besteht, dass die akute Erkrankung selbst durch eine Schilddrüsenfunktionsstörung verursacht wird.
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Quelle: Thyroid disease: assessment and management (NICE, 2026). Originaldokument ansehen
KI-generierte Zusammenfassung. Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung. Die klinische Entscheidung trifft der behandelnde Arzt.
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