Maternale Mortalität: Erfassung und Klassifikation
Hintergrund
Die WHO-Leitlinie "Maternal mortality measurement" (2022) adressiert die globalen Herausforderungen bei der korrekten Erfassung von Müttersterblichkeit. Eine präzise Datenerhebung ist essenziell, um die Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDG) bis 2030 zu erreichen.
Zwei Hauptprobleme beeinträchtigen laut Leitlinie die Datenqualität maßgeblich: die unvollständige Berichterstattung (Untererfassung) und die Fehlklassifikation der Todesursachen. Diese systematischen Fehler treten sowohl in ressourcenschwachen als auch in einkommensstarken Ländern auf.
Um diese Verzerrungen zu minimieren, werden standardisierte Meldesysteme und eine korrekte Anwendung der ICD-Klassifikationen gefordert. Die Leitlinie richtet sich an medizinische Fachkräfte, Statistikbehörden und Gesundheitsministerien, um die Validität und Reliabilität der Mortalitätsdaten zu verbessern.
Empfehlungen
Identifikation von Todesfällen
Die Leitlinie empfiehlt die Nutzung und Verknüpfung verschiedener Meldesysteme, um eine vollständige Erfassung zu gewährleisten. Dazu gehören Zivilstandsregister (CRVS), vertrauliche Untersuchungen (CEMD) und einrichtungsbasierte Überwachungssysteme (MDSR).
Es wird betont, dass bei allen Todesfällen von Frauen im reproduktiven Alter systematisch der Schwangerschaftsstatus überprüft werden sollte. Dies schließt ausdrücklich auch Todesfälle außerhalb geburtshilflicher Abteilungen ein.
Klassifikation der Todesursachen
Für eine einheitliche Zuordnung wird die konsequente Anwendung der ICD-MM (WHO-Anwendung der ICD auf Todesfälle während der Schwangerschaft, Geburt und im Wochenbett) empfohlen (starke Empfehlung).
Bei der Ausstellung der Todesbescheinigung ist laut Leitlinie streng zwischen der zugrunde liegenden Todesursache und beitragenden Faktoren zu unterscheiden. Die Leitlinie hebt folgende Kernaspekte hervor:
-
Die zugrunde liegende Ursache ist exakt die Erkrankung oder das Ereignis, das die Kausalkette zum Tod ausgelöst hat.
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Indirekte geburtshilfliche Todesfälle erfordern eine klare Dokumentation, ob eine gegenseitige Verschlechterung zwischen einer Vorerkrankung und der Schwangerschaft vorlag.
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Ein maternaler Suizid wird von der WHO als direkter maternaler Todesfall eingestuft.
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Späte maternale Todesfälle (zwischen 42 Tagen und einem Jahr nach Schwangerschaftsende) müssen explizit als solche ausgewiesen werden.
Datenverknüpfung und Qualitätskontrolle
Es wird empfohlen, Daten aus verschiedenen Quellen auf subnationaler und nationaler Ebene zu triangulieren. Dies dient der Identifikation verpasster Fälle und der Vermeidung von Doppelzählungen.
Zur Quantifizierung von unvollständigen und fehlklassifizierten Daten stellt die Leitlinie die sogenannte "Sechs-Boxen-Methode" vor. Diese vergleicht registrierte und unregistrierte Todesfälle mit der korrekten medizinischen Klassifikation, um die Sensitivität und Spezifität der Meldesysteme zu berechnen.
ICD-MM Klassifikationsgruppen
Die Leitlinie definiert spezifische Gruppen zur statistischen Erfassung maternaler Todesfälle:
| Typ | Gruppe | Beispiele für Todesursachen |
|---|---|---|
| Direkter maternaler Tod | Gruppe 1: Schwangerschaften mit Abortausgang | Abort, Fehlgeburt, Extrauteringravidität |
| Direkter maternaler Tod | Gruppe 2: Hypertensive Erkrankungen | Ödeme, Proteinurie, hypertensive Störungen |
| Direkter maternaler Tod | Gruppe 3: Geburtshilfliche Hämorrhagie | Direkt mit Blutungen assoziierte Zustände |
| Direkter maternaler Tod | Gruppe 4: Schwangerschaftsbedingte Infektionen | Infektionsbedingte Erkrankungen |
| Direkter maternaler Tod | Gruppe 5: Sonstige geburtshilfliche Komplikationen | Alle anderen direkten Ursachen |
| Direkter maternaler Tod | Gruppe 6: Unerwartete Managementkomplikationen | Schwere Nebenwirkungen medizinischer/chirurgischer Versorgung |
| Indirekter maternaler Tod | Gruppe 7: Nicht-geburtshilfliche Komplikationen | Herzerkrankungen, psychiatrische Störungen, Neoplasien |
| Tod während Schwangerschaft/Wochenbett | Gruppe 8: Unbekannt/Unbestimmt | Zugrunde liegende Ursache unbekannt |
| Tod während Schwangerschaft/Wochenbett | Gruppe 9: Zufällige Ursachen | Externe Ursachen (z. B. Unfälle) |
💡Praxis-Tipp
Ein häufiger Fehler bei der Leichenschau ist das Übersehen des Schwangerschaftsstatus bei indirekten geburtshilflichen Todesfällen, beispielsweise bei kardiovaskulären Vorerkrankungen. Die Leitlinie betont, dass bei jedem Todesfall einer Frau im reproduktiven Alter zwingend geprüft und dokumentiert werden muss, ob zum Todeszeitpunkt oder innerhalb des letzten Jahres eine Schwangerschaft vorlag.
Häufig gestellte Fragen
Laut Leitlinie handelt es sich um den Tod einer Frau durch direkte oder indirekte geburtshilfliche Ursachen, der mehr als 42 Tage, aber weniger als ein Jahr nach Beendigung der Schwangerschaft eintritt. Diese Fälle werden in Standardregistern häufig übersehen.
Die Leitlinie stuft einen maternalen Suizid als direkten maternalen Todesfall ein. Es wird betont, dass der Schwangerschaftsstatus auf der Todesbescheinigung zwingend angegeben werden muss, um eine Untererfassung zu vermeiden.
Es handelt sich um ein von der WHO empfohlenes Verfahren zur Quantifizierung von Meldefehlern. Die Methode vergleicht verschiedene Datenquellen, um die Sensitivität und Spezifität der erfassten maternalen Todesfälle zu berechnen und verpasste Fälle aufzudecken.
Die Leitlinie nennt als Hauptgründe fehlende Informationen über eine bestehende oder kürzlich beendete Schwangerschaft sowie Fehler bei der ICD-Codierung. Besonders indirekte geburtshilfliche Todesfälle und Todesfälle in der Frühschwangerschaft sind anfällig für Fehlklassifikationen.
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Quelle: Maternal mortality measurement: guidance to improve national reporting (WHO, 2022). Originaldokument ansehen
KI-generierte Zusammenfassung. Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung. Die klinische Entscheidung trifft der behandelnde Arzt.
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