Unani-Medizin Praxis: WHO-Leitlinie (2022)
📋Auf einen Blick
- •Die Unani-Medizin basiert auf dem Gleichgewicht der vier Körpersäfte (Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle).
- •Die klinische Praxis wird in eine Grundstufe (Basic) und eine Fortgeschrittenenstufe (Advanced) unterteilt.
- •Regimenale Therapien (Tadabir) wie Schröpfen (Hijama) oder Kauterisation (Kayy) erfordern strenge Indikationsstellungen.
- •Invasive und stark belastende Verfahren sind bei Kindern, Schwangeren und älteren Patienten grundsätzlich kontraindiziert.
- •Ein striktes Qualitäts- und Sicherheitsmanagement inklusive Infektionsschutz und Pharmakovigilanz ist obligatorisch.
Hintergrund
Die Unani-Medizin (auch als griechisch-arabische Medizin bekannt) basiert auf den philosophischen Prinzipien von Hippokrates und dem Konzept der vier Körpersäfte (Blut, Schleim, gelbe Galle, schwarze Galle). Ein Gleichgewicht dieser Säfte bedeutet Gesundheit, während ein Ungleichgewicht zu Krankheit führt. Die Behandlung umfasst Diätetik, regimenale Therapien (Tadabir), Pharmakotherapie und Chirurgie.
Praxisstufen der Unani-Medizin
Die WHO unterteilt die Praxis in zwei Versorgungsstufen, die an entsprechende Qualifikationen gebunden sind:
| Stufe | Leistungsumfang | Infrastruktur |
|---|---|---|
| Grundstufe (Basic) | Konsultation, Apothekenausgabe, grundlegende regimenale Therapien | Basis-Infrastruktur, Untersuchungsliege, grundlegende Instrumente |
| Fortgeschrittenenstufe (Advanced) | Alle Basis-Leistungen plus erweiterte Diagnostik, stationäre Aufnahme, komplexe Chirurgie | Labor, Stationäre Einrichtungen, OP-Ausstattung |
Regimenale Therapien (Tadabir) und Kontraindikationen
Regimenale Therapien werden meist in Kombination mit anderen Behandlungsformen eingesetzt. Invasive und belastende Verfahren sind bei Kindern, Schwangeren und älteren Menschen grundsätzlich kontraindiziert oder nur mit äußerster Vorsicht anzuwenden.
Spezifische Verfahren und Kontraindikationen
| Verfahren | Beschreibung | Wichtige Kontraindikationen |
|---|---|---|
| Schröpfen (Hijama) | Erzeugung eines Vakuums (trocken/blutig) zur Ausleitung | Alter < 12 Jahre, Schwangerschaft, Blutungsneigung, Antikoagulantien, maligne Hypertonie |
| Kauterisation (Kayy) | Anwendung von Hitze (Metall) oder Chemikalien | Kinder, Ältere, Schwangerschaft, schwere Anämie, akute Erkrankungen |
| Einlauf (Huqna) | Flüssigkeitsgabe rektal zur Ausleitung oder Ernährung | Divertikulitis, Colitis ulcerosa, Morbus Crohn, rektale/kolonale Tumore |
| Diurese (Idrar-i-bawl) | Steigerung der Urinausscheidung | Hypotonie, schwere Nierenparenchymerkrankungen, Dehydration |
Patientensicherheit und Risikomanagement
Die Sicherheit in der Unani-Praxis erfordert die Einhaltung strenger Standards:
- Infektionsprävention: Strikte Händehygiene, Sterilisation von Instrumenten (Autoklavierung) und Verwendung von Einwegmaterialien (z.B. bei blutigem Schröpfen).
- Pharmakovigilanz: Unerwünschte Arzneimittelwirkungen müssen erkannt, behandelt und an die zuständigen Behörden gemeldet werden.
- Notfallmanagement: Das Personal muss in Basic Life Support (BLS) und der primären Versorgung von Verbrennungen geschult sein.
- Einverständniserklärung: Vor jeder Intervention muss ein informierter Konsens (Informed Consent) des Patienten eingeholt werden.
💡Praxis-Tipp
Prüfen Sie vor invasiven regimenalen Therapien wie dem blutigen Schröpfen (Hijama) stets die Gerinnungsparameter und schließen Sie Infektionen (Hepatitis B/C, HIV) aus. Verwenden Sie bei invasiven Eingriffen ausschließlich Einwegklingen.