Digitale Bedürfnisse bei Telemedizin: JAMA-Studie
📋Auf einen Blick
- •Über 42 % der untersuchten Patienten gaben mindestens ein digitales Bedürfnis an, das die Nutzung von Telemedizin erschwert.
- •Am häufigsten fehlte ein verlässlicher und bezahlbarer Internetzugang (23,2 %).
- •Ältere Patienten (≥80 Jahre) haben ein signifikant höheres Risiko, kein internetfähiges Gerät zu besitzen (30,8 %).
- •Patienten mit Demenz oder Suchterkrankungen benötigen besonders häufig Hilfe bei der Einrichtung von Videosprechstunden.
- •Ein routinemäßiges Screening hilft, digitale Barrieren frühzeitig zu erkennen und abzubauen.
Hintergrund
Telemedizin kann den Zugang zur Gesundheitsversorgung erheblich verbessern, birgt jedoch das Risiko, gesundheitliche Ungleichheiten durch die sogenannte "digitale Kluft" (Digital Divide) zu verstärken. Eine aktuelle Qualitätsverbesserungsstudie untersuchte die digitalen Bedürfnisse von 6.419 Patienten (US-Veteranen) mithilfe des ACORN-Screening-Tools (Assessing Circumstances and Offering Resources for Needs). Ziel war es, soziodemografische und klinische Faktoren zu identifizieren, die mit mangelnder digitaler Anbindung assoziiert sind.
Prävalenz digitaler Bedürfnisse
Insgesamt gaben 42,7 % der befragten Patienten mindestens ein digitales Bedürfnis an. Die Verteilung der spezifischen Barrieren stellt sich wie folgt dar:
| Digitales Bedürfnis | Anteil der Patienten |
|---|---|
| Fehlender bezahlbarer/zuverlässiger Internetzugang | 23,2 % |
| Kein Smartphone oder Computer vorhanden | 16,9 % |
| Wunsch nach Hilfe bei der Einrichtung einer Videosprechstunde | 12,1 % |
| Datenvolumen/Telefonminuten oft oder manchmal aufgebraucht | 2,9 % |
Von den Patienten, die Hilfe bei der Einrichtung einer Videosprechstunde wünschten, gaben 44,7 % an, generelle Unterstützung beim Erlernen der Gerätenutzung zu benötigen.
Soziodemografische Risikofaktoren
Die Studie identifizierte signifikante Unterschiede in der digitalen Ausstattung basierend auf soziodemografischen Merkmalen:
- Alter: Das Risiko, kein internetfähiges Gerät zu besitzen, steigt mit dem Alter drastisch an (18-49 Jahre: 3,4 % vs. ≥80 Jahre: 30,8 %).
- Wohnort: Patienten in ländlichen Regionen haben häufiger kein Smartphone oder Computer als städtische Patienten.
- Einkommen und Familienstand: Ein niedriges Einkommen sowie ein lediger/alleinstehender Status sind stark mit fehlender digitaler Ausstattung und mangelndem Internetzugang assoziiert.
- Geschlecht: Männliche Patienten gaben häufiger an, kein Gerät zu besitzen (17,6 % vs. 7,9 % bei Frauen).
Klinische Risikofaktoren
Auch bestimmte Vorerkrankungen und die medizinische Komplexität beeinflussen die digitalen Bedürfnisse der Patienten:
| Klinischer Faktor | Assoziiertes digitales Bedürfnis | Bemerkung |
|---|---|---|
| Demenz / Alzheimer | Fehlendes Gerät, Hilfebedarf bei Videosprechstunden | Erhöhtes Risiko (aRR 1,58) für den Wunsch nach technischer Unterstützung. |
| Suchterkrankungen | Fehlendes Gerät, aufgebrauchtes Datenvolumen, Hilfebedarf | Signifikant höherer Bedarf an Unterstützung bei Telemedizin. |
| Hohe medizinische Komplexität (CAN-Score ≥95) | Fehlender Internetzugang | Patienten mit hohem Hospitalisierungsrisiko sind oft digital schlechter angebunden. |
| Herzinsuffizienz | Aufgebrauchtes Datenvolumen | Seltener von aufgebrauchtem Datenvolumen betroffen (aRR 0,45). |
Fazit für die Praxis
Die Ergebnisse unterstreichen die Wichtigkeit eines routinemäßigen Screenings auf digitale Bedürfnisse, bevor telemedizinische Angebote geplant werden. Nur so können Patienten identifiziert werden, die von Leihgeräten, finanziellen Zuschüssen für Internetverbindungen oder technischem Support profitieren.
💡Praxis-Tipp
Führen Sie vor der Planung von Videosprechstunden ein kurzes Screening der digitalen Möglichkeiten durch, insbesondere bei Patienten über 65 Jahren, Alleinstehenden sowie Patienten mit Demenz oder Suchterkrankungen.