Antibiotika in der Oralchirurgie: Umfrage (Oral Health 2025)
📋Auf einen Blick
- •Penicillin-basierte Antibiotika sind mit 95,4 % die am häufigsten verordneten Präparate in der Oralchirurgie.
- •Nur 18,3 % der Zahnärzte befolgen klinische Leitlinien konsequent als einzige Referenz.
- •Das Allergiemanagement weist Lücken auf: Nur 16,0 % überweisen Patienten zur objektiven Allergietestung.
- •Das Infektionsrisiko ist das dominierende Hauptkriterium für die Antibiotikagabe.
- •Es besteht eine deutliche Diskrepanz zwischen dem Bewusstsein für Antibiotikaresistenzen und der evidenzbasierten klinischen Praxis.
Hintergrund
Der Einsatz von Antibiotika ist in der zahnärztlichen Praxis, insbesondere bei oralchirurgischen Eingriffen wie Zahnextraktionen oder Implantationen, weit verbreitet. Eine aktuelle Querschnittsstudie aus der Türkei (263 befragte Zahnärzte) untersuchte die Verschreibungsgewohnheiten, die Leitlinienadhärenz sowie das Management von Allergien und Überempfindlichkeitsreaktionen. Ziel war es, Diskrepanzen zwischen evidenzbasierten Empfehlungen und dem klinischen Alltag aufzudecken, um der zunehmenden Antimikrobiellen Resistenz (AMR) entgegenzuwirken.
Verschreibungspraxis und Kriterien
Die Entscheidung für oder gegen ein Antibiotikum wird im klinischen Alltag stark empirisch getroffen. Das Infektionsrisiko stellt dabei den wichtigsten Faktor dar.
| Kriterium für Verschreibung | Anteil der Zahnärzte |
|---|---|
| Infektionsrisiko (präoperativ) | 52,9 % |
| Infektionsrisiko (postoperativ) | 69,2 % |
| Allgemeingesundheit des Patienten | 14,8 % |
| Alter des Patienten | 1,9 % |
Bei der Wahl des Präparats dominiert Penicillin (95,4 %). Alternativen wie Metronidazol (2,3 %), Clindamycin (1,5 %) oder Azithromycin (0,8 %) werden nur selten als erste Wahl herangezogen. Die Mehrheit der Zahnärzte (77,9 %) lehnt ein Absetzen der Antibiotika bei Symptombesserung ab und bevorzugt die Durchführung der vollständigen Therapiezyklen.
Leitlinienadhärenz
Obwohl das Bewusstsein für die Folgen eines übermäßigen Antibiotikaeinsatzes bei den meisten Befragten als "gut" (55,5 %) oder "sehr gut" (17,1 %) eingestuft wird, mangelt es an der praktischen Umsetzung:
- Nur 18,3 % der Zahnärzte nutzen klinische Leitlinien als einzige Referenz.
- 69,6 % geben an, nationale Antibiotika-Leitlinien zu kennen, aber nur 33,1 % wenden diese auch konsequent an.
- 30,4 % haben keinerlei Kenntnis von entsprechenden Leitlinien.
Es zeigte sich ein signifikanter Zusammenhang zwischen der Berufsbezeichnung und der Leitlinientreue:
| Berufsbezeichnung | Leitlinienadhärenz & Bewusstsein | Verschreibungshäufigkeit |
|---|---|---|
| Wissenschaftliche Mitarbeiter / PhD | Hoch | Eher gering |
| Fachzahnärzte | Hoch | Eher gering |
| Allgemeinzahnärzte | Gering | Hoch |
Allergiemanagement und Nebenwirkungen
Ein kritischer Punkt in der zahnärztlichen Praxis ist das Management von Überempfindlichkeiten. Penicillin wird am häufigsten mit allergischen Reaktionen in Verbindung gebracht (66,2 %).
Häufigste berichtete Nebenwirkungen:
- Diarrhö (51,0 %)
- Übelkeit (20,9 %)
Beim Umgang mit vermuteten Allergien zeigen sich deutliche Defizite in der Diagnostiksicherung:
- 58,6 % der Zahnärzte weichen bei Verdacht auf eine Allergie lediglich auf ein alternatives Antibiotikum aus.
- Nur 16,0 % überweisen den Patienten zu einer objektiven Allergietestung an einen Spezialisten.
- Lediglich 35,4 % klären ihre Patienten immer über mögliche Nebenwirkungen auf.
- Nur 39,5 % fühlen sich im Bereich des Allergiemanagements ausreichend ausgebildet.
Fazit für die Praxis
Die Studie verdeutlicht, dass zahnärztliche Verschreibungen oft auf individuellen Präferenzen statt auf standardisierten Protokollen beruhen. Um die Patientensicherheit zu erhöhen und Resistenzen zu vermeiden, ist eine stärkere Integration von Antibiotic Stewardship-Programmen in die zahnmedizinische Aus- und Weiterbildung zwingend erforderlich.
💡Praxis-Tipp
Überweisen Sie Patienten bei Verdacht auf eine Antibiotika-Allergie konsequent zur objektiven Allergietestung, anstatt nur empirisch das Präparat zu wechseln. Klären Sie zudem routinemäßig über mögliche Nebenwirkungen auf.