Kardiovaskuläre Erkrankungen Schwangerschaft: Therapie
Hintergrund
Herzkreislauferkrankungen sind in westlichen Ländern die häufigste Todesursache während der Schwangerschaft. Bluthochdruck tritt mit einer Prävalenz von 5 bis 10 Prozent am häufigsten auf. Andere kardiovaskuläre Erkrankungen komplizieren etwa 1 bis 4 Prozent der Schwangerschaften.
Die ESC-Leitlinie (2018), kommentiert durch die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie (DGK), bietet einen Handlungsleitfaden für das Management dieser Erkrankungen. Ein zentraler Aspekt ist die interdisziplinäre Betreuung von Hochrisikoschwangeren durch ein spezialisiertes Schwangerschafts-Herz-Team.
Klinischer Kontext
Kardiovaskuläre Erkrankungen komplizieren etwa ein bis vier Prozent aller Schwangerschaften und stellen in Industrienationen eine der führenden Ursachen für mütterliche Mortalität dar. Die Inzidenz steigt kontinuierlich an, was vor allem auf ein höheres mütterliches Alter und die zunehmende Prävalenz kardiovaskulärer Risikofaktoren zurückzuführen ist.
Während der Schwangerschaft kommt es zu erheblichen hämodynamischen Veränderungen, darunter ein Anstieg des Blutvolumens und des Herzzeitvolumens um 30 bis 50 Prozent bei gleichzeitigem Abfall des systemischen Gefäßwiderstands. Diese physiologischen Anpassungsprozesse können bislang asymptomatische Herzerkrankungen demaskieren oder vorbestehende kardiale Pathologien aggravieren.
Die Betreuung betroffener Patientinnen erfordert eine sorgfältige Abwägung zwischen der mütterlichen Sicherheit und dem fetalen Wohlbefinden. Eine enge interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Kardiologie, Geburtshilfe und Anästhesie ist essenziell, um peripartale Komplikationen zu minimieren.
Die Diagnostik stützt sich primär auf eine detaillierte Anamnese, die klinische Untersuchung sowie die Echokardiografie, welche in der Schwangerschaft sicher anwendbar ist. Bei zwingender Indikation können auch eine Magnetresonanztomografie ohne Gadolinium oder streng abgewogene strahlenarme Bildgebungsverfahren zum Einsatz kommen.
Wissenswertes
Mittel der Wahl zur Behandlung der arteriellen Hypertonie in der Schwangerschaft sind Alpha-Methyldopa, Labetalol und Nifedipin. ACE-Hemmer, Angiotensin-Rezeptor-Blocker und direkte Renin-Inhibitoren sind aufgrund ihrer Teratogenität und potenziellen fetalen Toxizität streng kontraindiziert.
Das Herzzeitvolumen steigt bereits im ersten Trimenon an und erreicht im zweiten bis dritten Trimenon ein Maximum, das etwa 30 bis 50 Prozent über dem Ausgangswert liegt. Unter der Geburt kommt es durch Wehentätigkeit und Autotransfusion aus dem Uterus zu einem weiteren signifikanten Anstieg.
Eine elektrische Kardioversion kann bei hämodynamisch instabilen Schwangeren mit tachykarden Rhythmusstörungen sicher durchgeführt werden. Die Energiedosen entsprechen denen bei Nicht-Schwangeren, wobei eine kontinuierliche fetale Überwachung während des Eingriffs empfohlen wird.
Die Antikoagulation erfordert ein individuelles Management, das meist Vitamin-K-Antagonisten, niedermolekulares Heparin oder unfraktioniertes Heparin in unterschiedlichen Phasen der Schwangerschaft kombiniert. Direkte orale Antikoagulanzien (DOAKs) sind in der Schwangerschaft kontraindiziert, da sie die Plazentaschranke passieren.
Eine absolute Kontraindikation besteht unter anderem bei pulmonaler arterieller Hypertonie, schwerer linksventrikulärer Dysfunktion sowie bei einer schweren symptomatischen Aorten- oder Mitralklappenstenose. Auch das Vorliegen eines Marfan-Syndroms mit einer Aortenwurzel über 45 Millimeter stellt ein extrem hohes Risiko dar.
Die peripartale Kardiomyopathie ist eine seltene, lebensbedrohliche Herzmuskelerkrankung, die gegen Ende der Schwangerschaft oder in den ersten Monaten nach der Entbindung auftritt. Sie ist durch eine neu aufgetretene linksventrikuläre systolische Dysfunktion ohne anderweitig erkennbare Ursache gekennzeichnet.
Ärzte fragen zu diesem Thema
💡Praxis-Tipp
Bei einem akuten Koronarsyndrom (ACS) in der Schwangerschaft liegt laut Leitlinie häufig keine klassische Plaqueruptur, sondern eine spontane Koronararteriendissektion (SCAD) vor. Daher wird von einer Thrombolyse dringend abgeraten. Stattdessen wird als primäre Diagnostik und Therapie eine Koronarangiographie mit Stentimplantation (DES) empfohlen.
Häufig gestellte Fragen
Die Leitlinie empfiehlt Methyldopa, Labetalol und Kalziumantagonisten als Mittel der Wahl zur Blutdrucksenkung. ACE-Hemmer und Sartane sind aufgrund ihrer Fetotoxizität strikt kontraindiziert.
Es wird erwogen, die Geburt bei allen betroffenen Frauen in der 40. Schwangerschaftswoche einzuleiten. Bei einer Schwangerschaftshypertonie oder leichten Präeklampsie wird eine Entbindung bereits nach 37 Wochen empfohlen.
Im zweiten und dritten Trimenon bis zur 36. Woche werden Vitamin-K-Antagonisten (VKA) empfohlen. Im ersten Trimenon ist bei einem hohen Dosisbedarf eine Umstellung auf Heparin indiziert, während bei niedrigem Bedarf eine Fortführung der VKA erwogen werden kann.
Nein, die vaginale Entbindung wird laut Leitlinie den meisten Frauen als erste Wahl empfohlen. Ein Kaiserschnitt ist nur bei speziellen Risiken wie einer schwerwiegenden Aortenpathologie, akuter Herzinsuffizienz oder pulmonaler Hypertonie indiziert.
Während der Schwangerschaft erfolgt die Therapie analog zur regulären Herzinsuffizienz, jedoch ohne fetotoxische Medikamente. Nach der Entbindung wird zusätzlich zur Standardtherapie die Gabe von Bromocriptin sowie eine prophylaktische Antikoagulation empfohlen.
War diese Zusammenfassung hilfreich?
Quelle: Kommentar zu den Leitlinien (2018) der ESC zum Management von kardiovaskulären Erkrankungen in der Schwangerschaft (DGK (Deutsche Gesellschaft für Kardiologie)). Originaldokument ansehen
KI-generierte Zusammenfassung. Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung. Die klinische Entscheidung trifft der behandelnde Arzt.
Verwandte Leitlinien
„Erwachsene mit angeborenen Herzfehlern“: Aktuelle Herausforderung in der medizinischen Versorgung Teil I: Versorgungsstruktur und Problematik
Addendum zu den Kriterien der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie – Herz- und Kreislaufforschung für Chest Pain Units. Update 2020
Addendum zum Curriculum Interventionelle Kardiologie
Addendum zum Curriculum Spezielle Rhythmologie
Addendum zum Positionspapier der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie „Interventionelle Therapie von AV-Klappenerkrankungen – Kriterien für die Zertifizierung von Mitralklappenzentren“
ClariMed durchsucht alle medizinischen Leitlinien
AWMF, NVL, NICE, WHO, ESC, KDIGO - Quellenzitiert, kostenlos. Speichern Sie Ihren Verlauf auf allen Geräten mit einem kostenlosen Konto.
Kostenloses Konto erstellen