Bindungsstörungen bei Kindern: Diagnostik und Therapie
Hintergrund
Die frühkindliche Bindung ist entscheidend für die spätere soziale Entwicklung, die emotionale Regulation und die psychische Gesundheit. Kinder, deren Bezugspersonen in Stresssituationen feinfühlig reagieren, entwickeln in der Regel eine sichere Bindung.
Häufige Wechsel der Bezugspersonen, Vernachlässigung oder Misshandlung können zu erheblichen Bindungsschwierigkeiten führen. Besonders gefährdet sind Kinder und Jugendliche, die in Pflegefamilien, Heimen oder bei Adoptiveltern leben, sowie solche, die kurz vor einer Inobhutnahme stehen.
Die NICE-Leitlinie NG26 befasst sich mit der Erkennung, Beurteilung und Behandlung von Bindungsstörungen bei diesen vulnerablen Gruppen. Dabei wird zwischen allgemeinen Bindungsschwierigkeiten und diagnostizierten Bindungsstörungen nach DSM-5 oder ICD-10 unterschieden.
Empfehlungen
Die NICE-Leitlinie formuliert folgende Kernempfehlungen zur Betreuung und Behandlung:
Allgemeine Prinzipien
Es wird empfohlen, allen betroffenen Kindern und Jugendlichen den gleichen Zugang zu Interventionen zu ermöglichen, unabhängig von ihrer genauen Unterbringungsart oder Herkunft. Die Leitlinie betont die Wichtigkeit stabiler und konsistenter Strukturen im Gesundheits-, Bildungs- und Sozialwesen.
Um die Stabilität zu fördern, sollten Inobhutnahmen möglichst geplant und nicht als Krisenreaktion erfolgen. Wenn eine Rückkehr zur leiblichen Familie nicht möglich ist, wird empfohlen, Geschwisterkinder nach Möglichkeit gemeinsam unterzubringen.
Diagnostik und Assessment
Vor jeder Intervention sollte laut Leitlinie ein umfassendes Assessment stattfinden. Dieses muss persönliche Faktoren, die Unterbringungshistorie, die elterliche Feinfühligkeit sowie mögliche Misshandlungserfahrungen und Begleiterkrankungen erfassen.
Die Diagnose einer Bindungsstörung darf nur gestellt werden, wenn die Kriterien nach DSM-5 oder ICD-10 erfüllt sind. Zur Unterstützung der Diagnostik empfiehlt die Leitlinie spezifische Assessment-Tools je nach Altersgruppe:
| Tool | Alter (Jahre) | Format |
|---|---|---|
| Strange Situation Procedure | 1 bis 2 | Beobachtung (Klinik) |
| Cassidy-Marvin Preschool Attachment Coding System | 2 bis 4 | Beobachtung (Klinik) |
| Preschool Assessment of Attachment | 2 bis 4 | Beobachtung (Klinik) |
| Attachment Q-sort | 1 bis 4 | Beobachtung (Zuhause) |
| Manchester Child Attachment Story Task | 4 bis 7 | Interview |
| McArthur Story Stem Battery | 4 bis 7 | Interview |
| Story Stem Assessment Profile | 4 bis 7 | Interview |
| Child Attachment Interview | 7 bis 15 | Interview |
| Adult Attachment Interview | ab 15 | Interview |
Interventionen im Vorschulalter
Für leibliche Eltern, Pflegeeltern und Adoptiveltern von Vorschulkindern wird primär ein videobasiertes Feedback-Programm empfohlen. Dieses zielt darauf ab, die elterliche Feinfühligkeit und das Verständnis für das Verhalten des Kindes zu verbessern.
Das Programm sollte laut Leitlinie folgende Rahmenbedingungen erfüllen:
-
Durchführung im häuslichen Umfeld durch geschultes Personal
-
10 Sitzungen über einen Zeitraum von 3 bis 4 Monaten
-
Videoaufzeichnung der Interaktion für 10 bis 20 Minuten pro Sitzung
-
Gemeinsame Auswertung zur Hervorhebung positiver Verhaltensänderungen
Interventionen im Schulalter
Für Kinder im Grundschulalter wird ein intensives Training und eine Unterstützung der Pflege- oder Adoptiveltern empfohlen. Dies sollte bereits vor der Platzierung beginnen und mit therapeutischen Gruppenspielsitzungen für das Kind kombiniert werden.
Bei älteren Kindern und Jugendlichen empfiehlt die Leitlinie gruppenbasierte Trainingsprogramme für die Betreuungspersonen sowie separate Programme für die Jugendlichen zur Förderung der sozialen Kompetenz. Die Interventionen sollten an die körperliche Entwicklung und die Pubertät angepasst werden.
Schulische Betreuung
Schulen wird empfohlen, sicherzustellen, dass alle Lehrkräfte im Umgang mit Bindungsstörungen geschult sind. Es sollte eine benannte Lehrkraft (Designated Teacher) geben, die als Ansprechpartner fungiert und einen sicheren Rückzugsort im Schulgebäude bereitstellt.
Zudem betont die Leitlinie, dass Schulverweise bei Kindern aus dem Pflegesystem mit identifizierten Bindungsstörungen so weit wie möglich vermieden werden sollten.
Kontraindikationen
Die Leitlinie rät ausdrücklich davon ab, primäre Bindungsstörungen mit pharmakologischen Interventionen zu behandeln. Medikamente sollten ausschließlich für koexistierende psychische Erkrankungen gemäß den jeweiligen Fachleitlinien eingesetzt werden.
Zudem wird empfohlen, keine genetischen Screenings zur Vorhersage oder Identifikation von Bindungsstörungen bei Kindern und Jugendlichen durchzuführen.
💡Praxis-Tipp
Die Leitlinie betont, dass die Stabilität oder Instabilität der Unterbringung eines Kindes nicht darüber entscheiden darf, ob psychologische Interventionen angeboten werden. Ein häufiger Fehler ist es, therapeutische Maßnahmen aufzuschieben, bis ein permanenter Pflegeplatz gefunden wurde. Zudem wird darauf hingewiesen, dass bei unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen neben Bindungsstörungen hochgradig an Traumafolgestörungen gedacht werden muss.
Häufig gestellte Fragen
Laut Leitlinie wird für Kinder im Alter von 1 bis 2 Jahren die Strange Situation Procedure empfohlen. Für Kinder von 1 bis 4 Jahren kann zudem das Attachment Q-sort im häuslichen Umfeld herangezogen werden.
Es wird primär ein videobasiertes Feedback-Programm für die Pflegeeltern empfohlen. Dieses umfasst in der Regel 10 Sitzungen über 3 bis 4 Monate im häuslichen Umfeld, um die elterliche Feinfühligkeit zu stärken.
Die Leitlinie spricht sich klar gegen eine pharmakologische Behandlung von primären Bindungsstörungen aus. Medikamente sollten nur bei koexistierenden psychischen Erkrankungen wie ADHS oder Depressionen eingesetzt werden.
Es wird empfohlen, dass Schulen speziell geschulte Lehrkräfte einsetzen und einen sicheren Rückzugsort für betroffene Kinder schaffen. Zudem sollten Schulverweise bei diesen Kindern laut Leitlinie möglichst vermieden werden.
Die Leitlinie empfiehlt, beim ersten Anzeichen ernsthafter Schwierigkeiten zusätzliche Unterstützung wie Mentoring oder Tagesbesuche durch Sozialarbeiter anzubieten. Falls eine Platzierung scheitert, sollte die Beziehung zu den bisherigen Pflegeeltern nach Möglichkeit aufrechterhalten werden.
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Quelle: NG26: Children’s attachment: attachment in children and young people who are adopted from care, in care or at high risk of going into care (NICE). Originaldokument ansehen
KI-generierte Zusammenfassung. Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung. Die klinische Entscheidung trifft der behandelnde Arzt.
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