Präoperative Anämie: S3-Leitlinie (AWMF/DGAI)
📋Auf einen Blick
- •Präoperative Anämie ist ein unabhängiger Risikofaktor für erhöhte Mortalität, Morbidität und Transfusionswahrscheinlichkeit.
- •Die Diagnostik sollte idealerweise 4-6 Wochen vor einem elektiven Eingriff erfolgen.
- •Eine 'blinde' Eisentherapie ohne vorherige Ursachenklärung wird nicht empfohlen; die Therapie muss ursachengerecht erfolgen.
- •Die WHO definiert Anämie als Hb < 13 g/dl bei Männern und Hb < 12 g/dl bei nicht-schwangeren Frauen.
Hintergrund
Die präoperative Anämie ist ein unabhängiger Risikofaktor in der operativen Medizin und einer der häufigsten Prädiktoren für eine perioperative Transfusion von Erythrozytenkonzentraten. Die Prävalenz bei präoperativen Patienten liegt zwischen 10,5 % und 47,9 %. Die Definition der Anämie richtet sich nach den WHO-Kriterien:
- Männer: Hb < 13 g/dl
- Frauen (nicht schwanger): Hb < 12 g/dl
- Frauen (schwanger): Hb < 11 g/dl
Risiken der unbehandelten präoperativen Anämie
Eine unbehandelte präoperative Anämie verschlechtert das postoperative Behandlungsergebnis signifikant. Dies gilt sowohl für kardiochirurgische als auch für nicht-kardiochirurgische Eingriffe.
| Endpunkt | Kardiochirurgie | Nicht-Kardiochirurgie | Bemerkung |
|---|---|---|---|
| Mortalität | Erhöhtes Risiko | Erhöhtes Risiko | Abhängig vom Schweregrad der Anämie |
| Transfusion | Signifikant erhöhte Rate | Signifikant erhöhte Rate | Unabhängig von der Anämieursache |
| Krankenhausverweildauer | Verlängert | Verlängert | Verlängerung um durchschnittlich 2,3 bis 4 Tage |
Besondere Risikogruppen: Bei Patienten > 65 Jahre stellt das Alter einen zusätzlichen Risikofaktor für eine erhöhte Mortalität (Kardiochirurgie) sowie für eine erhöhte Transfusionsrate und verlängerte Verweildauer (Nicht-Kardiochirurgie) dar.
Ursachen
Die Ursachen einer präoperativen Anämie lassen sich in drei Hauptgruppen unterteilen:
| Kategorie | Mögliche Ursachen |
|---|---|
| Verlust / Blutung | Akute/chronische gastrointestinale oder urogenitale Blutungen, Menstruation, Tumore |
| Blutbildungsstörungen | Eisenmangel (häufigste Ursache), Vitamin-B12-/Folsäuremangel, Renale Anämie, Anämie chronischer Erkrankungen (Tumore, Infektionen) |
| Abbau (Hämolyse) | Kugelzellanämie, Autoimmunhämolytische Anämien, Malaria, Hypersplenismus |
Diagnostik
Die Diagnostik sollte rechtzeitig, idealerweise 4-6 Wochen vor der elektiven Operation, durchgeführt werden. Bei einer Transfusionswahrscheinlichkeit von > 10 % für einen elektiven Eingriff sollte eine Anämie zwingend ausgeschlossen werden. Die Leitlinie empfiehlt ein zweizeitiges Vorgehen:
Schritt 1: Basisdiagnostik
- Bestimmung von Hb-Wert, MCV (mittleres korpuskuläres Volumen) und MCH
- Kontrolle der Nierenwerte (Kreatinin, GFR)
- Entzündungsparameter (CRP, Leukozyten)
Schritt 2: Erweiterte Ursachenklärung (je nach MCV-Befund)
- Mikrozytär (MCV < 80 fl): Verdacht auf Eisenmangel. Parameter: Serum-Ferritin, Transferrin, Transferrinsättigung (TfSat), löslicher Transferrinrezeptor (sTfR).
- Makrozytär (MCV > 100 fl): Verdacht auf Vitamin-B12- oder Folsäuremangel. Parameter: Vitamin B12, Folsäure, ggf. Holotranscobalamin, Homocystein.
- Normozytär (MCV 80-95 fl): Ausschluss einer renalen Anämie (Retikulozyten, GFR) oder Anämie chronischer Erkrankungen (Hepcidin). Bei Hämolyse-Verdacht: LDH, indirektes Bilirubin, Haptoglobin.
Therapie
Die Therapie der präoperativen Anämie muss rechtzeitig und kausal in Abhängigkeit von den Ergebnissen der Diagnostik erfolgen.
- Ursachengerechte Therapie: Eine "blinde" Therapie mit Eisen ohne vorherige Ursachenklärung wird nicht empfohlen.
- Eisentherapie: Bei nachgewiesenem Eisenmangel kann eine Therapie mit Eisen (i.v. oder oral) erfolgen, um den präoperativen Hb-Wert anzuheben und die Häufigkeit perioperativer Transfusionen zu vermindern.
- Interdisziplinäre Abstimmung: Zur weiterführenden Klärung und Therapieplanung sollten Hämato-Onkologen, Internisten und Labormediziner konsiliarisch hinzugezogen werden.
💡Praxis-Tipp
Führen Sie die Anämiediagnostik (inkl. MCV, MCH, Retentionsparametern und CRP) idealerweise 4-6 Wochen vor einem elektiven Eingriff mit >10% Transfusionswahrscheinlichkeit durch. Verzichten Sie auf eine 'blinde' Eisentherapie ohne vorherige Ursachenklärung.