Präoperative Routinediagnostik: EKG, Labor & Bildgebung
Hintergrund
Die NICE-Leitlinie NG45 befasst sich mit der Anordnung von präoperativen Routinetests bei Personen über 16 Jahren, bei denen ein elektiver chirurgischer Eingriff geplant ist. Ausgenommen sind Schwangere sowie Eingriffe in der Herz-Thorax-Chirurgie und Neurochirurgie.
Laut Leitlinie werden viele gesunde Menschen vor Operationen getestet, um unerkannte Erkrankungen aufzudecken. Übermäßige präoperative Tests können jedoch zu erheblicher Angst, Behandlungsverzögerungen und potenziell schädlichen Folgeuntersuchungen durch falsch-positive Ergebnisse führen.
Zudem führen selbst echte abnormale Ergebnisse bei relativ gesunden Personen oft nicht zu einer signifikanten Änderung des perioperativen Managements. Ziel der Leitlinie ist es daher, unnötige Tests zu reduzieren und eine zielgerichtete Diagnostik basierend auf Begleiterkrankungen und der Schwere des Eingriffs zu fördern.
Empfehlungen
Die NICE-Leitlinie formuliert folgende Kernempfehlungen zur präoperativen Diagnostik:
Allgemeine Empfehlungen für alle Eingriffe
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Schwangerschaft: Es wird empfohlen, alle Frauen im gebärfähigen Alter am Tag der Operation nach einer möglichen Schwangerschaft zu fragen. Ein Test sollte bei Unklarheiten und mit Zustimmung der Patientin erfolgen.
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Sichelzellanämie: Ein routinemäßiges Screening wird nicht empfohlen. Es sollte stattdessen eine gezielte Anamnese (Eigen- und Familienanamnese) erhoben werden.
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Röntgen-Thorax: Ein routinemäßiges präoperatives Röntgen des Thorax wird nicht empfohlen.
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Urinuntersuchung: Auf routinemäßige Urin-Streifentests sollte verzichtet werden. Eine Mikroskopie und Kultur wird nur erwogen, wenn ein Harnwegsinfekt die Operationsentscheidung beeinflussen würde.
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Echokardiographie: Eine routinemäßige Ruhe-Echokardiographie wird nicht empfohlen. Sie kann erwogen werden bei Herzgeräuschen mit kardialen Symptomen oder bei Zeichen einer Herzinsuffizienz.
Diabetes und Blutzuckerkontrolle
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Bei Personen ohne diagnostizierten Diabetes wird eine routinemäßige HbA1c-Bestimmung vor der Operation nicht empfohlen.
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Bei Personen mit bekanntem Diabetes sollte laut Leitlinie ein HbA1c-Test angeboten werden, falls in den letzten 3 Monaten keine Testung erfolgte.
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Die aktuellsten HbA1c-Werte sollten in den Überweisungsunterlagen aus der Primärversorgung enthalten sein.
Diagnostik nach Eingriffsschwere und ASA-Klassifikation
Die Leitlinie stratifiziert die Notwendigkeit von Tests nach der Schwere des Eingriffs (klein, mittel, groß/komplex) und dem ASA-Status (1-4).
Kleine Eingriffe (z.B. Exzision von Hautläsionen):
| Test | ASA 1 | ASA 2 | ASA 3 oder 4 |
|---|---|---|---|
| Blutbild | Nicht routinemäßig | Nicht routinemäßig | Nicht routinemäßig |
| Nierenfunktion | Nicht routinemäßig | Nicht routinemäßig | Erwägen bei Risiko für akute Nierenschädigung |
| EKG | Nicht routinemäßig | Nicht routinemäßig | Erwägen, falls kein EKG aus den letzten 12 Monaten vorliegt |
Mittlere Eingriffe (z.B. Leistenhernienreparation, Tonsillektomie):
| Test | ASA 1 | ASA 2 | ASA 3 oder 4 |
|---|---|---|---|
| Blutbild | Nicht routinemäßig | Nicht routinemäßig | Erwägen bei kardiovaskulärer/renaler Erkrankung mit nicht abgeklärten Symptomen |
| Nierenfunktion | Nicht routinemäßig | Erwägen bei Risiko für akute Nierenschädigung | Empfohlen |
| EKG | Nicht routinemäßig | Erwägen bei kardiovaskulären, renalen oder diabetischen Komorbiditäten | Empfohlen |
Große oder komplexe Eingriffe (z.B. Hysterektomie, Gelenkersatz):
| Test | ASA 1 | ASA 2 | ASA 3 oder 4 |
|---|---|---|---|
| Blutbild | Empfohlen | Empfohlen | Empfohlen |
| Nierenfunktion | Erwägen bei Risiko für akute Nierenschädigung | Empfohlen | Empfohlen |
| EKG | Erwägen bei Alter über 65, falls kein EKG aus den letzten 12 Monaten vorliegt | Empfohlen | Empfohlen |
💡Praxis-Tipp
Die Leitlinie betont, dass auf routinemäßige Urin-Streifentests und präoperative Röntgen-Thorax-Aufnahmen bei asymptomatischen Personen verzichtet werden sollte. Es wird darauf hingewiesen, dass ungerichtete Tests häufig zu falsch-positiven Ergebnissen führen, was unnötige Verzögerungen und Ängste vor dem Eingriff auslösen kann.
Häufig gestellte Fragen
Laut Leitlinie ist ein EKG bei kleinen Eingriffen meist nicht erforderlich, es sei denn, es handelt sich um ASA 3- oder 4-Patienten ohne EKG in den letzten 12 Monaten. Bei mittleren und großen Eingriffen wird ein EKG ab ASA 3 generell empfohlen, bei ASA 2 abhängig von den Komorbiditäten.
Ein routinemäßiges Blutbild wird gemäß der Leitlinie bei kleinen und mittleren Eingriffen für gesunde Patienten (ASA 1 und 2) nicht empfohlen. Bei großen oder komplexen Eingriffen wird die Bestimmung des Blutbildes hingegen für alle ASA-Klassen empfohlen.
Die Leitlinie rät von einer routinemäßigen präoperativen Röntgen-Thorax-Aufnahme ab. Eine Bildgebung sollte nur bei spezifischer klinischer Indikation erfolgen.
Bei Personen mit bekanntem Diabetes wird empfohlen, einen HbA1c-Test durchzuführen, wenn in den letzten 3 Monaten keine Testung stattgefunden hat. Bei Nicht-Diabetikern wird von einem routinemäßigen Screening abgeraten.
Eine routinemäßige Ruhe-Echokardiographie wird vor elektiven Eingriffen nicht empfohlen. Sie kann jedoch erwogen werden, wenn ein Herzgeräusch mit kardialen Symptomen oder klinische Zeichen einer Herzinsuffizienz vorliegen.
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Quelle: NICE Guideline on Preoperative Tests (NICE, 2016). Originaldokument ansehen
KI-generierte Zusammenfassung. Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung. Die klinische Entscheidung trifft der behandelnde Arzt.
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