Komplexes Wundmanagement: TIMES-Schema und Therapie
Hintergrund
Die Wundheilung ist ein dynamischer physiologischer Prozess, der sich in Hämostase, Entzündung, Proliferation und Remodeling unterteilen lässt. Komplexe Wunden verharren klassischerweise in der Entzündungsphase, ohne dass ein weiterer Heilungsfortschritt stattfindet.
Laut Leitlinie wird eine Wunde als komplex definiert, wenn sie länger als drei Monate besteht, eine eingeschränkte Vaskularisation oder Nekrosen aufweist, infiziert ist oder durch Begleiterkrankungen in ihrer Heilung beeinträchtigt wird. Sowohl lokale Faktoren wie anhaltender Druck als auch systemische Faktoren wie Diabetes mellitus oder Mangelernährung spielen hierbei eine entscheidende Rolle.
Das Management dieser Wunden erfordert ein tiefgreifendes Verständnis des Heilungsprozesses. Die Leitlinie betont die Notwendigkeit eines interprofessionellen Ansatzes, um sowohl die lokalen Wundverhältnisse als auch die systemischen Voraussetzungen des Patienten zu optimieren.
Empfehlungen
Die StatPearls-Leitlinie formuliert folgende Kernempfehlungen für das Management komplexer Wunden:
Wundbeurteilung (Assessment)
Für eine konsistente und umfassende Wundbeurteilung wird die Anwendung des TIMES-Konzepts empfohlen. Dieses Akronym strukturiert die Evaluation nach folgenden Kriterien:
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Tissue (Gewebeart): Beurteilung von Nekrosen, Slough, Granulation oder Epithelisierung.
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Infection/Inflammation (Infektion/Entzündung): Differenzierung zwischen Kolonisation und echter Infektion.
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Moisture (Feuchtigkeitsbalance): Erfassung von Menge, Farbe und Geruch des Exsudats.
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Epithelialization (Epithelisierung): Überprüfung des Wundrandfortschritts.
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Surrounding skin (Umgebungshaut): Beurteilung auf Entzündungen oder Mazerationen.
Systemische Therapieziele
Die Leitlinie betont, dass die Wundheilung maßgeblich von der allgemeinen Verfassung abhängt. Es werden folgende systemische Zielwerte für eine optimale Heilung empfohlen:
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Blutzuckerspiegel unter 200 mg/dl
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Albuminwert über 3 g/dl und Präalbumin über 15 mg/dl
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Lymphozytenzahl von über 1.500
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Vollständiger Rauchstopp
Wundreinigung und Debridement
Alle Wunden sollten unter aseptischen Bedingungen und mit einer Non-Touch-Technik behandelt werden. Für die routinemäßige Reinigung wird angewärmte Kochsalzlösung empfohlen.
Antiseptische Lösungen werden primär bei starker Exsudation oder klinischen Infektionszeichen empfohlen. Das Debridement von nekrotischem Gewebe kann autolytisch, chemisch, chirurgisch oder mittels Madentherapie erfolgen.
Auswahl der Wundauflagen
Die Wahl der Wundauflage sollte das Exsudatmanagement, die Rehydratation trockener Wunden und die Infektionskontrolle berücksichtigen. Die Leitlinie vergleicht verschiedene Materialklassen:
| Wundauflage | Eigenschaften | Indikation | Kontraindikation / Warnhinweis |
|---|---|---|---|
| Schaumstoff (Foam) | Durchlässig für Wasserdampf und Gase | Mäßig bis stark exsudierende Wunden | Trockener Schorf, arterielle Ulzera |
| Hydrogel | Hoher Wasseranteil (ca. 90 %) | Aufweichen von Nekrosen, schwache Exsudation | Gefahr der Mazeration der Wundumgebung |
| Hydrokolloid | Absorbiert Exsudat, wärmeisolierend | Schwach bis mäßig exsudierende Wunden | Klinisch infizierte Wunden |
| Alginat | Hochabsorbierend (bis 20-faches Gewicht) | Stark exsudierende Wunden, infizierte Wunden | Keine spezifischen laut Text |
Spezifische Wundarten
Bei Druckulzera wird eine konsequente Druckentlastung, Ernährungsoptimierung und regelmäßige Hautpflege empfohlen. Die Leitlinie nutzt zur Klassifikation von Druckulzera die Kategorien des National Pressure Ulcer Advisory Panel (NPUAP):
| Kategorie | Beschreibung laut NPUAP |
|---|---|
| Kategorie I | Nicht wegdrückbares Erythem |
| Kategorie II | Teilverlust der Haut |
| Kategorie III | Vollständiger Hautverlust |
| Kategorie IV | Vollständiger Gewebeverlust |
Beim diabetischen Fußsyndrom wird ein interprofessionelles Management aus Blutzuckerkontrolle, Debridement, Druckentlastung (Offloading) und gegebenenfalls Revaskularisation empfohlen. Bei venösen Ulzera steht die Kompressionstherapie im Vordergrund.
Kontraindikationen
Die Leitlinie nennt spezifische Kontraindikationen und Warnhinweise für verschiedene Wundtherapien:
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Jodbasierte Auflagen: Dürfen bei Schilddrüsenerkrankungen und in der Schwangerschaft nicht angewendet werden.
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Unterdruck-Wundtherapie (NPWT): Kontraindiziert bei Verdacht auf Malignität im Wundbett, unexplorierten Fisteln, unbehandelter Osteomyelitis und Vorhandensein von nekrotischem Gewebe.
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Madentherapie (Larval therapy): Kontraindiziert in der Nähe von großen Organen, Körperhöhlen oder Blutgefäßen, bei zu trockenen Wunden sowie bei hoher Blutungsneigung.
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Blutegeltherapie: Relative Kontraindikationen umfassen arterielle Insuffizienz, Blutungsneigung, Immunsuppression, Diabetes mellitus, Allergien gegen Blutegel oder Fluorchinolone sowie die Zugehörigkeit zu den Zeugen Jehovas.
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Hyperbare Sauerstofftherapie (HBO): Kontraindiziert bei Pneumothorax, schweren reaktiven Atemwegserkrankungen und kürzlicher Chemotherapie.
💡Praxis-Tipp
Die Leitlinie betont, dass die lokale Wundversorgung ohne die Optimierung systemischer Faktoren häufig erfolglos bleibt. Es wird empfohlen, neben dem lokalen Debridement und der Exsudatkontrolle stets systemische Zielwerte wie einen Blutzucker unter 200 mg/dl, ein Albumin über 3 g/dl und einen Rauchstopp anzustreben, um die physiologischen Voraussetzungen für die Wundheilung zu schaffen.
Häufig gestellte Fragen
Laut Leitlinie wird eine Wunde als komplex eingestuft, wenn sie länger als drei Monate besteht. Weitere Kriterien sind eine eingeschränkte Vaskularisation, Nekrosen, Infektionen oder begleitende Komorbiditäten, die die Heilung beeinträchtigen.
Das Akronym steht für Tissue (Gewebeart), Infection/Inflammation (Infektion/Entzündung), Moisture (Feuchtigkeitsbalance), Epithelialization (Epithelisierung) und Surrounding skin (Umgebungshaut). Die Leitlinie empfiehlt dieses Schema für eine konsistente und strukturierte Wundbeurteilung.
Bei starker Exsudation empfiehlt die Leitlinie hochabsorbierende Materialien wie Alginate oder Hydrofasern. Diese können das Exsudat effektiv binden und bei täglichem Wechsel auch bei infizierten Wunden eingesetzt werden.
Die Leitlinie nennt Malignome im Wundbett, unexplorierte Fisteln, unbehandelte Osteomyelitis und das Vorhandensein von nekrotischem Gewebe als klare Kontraindikationen für die NPWT.
Es wird empfohlen, einen Blutzuckerspiegel von unter 200 mg/dl sowie einen Albuminwert von über 3 g/dl anzustreben. Zudem werden ein Präalbuminwert von über 15 mg/dl, eine Lymphozytenzahl von über 1.500 und ein konsequenter Rauchstopp als förderlich beschrieben.
Der Verdauungstrakt von Blutegeln enthält das Bakterium Aeromonas spp., welches für den Menschen pathogen sein kann. Daher wird eine antibiotische Prophylaxe, vorzugsweise mit Ciprofloxacin, ab einer Stunde vor der Anwendung empfohlen.
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Quelle: StatPearls: Complex Wound Management (StatPearls, 2026). Originaldokument ansehen
KI-generierte Zusammenfassung. Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung. Die klinische Entscheidung trifft der behandelnde Arzt.
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