Stottern bei Kindern: Therapie und Lidcombe-Programm
Hintergrund
Stottern betrifft bis zu 11 % der Kinder bis zum vierten Lebensjahr. Es äußert sich durch Wiederholungen von Lauten, Dehnungen oder Blockaden und kann von nonverbalen Verhaltensweisen wie Gesichtsanspannung begleitet sein.
Die genaue Ursache ist unbekannt, jedoch wird von einer polygenen Störung mit Defiziten in der neuronalen Sprachverarbeitung ausgegangen. Stottern kann die emotionale und soziale Entwicklung sowie die Lebensqualität negativ beeinflussen.
Der vorliegende Cochrane Review aus dem Jahr 2021 untersucht die Wirksamkeit nicht-medikamentöser Interventionen bei Kindern bis zu sechs Jahren. Es wurden vier randomisierte kontrollierte Studien mit insgesamt 151 Kindern eingeschlossen.
Empfehlungen
Der Cochrane Review formuliert basierend auf der aktuellen Evidenzlage folgende Kernaussagen zur Behandlung des Stotterns bei Kleinkindern:
Das Lidcombe-Programm
Laut Review ist das Lidcombe-Programm derzeit die einzige Intervention, deren Wirksamkeit durch randomisierte kontrollierte Studien im Vergleich zu einer Wartelisten-Kontrollgruppe belegt ist. Das Programm zeichnet sich durch folgende Merkmale aus:
-
Wöchentliche Sitzungen mit einem Sprachtherapeuten
-
Tägliche 10- bis 15-minütige Übungseinheiten zu Hause durch die Eltern
-
Einsatz verbaler Reaktionen zur Förderung des Sprechflusses
Wirksamkeit und Evidenz
Der Review zeigt, dass das Lidcombe-Programm im Vergleich zu einer Warteliste zu einer geringeren Stotterhäufigkeit führen kann (sehr niedrige Evidenzqualität). Zudem wird eine mögliche Erhöhung der Spracheffizienz beschrieben (moderate Evidenzqualität).
Die Autoren betonen, dass die Ergebnisse aufgrund der geringen Evidenzqualität und des hohen Verzerrungsrisikos der Studien mit Vorsicht zu interpretieren sind. Langzeiteffekte konnten nicht abschließend beurteilt werden, da die Studien vor dem regulären Abschluss des ein- bis zweijährigen Programms endeten.
Übersicht der Endpunkte
| Endpunkt | Effekt des Lidcombe-Programms | Evidenzqualität |
|---|---|---|
| Stotterhäufigkeit | Reduktion | Sehr niedrig |
| Spracheffizienz | Erhöhung | Moderat |
| Lebensqualität | Nicht berichtet | Keine Evidenz |
| Unerwünschte Wirkungen | Nicht berichtet | Keine Evidenz |
Bedarf an weiterer Forschung
Es wird darauf hingewiesen, dass auch andere nicht-medikamentöse Interventionen existieren. Der Review empfiehlt dringend weitere unabhängige Studien, um die kurz- und langfristigen Effekte verschiedener Therapieansätze zu evaluieren.
💡Praxis-Tipp
Der Review hebt hervor, dass die Behandlung des Stotterns bei Kleinkindern ein hohes Maß an elterlicher Einbindung erfordert, da die täglichen Übungseinheiten zu Hause stattfinden. Es wird darauf hingewiesen, dass trotz der Empfehlung für das Lidcombe-Programm die aktuelle Evidenzlage sehr schwach ist. Langzeitdaten zur Wirksamkeit gegenüber einer spontanen Remission fehlen weitgehend.
Häufig gestellte Fragen
Laut Review beginnt das Stottern meist plötzlich im Alter zwischen zwei und vier Jahren. Dies fällt oft mit der Phase der Sprachentwicklung zusammen, in der Kinder beginnen, Wörter zu Sätzen zu kombinieren.
Das Programm basiert auf einer direkten Intervention, bei der Eltern von einem Sprachtherapeuten angeleitet werden. Die Eltern führen tägliche kurze Übungseinheiten zu Hause durch und geben dem Kind gezielte verbale Rückmeldungen zu seinem Sprechfluss.
Der Review gibt an, dass das vollständige Programm auf eine Dauer von ein bis zwei Jahren ausgelegt ist. Die genaue Dauer hängt jedoch vom individuellen Fortschritt des Kindes ab.
In den eingeschlossenen Studien des Reviews wurden keine unerwünschten Wirkungen systematisch erfasst. Es wird jedoch erwähnt, dass bestimmte Verhaltensverstärkungen bei einigen Kindern Frustration oder Irritation auslösen können.
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Quelle: Cochrane Review: Non-pharmacological interventions for stuttering in children six years and younger (Cochrane, 2021). Originaldokument ansehen
KI-generierte Zusammenfassung. Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung. Die klinische Entscheidung trifft der behandelnde Arzt.
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