Vollkeramische Kronen & Brücken: S3-Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Vollkeramische Restaurationen zeigen bei korrekter Indikation vergleichbare Überlebensraten wie metallkeramische Versorgungen.
- •Für Front- und Seitenzahnkronen werden Lithiumdisilikat- und Zirkonoxidkeramiken (3Y-TZP) stark empfohlen.
- •Bei 3-gliedrigen Brücken ist verblendete Zirkonoxidkeramik (3Y-TZP) der vollkeramische Goldstandard.
- •Lithiumdisilikatkeramik ist bei Brücken nur bis zum Ersatz des ersten Prämolaren freigegeben.
- •Von vollkeramischen Inlaybrücken im Seitenzahnbereich wird evidenzbasiert abgeraten.
- •Bei Bruxismus-Patienten sollte primär eine metallische oder monolithische vollkeramische Versorgung geprüft werden.
Hintergrund
Kronen und Brücken stellen die häufigste zahnmedizinische prothetische Versorgung in Deutschland dar. Vollkeramische Werkstoffe bieten aufgrund ihrer Biokompatibilität und Ästhetik eine Alternative zum metallbasierten Goldstandard. Der klinische Langzeiterfolg hängt jedoch stark von der korrekten Indikationsstellung, dem Werkstoff und der Einhaltung werkstoffspezifischer Anforderungen ab.
Indikationen:
- Ersatz von Defekten (Trauma, Karies, Attrition, Abrasion, Erosion)
- Schwächung/unvollständige Anlage der Zahnhartsubstanz
- Bisslage-, Form- und Stellungsveränderungen
Kontraindikationen:
- Periapikale Entzündungen und unbehandelte Parodontopathien
- Unzureichende Zahnhartsubstanz (ohne präprothetische Maßnahmen)
- Jugendliche unter 18 Jahren (aufgrund des großen Pulpenkavums; Ausnahmen: Adhäsivbrücken, devitale Zähne)
Werkstoffklassen
| Klasse | Eigenschaften | Beispiele |
|---|---|---|
| Silikatkeramik | Glasmatrix mit Kristallen, lichtleitend, dimensionsstabil beim Brennen. Biegefestigkeit bis max. 400 MPa. | Feldspatkeramik, Lithiumdisilikatkeramik |
| Oxidkeramik | Keine Glasmatrix, weiß bis opak, eingeschränkt lichtleitend. Biegefestigkeit bis über 1.000 MPa (3Y-TZP). | Zirkonoxidkeramik (3Y-TZP, 4Y-TZP, 5Y-TZP) |
| Verbundwerkstoffe | CAD/CAM-Komposite oder polymerinfiltrierte Keramiken. Biegefestigkeit 150–240 MPa. | Duale Keramik-Polymernetzwerke |
Empfehlungen für Einzelkronen
Für die Versorgung mit Einzelkronen gelten je nach Region unterschiedliche Empfehlungsgrade (A = soll, B = sollte, 0 = kann).
| Werkstoff | Frontzahnbereich | Seitenzahnbereich |
|---|---|---|
| Lithiumdisilikat (verblendet) | A | A |
| Lithiumdisilikat (monolithisch) | 0 | A |
| Zirkonoxid 3Y-TZP (verblendet) | A | B |
| Zirkonoxid 3Y-TZP (monolithisch) | 0 | 0 |
| Silikatkeramik leuzitverstärkt (monolithisch) | B | B |
| Feldspatkeramik (monolithisch) | 0 | 0 |
Hinweis: Zu neueren Werkstoffen wie 4Y-/5Y-TZP Zirkonoxid oder zirkonoxidhaltigen Lithiumsilikatkeramiken kann aufgrund fehlender Langzeitdaten noch keine Aussage getroffen werden.
Empfehlungen für Brücken
Die Datenlage für vollkeramische Brücken erfordert eine strenge Indikationsstellung. Für mehrgliedrige/weitspannige Brücken ist die Datenlage für eine Empfehlung ungenügend.
| Versorgungstyp | Werkstoff | Empfehlung | Bemerkung |
|---|---|---|---|
| 3-gliedrig Frontzahn | Zirkonoxid 3Y-TZP (verblendet) | A | Überlebensraten 88,8% bis 100% nach 7 Jahren. |
| 3-gliedrig Frontzahn | Lithiumdisilikat (verblendet/monolithisch) | 0 | Offene Empfehlung. |
| 3-gliedrig Seitenzahn | Zirkonoxid 3Y-TZP (verblendet) | B | Überlebensraten 90% bis 97% nach 5 Jahren. |
| 3-gliedrig Seitenzahn | Lithiumdisilikat (alle Formen) | 0 / A (soll nicht) | 0 nur bis Ersatz 1. Prämolar. A (soll nicht) für Ersatz 2. Prämolar/Molar. |
Spezielle Versorgungsformen
- Endokronen (Seitenzahn): Feldspatkeramik (monolithisch) oder Lithiumdisilikatkeramik können verwendet werden (0).
- Einflügelige Adhäsivbrücken (Frontzahn): Verblendete Zirkonoxidkeramik soll verwendet werden (A). Überlebensrate 98,2% nach 10 Jahren.
- Adhäsivbrücken (Seitenzahn): Können evidenzbasiert nicht empfohlen werden.
- Inlaybrücken (Seitenzahn): Lithiumdisilikat (monolithisch) und Zirkonoxid (verblendet) sollen nicht angewandt werden (A). Hohe Misserfolgsraten.
Bruxismus
Bruxismus stellt ein erhöhtes Risiko für alle dentalen Restaurationen dar. Bei Patienten mit wahrscheinlichem Bruxismus:
- Primär prüfen: Ist eine Behandlung mittels metallischer Restaurationen möglich und akzeptabel?
- Falls Keramik gewünscht: Es sollte geprüft werden, ob monolithische Restaurationen möglich sind, da diese in Laboruntersuchungen tendenziell besser abschneiden als verblendete.
- Aufklärung: Patienten müssen zwingend über das erhöhte Verlustrisiko aufgeklärt werden.
- Schutz: Eine Aufbiss-/Stabilisierungsschiene kann vor mechanischem Versagen schützen.
Präparation und Fertigung
- Mindestschichtstärken und Verbinderquerschnitte der Hersteller sind zwingend einzuhalten.
- Politur: Nach jeglichen Einschleifmaßnahmen muss eine erneute Politur bis auf Hochglanz erfolgen. Eingeschliffene Areale sind Prädilektionsstellen für Frakturen und begünstigen Antagonistenverschleiß.
- Befestigung: Vollkeramische Kronen und Brücken sollten nicht provisorisch befestigt werden, da bei der Entnahme Mikrorisse entstehen können.
💡Praxis-Tipp
Befestigen Sie vollkeramische Restaurationen niemals provisorisch, um Mikrorisse bei der Abnahme zu vermeiden. Polieren Sie nach jedem okklusalen Einschleifen zwingend auf Hochglanz, um Chipping und Antagonistenverschleiß vorzubeugen.