Harninkontinenz & Prolaps: Diagnostik und Therapie
Hintergrund
Die NICE-Leitlinie NG123 befasst sich mit der Diagnostik und Behandlung von Harninkontinenz und Beckenorganprolaps bei Frauen ab 18 Jahren. Diese Erkrankungen beeinträchtigen die Lebensqualität der Betroffenen oft erheblich.
Ein besonderer Fokus der Leitlinie liegt auf der Aufarbeitung von Komplikationen, die durch den Einsatz von synthetischen Netzen (Mesh) bei früheren Operationen entstanden sind. Es wird eine strukturierte, interdisziplinäre Versorgung in spezialisierten Zentren gefordert.
Empfehlungen
Die Leitlinie formuliert folgende Kernempfehlungen:
Diagnostik der Harninkontinenz
Laut Leitlinie wird bei der Erstbeurteilung eine Kategorisierung in Belastungs-, Drang- oder Mischinkontinenz empfohlen. Bei Mischinkontinenz sollte sich die Therapie nach dem vorherrschenden Symptom richten.
Es wird ein Urin-Schnelltest empfohlen, um Blut, Glukose, Protein, Leukozyten und Nitrit zu erfassen. Zudem wird das Führen eines Blasentagebuchs über mindestens 3 Tage angeraten.
Eine urodynamische Untersuchung vor einer primären Operation wird bei reiner Belastungsinkontinenz nicht routinemäßig empfohlen. Sie sollte jedoch bei unklarer Diagnose, Entleerungsstörungen oder vorangegangenen Operationen erfolgen.
Konservative Therapie
Als Erstlinientherapie bei Belastungs- oder Mischinkontinenz wird ein angeleitetes Beckenbodentraining für mindestens 3 Monate empfohlen. Bei Dranginkontinenz rät die Leitlinie zu einem mindestens 6-wöchigen Blasentraining.
Zusätzlich werden Lebensstilanpassungen wie Gewichtsreduktion bei einem BMI über 30 und eine Reduktion des Koffeinkonsums empfohlen. Saugfähige Hilfsmittel (Vorlagen) sollen laut Leitlinie nicht als primäre Therapie, sondern nur als Übergangslösung oder bei Ausschöpfung aller anderen Optionen eingesetzt werden.
Medikamentöse Therapie
Bei überaktiver Blase (OAB) wird der Einsatz von Anticholinergika mit den geringsten Anschaffungskosten empfohlen. Die Leitlinie betont, dass die Therapie nach 4 Wochen evaluiert werden sollte.
Bei postmenopausalen Frauen mit OAB und urogenitalen Atrophie-Symptomen wird eine vaginale Östrogentherapie empfohlen.
Operative Therapie der Belastungsinkontinenz
Wenn konservative Maßnahmen versagen, empfiehlt die Leitlinie die Wahl zwischen einer Kolposuspension oder einer autologen Faszien-Schlinge.
Die Leitlinie fordert eine umfassende Aufklärung über die unklaren Langzeitrisiken von synthetischen Netzen (Mesh-Slings). Die Entscheidung muss gemeinsam mit der Patientin getroffen werden.
Management des Beckenorganprolaps (POP)
Zur Beurteilung des Prolapses wird das POP-Q-System empfohlen. Als konservative Optionen werden Beckenbodentraining und der Einsatz von Pessaren genannt.
Bei einer operativen Prolaps-Sanierung wird primär eine vordere oder hintere Plastik ohne Mesh-Einsatz empfohlen. Die Leitlinie warnt vor dem routinemäßigen Einsatz von Netzen aufgrund schwerwiegender Komplikationen.
Mesh-Komplikationen
Bei neu aufgetretenen Schmerzen, vaginalen, urologischen oder intestinalen Symptomen nach einer Mesh-Operation wird eine gezielte Abklärung auf netzassoziierte Komplikationen empfohlen. Betroffene Frauen sollen an ein spezialisiertes regionales Zentrum überwiesen werden.
Dosierung
| Medikament | Dosis | Indikation |
|---|---|---|
| Botulinumtoxin Typ A | 100 Einheiten | Überaktive Blase (OAB) bei Therapieversagen |
| Botulinumtoxin Typ A | 200 Einheiten | OAB bei unzureichender Wirkung der Initialdosis |
Kontraindikationen
Die Leitlinie rät von folgenden Maßnahmen explizit ab:
-
Routinemäßiger Einsatz von Vorlagen-Tests (Pad-Tests) oder Bildgebung (außer Restharn-Sonographie) in der Basisdiagnostik.
-
Verordnung von Flavoxat, Propanthelin oder Imipramin bei Harninkontinenz.
-
Gabe von schnell freisetzendem Oxybutynin bei älteren Frauen mit Risiko für kognitive Verschlechterung.
-
Einsatz von Duloxetin als Erstlinientherapie bei Belastungsinkontinenz.
-
Systemische Hormonersatztherapie zur Behandlung der Inkontinenz.
-
Transobturatorischer Zugang bei Mesh-Slings (außer bei spezifischen klinischen Ausnahmen).
💡Praxis-Tipp
Die Leitlinie warnt eindringlich vor den Langzeitrisiken synthetischer Netze (Mesh) bei Inkontinenz- und Prolapsoperationen. Es wird empfohlen, Patientinnen detailliert über mögliche schwerwiegende Komplikationen aufzuklären und primär netzfreie Operationsverfahren wie die Kolposuspension oder autologe Faszien-Slings anzubieten. Bei Verdacht auf Mesh-Komplikationen wird eine sofortige Überweisung an ein spezialisiertes Zentrum angeraten.
Häufig gestellte Fragen
Es wird empfohlen, primär Anticholinergika mit den geringsten Anschaffungskosten einzusetzen. Die Therapie sollte nach 4 Wochen auf Wirksamkeit und Nebenwirkungen überprüft werden.
Laut Leitlinie ist sie bei einer reinen Belastungsinkontinenz vor einer Erstoperation nicht routinemäßig erforderlich. Sie wird jedoch bei Mischinkontinenz, Entleerungsstörungen oder Rezidiven empfohlen.
Die Leitlinie empfiehlt ein angeleitetes Beckenbodentraining für mindestens 3 Monate als Erstlinientherapie bei Belastungs- oder Mischinkontinenz.
Es wird eine initiale Dosis von 100 Einheiten Botulinumtoxin Typ A empfohlen. Bei unzureichender oder zu kurz anhaltender Wirkung kann eine Dosissteigerung auf 200 Einheiten erwogen werden.
Die Leitlinie rät primär zu netzfreien Verfahren wie der vorderen oder hinteren Scheidenplastik. Der Einsatz von Mesh ist mit unklaren Langzeitrisiken verbunden und erfordert eine strenge Indikationsstellung sowie eine ausführliche Aufklärung.
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Quelle: NICE Guideline on Urinary Incontinence in Women (NICE, 2019). Originaldokument ansehen
KI-generierte Zusammenfassung. Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung. Die klinische Entscheidung trifft der behandelnde Arzt.
Verwandte Leitlinien
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StatPearls: Mixed Urinary Incontinence
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