Akute Otitis media (AOM): Antibiotika und Analgesie
Hintergrund
Die NICE-Leitlinie NG91 befasst sich mit der antimikrobiellen Verschreibungspraxis bei akuter Otitis media (Mittelohrentzündung) bei Kindern und Jugendlichen. Ziel ist es, den Antibiotikaeinsatz zu begrenzen und Resistenzen zu vermeiden.
Laut Leitlinie handelt es sich meist um eine selbstlimitierende Infektion, die sowohl viral als auch bakteriell bedingt sein kann. Eine klinische Unterscheidung der Erreger ist oft schwierig, da häufig beide gleichzeitig vorliegen.
Es wird betont, dass die Symptome in der Regel etwa drei Tage andauern, sich aber bis zu einer Woche hinziehen können. Die meisten Kinder erholen sich innerhalb von drei Tagen ohne Antibiotika, und schwere Komplikationen wie eine Mastoiditis sind selten.
Empfehlungen
Die Leitlinie formuliert folgende Kernempfehlungen zur Behandlung der akuten Otitis media:
Symptomatische Therapie
Die Leitlinie empfiehlt zur Schmerzlinderung regelmäßige Dosen von Paracetamol oder Ibuprofen. Dabei wird die Ausschöpfung der Maximaldosis bei starken Schmerzen angeraten.
Zusätzlich können Ohrentropfen mit einem Lokalanästhetikum und Analgetikum erwogen werden. Dies wird jedoch nur empfohlen, wenn:
-
keine sofortige orale Antibiotikagabe erfolgt
-
keine Trommelfellperforation vorliegt
-
keine Otorrhö (Ohrenfluss) besteht
Von der Gabe von Dekongestiva und Antihistaminika wird abgeraten, da diese laut Evidenz die Symptome nicht verbessern.
Antibiotika-Strategie
Für die meisten Kinder wird empfohlen, primär auf ein Antibiotikum zu verzichten oder ein Reserve-Rezept (Back-up-Rezept) auszustellen. Es wird angeraten, die Eltern darüber aufzuklären, dass Antibiotika die Symptome kaum lindern und das Risiko für Nebenwirkungen wie Diarrhö erhöhen.
Ein Reserve-Rezept sollte gemäß Leitlinie erst eingelöst werden, wenn sich die Symptome nach drei Tagen nicht bessern oder sich jederzeit rasch verschlechtern.
Indikationen für sofortige Antibiotika
Bei bestimmten Risikogruppen kann laut Leitlinie eine sofortige Antibiotikagabe erwogen werden. Dazu zählen:
-
Kinder jeden Alters mit Otorrhö
-
Kinder unter zwei Jahren mit beidseitiger Infektion
Zwingend angeboten werden sollte ein sofortiges Antibiotikum, wenn das Kind systemisch sehr krank ist oder ein hohes Risiko für Komplikationen aufweist.
Überweisung ins Krankenhaus
Eine sofortige stationäre Einweisung wird empfohlen bei Verdacht auf:
-
schwere systemische Infektionen (Sepsis)
-
akute Komplikationen wie Mastoiditis, Meningitis, intrakranieller Abszess, Sinusthrombose oder Fazialisparese
Dosierung
Die Leitlinie empfiehlt folgende Dosierungsschemata für Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren:
| Wirkstoff (Indikation) | Alter / Gewicht | Dosierung | Dauer |
|---|---|---|---|
| Phenazon + Lidocain (Ohrentropfen) | Kinder & Jugendliche | 4 Tropfen, 2- bis 3-mal täglich | bis zu 7 Tage |
| Amoxicillin (1. Wahl) | 1 bis 11 Monate | 125 mg, 3-mal täglich | 5 bis 7 Tage |
| Amoxicillin (1. Wahl) | 1 bis 4 Jahre | 250 mg, 3-mal täglich | 5 bis 7 Tage |
| Amoxicillin (1. Wahl) | 5 bis 17 Jahre | 500 mg, 3-mal täglich | 5 bis 7 Tage |
| Clarithromycin (Penicillinallergie) | unter 8 kg | 7,5 mg/kg, 2-mal täglich | 5 bis 7 Tage |
| Clarithromycin (Penicillinallergie) | 8 bis 11 kg | 62,5 mg, 2-mal täglich | 5 bis 7 Tage |
| Clarithromycin (Penicillinallergie) | 12 bis 19 kg | 125 mg, 2-mal täglich | 5 bis 7 Tage |
| Clarithromycin (Penicillinallergie) | 20 bis 29 kg | 187,5 mg, 2-mal täglich | 5 bis 7 Tage |
| Clarithromycin (Penicillinallergie) | 30 bis 40 kg | 250 mg, 2-mal täglich | 5 bis 7 Tage |
| Clarithromycin (Penicillinallergie) | 12 bis 17 Jahre | 250 bis 500 mg, 2-mal täglich | 5 bis 7 Tage |
| Erythromycin (Allergie in Schwangerschaft) | 8 bis 17 Jahre | 250-500 mg 4-mal tgl. ODER 500-1000 mg 2-mal tgl. | 5 bis 7 Tage |
| Amoxicillin/Clavulansäure (2. Wahl bei Verschlechterung) | 1 bis 11 Monate | 0,25 ml/kg (125/31 Suspension), 3-mal täglich | 5 bis 7 Tage |
| Amoxicillin/Clavulansäure (2. Wahl bei Verschlechterung) | 1 bis 5 Jahre | 5 ml ODER 0,25 ml/kg (125/31 Suspension), 3-mal täglich | 5 bis 7 Tage |
| Amoxicillin/Clavulansäure (2. Wahl bei Verschlechterung) | 6 bis 11 Jahre | 5 ml ODER 0,15 ml/kg (250/62 Suspension), 3-mal täglich | 5 bis 7 Tage |
| Amoxicillin/Clavulansäure (2. Wahl bei Verschlechterung) | 12 bis 17 Jahre | 250/125 mg ODER 500/125 mg, 3-mal täglich | 5 bis 7 Tage |
Kontraindikationen
Laut Leitlinie dürfen Ohrentropfen mit Lokalanästhetikum und Analgetikum nicht angewendet werden, wenn eine Trommelfellperforation oder eine Otorrhö vorliegt.
Bei der Verordnung von Makroliden in der Schwangerschaft wird auf eine strenge Nutzen-Risiko-Abwägung hingewiesen. Falls bei einer Penicillinallergie ein Makrolid zwingend erforderlich ist, wird Erythromycin als bevorzugte Option genannt.
💡Praxis-Tipp
Die Leitlinie betont, dass Antibiotika bei der unkomplizierten akuten Otitis media die Schmerzen nach 24 Stunden kaum lindern, aber signifikant häufiger zu Nebenwirkungen wie Diarrhö führen. Es wird daher angeraten, primär auf eine adäquate Analgesie mit Paracetamol oder Ibuprofen zu setzen und Antibiotika bevorzugt als Reserve-Rezept (Back-up-Strategie) für den Fall einer fehlenden Besserung nach drei Tagen auszustellen.
Häufig gestellte Fragen
Laut Leitlinie wird eine sofortige Antibiotikagabe empfohlen, wenn das Kind systemisch sehr krank ist oder ein hohes Komplikationsrisiko aufweist. Zudem kann sie bei Kindern unter zwei Jahren mit beidseitiger Infektion oder bei Vorliegen einer Otorrhö erwogen werden.
Die Leitlinie empfiehlt Amoxicillin als Mittel der ersten Wahl. Die Standardtherapiedauer beträgt fünf bis sieben Tage bei einer dreimal täglichen Gabe.
Bei einer Penicillinallergie oder -unverträglichkeit wird Clarithromycin als alternative Erstlinientherapie empfohlen. Bei schwangeren Patientinnen mit echter Penicillinallergie sollte stattdessen Erythromycin bevorzugt werden.
Es wird darauf hingewiesen, dass die aktuelle Evidenz keinen Nutzen von Dekongestiva oder Antihistaminika bei der Behandlung der akuten Otitis media zeigt. Die Leitlinie rät daher von deren Einsatz zur Symptomlinderung ab.
Die Leitlinie gibt an, dass Ohrentropfen mit einem Lokalanästhetikum und Analgetikum zur Schmerzlinderung erwogen werden können. Voraussetzung ist jedoch, dass das Trommelfell intakt ist, keine Otorrhö vorliegt und keine sofortige orale Antibiotikatherapie gestartet wird.
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Quelle: NICE Guideline on Acute Otitis Media (NICE, 2018). Originaldokument ansehen
KI-generierte Zusammenfassung. Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung. Die klinische Entscheidung trifft der behandelnde Arzt.
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