Mikrobiologische Risikobewertung: Methodik & Management
Hintergrund
Die WHO/FAO-Leitlinie MRA 36 (Microbiological Risk Assessment Guidance for Food) bietet einen strukturierten Rahmen für die Bewertung mikrobiologischer Gefahren in Lebensmitteln. Sie aktualisiert und bündelt frühere Dokumente (MRA 3, MRA 7 und MRA 17) in einem einzigen Leitfaden.
Das Dokument richtet sich an Wissenschaftler, Risikobewerter und Risikomanager auf globaler Ebene. Ziel ist es, die Eigenschaften einer Best-Practice-Risikobewertung aufzuzeigen und häufige Fehler zu vermeiden.
Die Leitlinie beschreibt die Risikobewertung als integralen Bestandteil der Risikoanalyse, welche zudem das Risikomanagement und die Risikokommunikation umfasst. Dabei wird betont, dass die Risikobewertung wissenschaftlich fundiert und transparent erfolgen muss.
Empfehlungen
Die Leitlinie beschreibt die mikrobiologische Risikobewertung (MRA) als einen systematischen Prozess, der aus vier Kernkomponenten besteht:
Gefahrenidentifizierung (Hazard Identification)
Dieser qualitative Prozess dient der Identifizierung von Mikroorganismen oder mikrobiellen Toxinen, die in Lebensmitteln vorkommen und gesundheitliche Schäden verursachen können. Es wird beschrieben, dass hierbei epidemiologische Daten, Ausbruchsdaten und klinische Studien herangezogen werden.
Expositionsabschätzung (Exposure Assessment)
Die Expositionsabschätzung bewertet qualitativ oder quantitativ die wahrscheinliche Aufnahme einer mikrobiologischen Gefahr über die Nahrung. Die Leitlinie führt aus, dass hierbei der gesamte Weg von der Produktion bis zum Verzehr (Farm-to-Fork) modelliert werden kann.
Gefahrencharakterisierung (Hazard Characterization)
In diesem Schritt werden die gesundheitlichen Auswirkungen beschrieben, die aus der Aufnahme der Gefahr resultieren. Wenn möglich, sollte laut Leitlinie eine Dosis-Wirkungs-Beziehung (Dose-Response) etabliert werden. Dabei werden Faktoren des Erregers, des Wirts und der Lebensmittelmatrix berücksichtigt.
Risikocharakterisierung (Risk Characterization)
Die Risikocharakterisierung integriert die vorherigen drei Schritte, um eine Schätzung der Wahrscheinlichkeit und Schwere der gesundheitlichen Auswirkungen zu erstellen. Die Leitlinie unterscheidet dabei drei methodische Ansätze:
-
Qualitative Risikobewertung (Verwendung deskriptiver Kategorien wie hoch oder niedrig)
-
Semi-quantitative Risikobewertung (Verwendung von Risikomatrizen und Punktesystemen)
-
Quantitative Risikobewertung (Verwendung mathematischer Modelle und numerischer Schätzungen)
Semi-quantitative Klassifikationen
Für semi-quantitative Ansätze beschreibt das Dokument beispielhafte Definitionen zur Kategorisierung von Wahrscheinlichkeiten und Schweregraden. Die folgende Tabelle zeigt eine beispielhafte Klassifikation der Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses pro Jahr:
| Kategorie | Wahrscheinlichkeitsbereich (pro Jahr) |
|---|---|
| Vernachlässigbar | Nicht von 0 zu unterscheiden |
| Sehr niedrig | < 10^-4 (außer 0) |
| Niedrig | 10^-4 bis 10^-3 |
| Mittel | 10^-3 bis 10^-2 |
| Hoch | 10^-2 bis 10^-1 |
| Sehr hoch | > 10^-1 (außer 1) |
Umgang mit Unsicherheit und Variabilität
Die Leitlinie betont die Wichtigkeit, zwischen Variabilität (inhärente Unterschiede in einer Population) und Unsicherheit (Mangel an Wissen) zu unterscheiden. Es wird hervorgehoben, dass beide Faktoren in der Risikobewertung transparent dargestellt und analysiert werden müssen.
💡Praxis-Tipp
Die Leitlinie weist darauf hin, dass bei der Risikobewertung eine klare Trennung zwischen Variabilität und Unsicherheit erfolgen muss. Während Variabilität eine inhärente Eigenschaft der untersuchten Population darstellt, resultiert Unsicherheit aus einem Mangel an Wissen oder Daten. Es wird betont, dass Unsicherheiten durch gezielte Datenerhebung reduziert werden können, während Variabilität lediglich präziser geschätzt werden kann.
Häufig gestellte Fragen
Laut Leitlinie umfasst die Risikobewertung die Gefahrenidentifizierung, die Expositionsabschätzung, die Gefahrencharakterisierung und die Risikocharakterisierung. Diese Schritte dienen dazu, die Wahrscheinlichkeit und Schwere lebensmittelbedingter Erkrankungen systematisch zu erfassen.
Die Leitlinie beschreibt, dass qualitative Ansätze oft als erster Schritt oder Screening-Methode genutzt werden, um zu entscheiden, ob eine detailliertere Analyse nötig ist. In einigen Fällen kann eine qualitative Bewertung bereits ausreichen, um fundierte Entscheidungen im Risikomanagement zu treffen.
Gemäß dem Dokument wird die Dosis-Wirkungs-Beziehung (Dose-Response) häufig auf Basis von Ausbruchsdaten, epidemiologischen Studien oder Tiermodellen erstellt. Die Leitlinie merkt an, dass dabei Faktoren wie die Virulenz des Erregers und die Anfälligkeit des Wirts berücksichtigt werden müssen.
Die Leitlinie definiert Variabilität als tatsächliche, inhärente Unterschiede innerhalb einer Population oder eines Prozesses. Unsicherheit hingegen wird als Mangel an Wissen beschrieben, der durch bessere Daten oder genauere Messungen verringert werden kann.
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Quelle: Microbiological risk assessment: guidance for food (WHO, 2021). Originaldokument ansehen
KI-generierte Zusammenfassung. Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung. Die klinische Entscheidung trifft der behandelnde Arzt.
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