Dissoziierte Vertikaldeviation (DVD): Diagnostik
Hintergrund
Die dissoziierte Vertikaldeviation (DVD) ist eine seltene, meist beidseitige, aber asymmetrische Augenmotilitätsstörung. Sie ist durch ein langsames Aufwärtsgleiten des nicht fixierenden Auges gekennzeichnet, was häufig mit einer Exzyklotorsion einhergeht.
Laut der StatPearls-Leitlinie tritt die Erkrankung typischerweise im Alter von zwei bis fünf Jahren auf. Sie ist stark mit frühkindlichem Strabismus, insbesondere der infantilen Esotropie, assoziiert.
Die genaue Ätiologie ist nicht vollständig geklärt. Es wird jedoch eine Störung der binokularen sensorischen Entwicklung in der frühen Kindheit vermutet, die zu einer supranukleären Dysregulation der vertikalen Vergenz führt.
Empfehlungen
Die StatPearls-Leitlinie formuliert folgende Kernempfehlungen zur Evaluation und Behandlung der dissoziierten Vertikaldeviation (DVD):
Diagnostik
Die Diagnose wird rein klinisch anhand der Anamnese und einer detaillierten orthoptischen Untersuchung gestellt. Als Goldstandard zur Quantifizierung der Deviation wird der Prismen-Abdeck-Test empfohlen.
Ein charakteristischer Befund im Abdeck-Aufdeck-Test ist das langsame Aufwärtsgleiten des abgedeckten Auges, welches beim Aufdecken ohne entsprechende Abwärtsbewegung des Partnerauges zurückgleitet. Dieses Phänomen verletzt das Hering-Gesetz der okulären Motilität.
Zur Einteilung des Schweregrades der DVD beschreibt die Leitlinie folgende Klassifikation basierend auf Prismendioptrien (PD):
| Schweregrad | Abweichung in Prismendioptrien (PD) | Klinische Relevanz |
|---|---|---|
| Mild | < 10 PD | Oft intermittierend, kosmetisch unauffällig, selten operationsbedürftig |
| Moderat | 10 - 15 PD | Häufig sichtbar, kosmetisch störend, mögliche OP-Indikation |
| Schwer | > 15 - 20 PD | Meist manifest, kosmetisch entstellend, in der Regel operationsbedürftig |
Differenzialdiagnostik
Es wird betont, wie wichtig die Abgrenzung der DVD von einer Überfunktion des Musculus obliquus inferior (IOOA) und einer erworbenen Skew-Deviation ist. Die Leitlinie nennt hierfür spezifische Unterscheidungsmerkmale:
| Merkmal | DVD | IOOA | Skew-Deviation |
|---|---|---|---|
| Hyperdeviation | Gleich in allen Blickrichtungen | Am stärksten in Adduktion | Variabel |
| V-Muster | Nicht vorhanden | Häufig vorhanden | Nicht vorhanden |
| Torsion | Exzyklotorsion des abweichenden Auges | Extorsion der Makula möglich | Intorsion des höheren Auges |
| Bielschowsky-Phänomen | Vorhanden | Nicht vorhanden | Nicht vorhanden |
Therapie
Die Behandlung richtet sich nach dem Schweregrad, der kosmetischen Beeinträchtigung und dem Einfluss auf das Binokularsehen. Die Leitlinie empfiehlt folgende Ansätze:
-
Beobachtung: Bei milden, intermittierenden und kosmetisch unauffälligen Verläufen.
-
Konservative Therapie: Behandlung einer begleitenden Amblyopie durch Okklusion oder optische Pönalisierung.
-
Operative Therapie: Indiziert bei großen Abweichungen (>12-15 PD), kosmetischer Entstellung oder Störung der Fusion.
Bei der chirurgischen Planung wird die Wahl des Verfahrens vom Vorhandensein einer IOOA abhängig gemacht. Ohne IOOA wird eine Rücklagerung des Musculus rectus superior empfohlen.
Liegt gleichzeitig eine IOOA vor, rät die Leitlinie zu einer Schwächung oder Vorlagerung des Musculus obliquus inferior. Bei schweren oder asymmetrischen Befunden können kombinierte Eingriffe erforderlich sein.
Nachsorge
Postoperativ wird eine topische Therapie mit Steroiden und Antibiotika sowie eine engmaschige Kontrolle empfohlen. Die Leitlinie unterstreicht die Wichtigkeit der fortgeführten Amblyopie-Therapie, um das visuelle Ergebnis zu sichern.
💡Praxis-Tipp
Ein häufiger Fallstrick in der Praxis ist die Verwechslung der dissoziierten Vertikaldeviation mit einer echten Hypertropie oder einer Skew-Deviation. Die Leitlinie weist darauf hin, dass bei der DVD das Hering-Gesetz der okulären Motilität verletzt wird, da das Partnerauge beim Abdeck-Aufdeck-Test keine reziproke Abwärtsbewegung zeigt. Zudem wird betont, dass eine begleitende Amblyopie konsequent behandelt werden sollte, da deren Vernachlässigung die visuellen Langzeitergebnisse erheblich verschlechtert.
Häufig gestellte Fragen
Laut Leitlinie manifestiert sich die Erkrankung meist im Alter von zwei bis fünf Jahren. Sie wird häufig nach einer chirurgischen Korrektur einer infantilen Esotropie klinisch auffällig.
Bei der DVD bleibt die Hyperdeviation in allen Blickrichtungen weitgehend gleich, während sie bei der Überfunktion des Musculus obliquus inferior in der Adduktion am stärksten ausgeprägt ist. Zudem fehlt bei der DVD das typische V-Muster.
Eine Operation wird gemäß der Leitlinie bei großen Abweichungen von über 12 bis 15 Prismendioptrien in Betracht gezogen. Weitere Indikationen sind eine deutliche kosmetische Entstellung oder eine Beeinträchtigung des Binokularsehens.
Wenn keine Überfunktion des Musculus obliquus inferior vorliegt, wird primär eine Rücklagerung des Musculus rectus superior empfohlen. Die genaue Dosierung der Rücklagerung richtet sich nach dem Ausmaß der Deviation.
Bei kleinen, intermittierenden Deviationen ohne kosmetische Relevanz ist eine reine Beobachtung ausreichend. Begleitende Amblyopien werden konservativ mittels Okklusionstherapie oder optischer Pönalisierung behandelt.
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Quelle: StatPearls: Dissociated Vertical Deviation (StatPearls, 2026). Originaldokument ansehen
KI-generierte Zusammenfassung. Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung. Die klinische Entscheidung trifft der behandelnde Arzt.
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