ADHS-Leitlinie: Diagnostik & Therapie (NICE)
📋Auf einen Blick
- •Die ADHS-Diagnostik darf nur durch Spezialisten erfolgen und sich nicht allein auf Ratingskalen stützen.
- •Bei Kindern unter 5 Jahren ist ein ADHS-fokussiertes Elterntraining die Therapie der ersten Wahl; Medikamente erfordern eine Zweitmeinung.
- •Methylphenidat ist die medikamentöse Erstlinientherapie für Kinder ab 5 Jahren und Jugendliche.
- •Bei Erwachsenen gelten Lisdexamfetamin oder Methylphenidat als medikamentöse Erstlinientherapie.
- •Vor Therapiebeginn ist ein kardiovaskuläres Basis-Assessment obligatorisch; ein Routine-EKG oder Routine-Blutentnahmen sind meist nicht nötig.
Hintergrund
Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) erfordert eine sorgfältige Diagnostik und multimodale Therapie. Besondere Aufmerksamkeit gilt Risikogruppen (z. B. Frühgeborene, Kinder mit oppositionellem Trotzverhalten, Epilepsie oder affektiven Störungen). Mädchen und Frauen werden häufig unterdiagnostiziert oder erhalten Fehldiagnosen.
Diagnostik
Die Diagnose darf nur durch Spezialisten (Psychiater, Pädiater oder entsprechend qualifizierte Fachkräfte) gestellt werden.
- Diagnosekriterien nach DSM-5 oder ICD-11 müssen erfüllt sein.
- Symptome müssen in mindestens zwei Lebensbereichen (z. B. Schule, Familie, Beruf) auftreten und zu moderaten bis schweren Einschränkungen führen.
- Keine Diagnose ausschließlich auf Basis von Ratingskalen (wie Conners oder SDQ), diese dienen nur als Hilfsmittel.
- Optional kann der QbTest bei 6- bis 17-Jährigen unterstützend eingesetzt werden.
Therapie bei Kindern und Jugendlichen
| Altersgruppe | 1. Wahl | 2. Wahl | Bemerkung |
|---|---|---|---|
| < 5 Jahre | ADHS-fokussiertes Elterntraining | Medikamente nur in Ausnahmefällen | Medikation erfordert zwingend eine Zweitmeinung eines tertiären Zentrums |
| ≥ 5 Jahre | Methylphenidat | Lisdexamfetamin | Medikation nur bei anhaltender Beeinträchtigung trotz Umweltmodifikationen |
| ≥ 5 Jahre (Intoleranz) | Atomoxetin oder Guanfacin | - | Wenn Stimulanzien nicht vertragen werden oder nach 6 Wochen unwirksam sind |
Therapie bei Erwachsenen
| Stufe | Therapie | Bemerkung |
|---|---|---|
| 1. Wahl | Lisdexamfetamin ODER Methylphenidat | 6-wöchiger Versuch in adäquater Dosis |
| 2. Wahl | Wechsel auf das jeweils andere Präparat | Bei unzureichender Wirkung |
| 3. Wahl | Dexamfetamin | Wenn Lisdexamfetamin wirkt, aber das lange Wirkprofil nicht toleriert wird |
| Alternative | Atomoxetin | Bei Intoleranz/Unwirksamkeit von Stimulanzien |
| Nicht-pharmakologisch | Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) | Bei Ablehnung, Intoleranz oder Ineffektivität von Medikamenten |
Medikamentöse Therapie: Baseline-Assessment
Vor Therapiebeginn ist ein umfassendes Assessment zwingend erforderlich. Ein Routine-EKG oder Routine-Blutentnahmen sind nicht indiziert, es sei denn, es liegen spezifische kardiovaskuläre Risikofaktoren vor (z. B. plötzlicher Herztod in der Familie < 40 Jahre, Synkopen bei Belastung, pathologischer Auskultationsbefund).
Monitoring unter Therapie
| Parameter | Zielgruppe | Intervall |
|---|---|---|
| Größe | Kinder und Jugendliche | Alle 6 Monate |
| Gewicht | Kinder ≤ 10 Jahre | Alle 3 Monate |
| Gewicht | Kinder > 10 Jahre & Jugendliche | Nach 3 und 6 Monaten, danach alle 6 Monate |
| Gewicht / BMI | Erwachsene | Alle 6 Monate |
| Puls & Blutdruck | Alle Altersgruppen | Vor/nach jeder Dosisänderung und alle 6 Monate |
Besondere klinische Situationen
- Tics: Treten unter Stimulanzien Tics auf, sollte geprüft werden, ob die Dosis reduziert oder auf Guanfacin (bei ≥ 5 Jahren) bzw. Atomoxetin gewechselt werden kann.
- Akute Psychose/Manie: ADHS-Medikation sofort absetzen und erst nach Abklingen der Episode neu bewerten.
- Krampfanfälle: Bei Neuauftreten oder Verschlechterung von Anfällen ist die Medikation zu pausieren und neurologisch abzuklären.
💡Praxis-Tipp
Verzichten Sie vor Beginn einer medikamentösen ADHS-Therapie auf ein Routine-EKG, sofern Anamnese und klinische Untersuchung keine kardialen Warnzeichen (z. B. Synkopen, plötzlicher Herztod in der Familie) ergeben.