Chronische Herzinsuffizienz: Leitlinie (NVL)
📋Auf einen Blick
- •Die Herzinsuffizienz wird anhand der linksventrikulären Ejektionsfraktion (LVEF) in HFrEF (< 40 %), HFmrEF (40-49 %) und HFpEF (≥ 50 %) eingeteilt.
- •Die Basisdiagnostik umfasst Anamnese, körperliche Untersuchung, 12-Kanal-EKG und Labordiagnostik.
- •Natriuretische Peptide (BNP/NT-proBNP) eignen sich aufgrund ihres hohen negativ prädiktiven Wertes zum sicheren Ausschluss einer Herzinsuffizienz.
- •Bei erhärtetem Verdacht ist zeitnah eine transthorakale Echokardiographie indiziert.
- •Der aktuelle funktionelle Status des Patienten soll stets anhand der NYHA-Klassifikation dokumentiert werden.
Hintergrund
Die chronische Herzinsuffizienz ist ein klinisches Syndrom, bei dem das Herz nicht in der Lage ist, den Organismus mit ausreichend Blut und Sauerstoff zu versorgen. Die häufigsten Ursachen (70-90 % der Fälle) sind die koronare Herzkrankheit (KHK) und die arterielle Hypertonie.
Klassifikation nach Ejektionsfraktion
Die Einteilung der Herzinsuffizienz erfolgt maßgeblich anhand der linksventrikulären Ejektionsfraktion (LVEF):
| Form | LVEF | Weitere Kriterien |
|---|---|---|
| HFrEF (reduced) | < 40 % | Symptome +/- Zeichen |
| HFmrEF (mildly reduced) | 40-49 % | Symptome +/- Zeichen, erhöhte natriuretische Peptide, strukturelle/funktionelle Störungen |
| HFpEF (preserved) | ≥ 50 % | Symptome +/- Zeichen, erhöhte natriuretische Peptide, strukturelle/funktionelle Störungen |
NYHA-Klassifikation
Zur Bestimmung des aktuellen funktionellen Status soll die NYHA-Klassifikation genutzt werden (Empfehlungsgrad A):
| Stadium | Klinische Beschreibung |
|---|---|
| NYHA I | Herzerkrankung ohne körperliche Limitation. Keine Beschwerden bei alltäglicher Belastung. |
| NYHA II | Leichte Einschränkung. Beschwerdefreiheit in Ruhe, aber Erschöpfung/Luftnot bei stärkerer Belastung (z. B. Treppensteigen). |
| NYHA III | Höhergradige Einschränkung. Beschwerdefreiheit in Ruhe, aber Symptome bereits bei geringer Belastung (z. B. Gehen in der Ebene). |
| NYHA IV | Beschwerden bei allen körperlichen Aktivitäten und in Ruhe, Bettlägerigkeit. |
Diagnostik bei Verdacht auf Herzinsuffizienz
Die Diagnostik erfolgt stufenweise. Patienten mit typischen Symptomen (Dyspnoe, Leistungsminderung, Flüssigkeitsretention) sollen auf klinische Zeichen untersucht werden (Empfehlungsgrad A). Wichtige klinische Zeichen sind:
- Erhöhter Jugularvenendruck / positiver hepatojugulärer Reflux
- Verlagerter Herzspitzenstoß
- Vorhandener dritter Herzton
- Pulmonale Rasselgeräusche, periphere Ödeme, Hepatomegalie
Besteht der Verdacht weiter, soll eine Abklärung durch Labordiagnostik und ein 12-Kanal-EKG erfolgen (Empfehlungsgrad A).
Natriuretische Peptide (BNP / NT-proBNP)
Wird eine Ausschlussdiagnostik für erforderlich gehalten, soll die Bestimmung von BNP oder NT-proBNP frühzeitig erfolgen (Empfehlungsgrad A). Aufgrund des hohen negativ prädiktiven Wertes kann eine Herzinsuffizienz bei Werten unterhalb der Schwellenwerte mit hoher Sicherheit ausgeschlossen werden.
| Parameter | Schwellenwert (ESC) |
|---|---|
| BNP | < 35 pg/ml |
| NT-proBNP | < 125 pg/ml |
Hinweis: Bei Patienten über 70 Jahren ist die Bestimmung oft nicht zielführend, da die Werte altersbedingt meist oberhalb der Schwellenwerte liegen.
Echokardiographie und weiterführende Diagnostik
Bei weiterhin bestehendem Verdacht soll zeitnah eine transthorakale Echokardiographie durchgeführt werden (Empfehlungsgrad A). Befunde sollen eine klare Interpretation der Messwerte beinhalten.
Weiterführende Diagnostik zur Abklärung von Ätiologie, Prognose und Komorbiditäten:
| Diagnostik | Mögliche Indikation |
|---|---|
| Langzeit-EKG | Verdacht auf Herzrhythmusstörungen |
| Belastungs-EKG / Spiroergometrie | Beurteilung der Belastbarkeit, Ischämiediagnostik |
| Labor (Troponin, HbA1c, Ferritin) | Ausschluss Myokardinfarkt, Diabetes, Eisenmangel/Hämochromatose |
| Kardiales MRT (cMRT) | Bestimmung der Ätiologie (z. B. Myokarditis) |
| Linksherzkatheter | Ischämiediagnostik bei KHK-Verdacht |
Aufwändige und invasive Maßnahmen sollen zwischen Hausarzt und Kardiologen abgestimmt werden und im Sinne einer gemeinsamen Entscheidungsfindung mit dem Patienten getroffen werden (Empfehlungsgrad A).
💡Praxis-Tipp
Nutzen Sie die Bestimmung von BNP oder NT-proBNP gezielt zum Ausschluss einer Herzinsuffizienz bei unspezifischer Dyspnoe. Beachten Sie jedoch, dass die Werte bei Patienten über 70 Jahren altersbedingt fast immer erhöht sind und der Test hier oft nicht zielführend ist.