Thorakolumbale Wirbelsäulenfraktur: TLICS und Therapie
Hintergrund
Die thorakolumbale Region (T10-L2) ist aufgrund ihrer spezifischen Biomechanik der am häufigsten von Traumata betroffene Abschnitt der Wirbelsäule. Sie bildet den Übergang von der starren Brustwirbelsäule zur flexibleren Lendenwirbelsäule.
Häufigste Ursachen sind Hochgeschwindigkeitstraumata wie Verkehrsunfälle und Stürze aus großer Höhe. Bei diesen Verletzungen besteht ein 25-prozentiges Risiko für ein begleitendes Rückenmarkstrauma.
Etwa 70 % dieser Frakturen treten ohne sofortige neurologische Verletzung auf. Wenn neurologische Symptome entstehen, resultieren diese oft aus einer Kompression des Conus medullaris oder der absteigenden Nervenwurzeln.
Empfehlungen
Die StatPearls-Leitlinie formuliert folgende Kernempfehlungen zur Evaluation und Behandlung:
Erstversorgung und Diagnostik
Laut Leitlinie erfolgt die initiale Triage nach dem ATLS-Protokoll zur Sicherung von Atemwegen und Kreislauf. Im Anschluss wird eine fokussierte neurologische Untersuchung zur Bestimmung des Verletzungsniveaus empfohlen.
Für die radiologische Diagnostik gelten folgende Empfehlungen:
-
Durchführung eines CT-Scans zur detaillierten Beurteilung der knöchernen Strukturen.
-
Einsatz eines MRTs bei neurologischen Defiziten zur Beurteilung von Bandstrukturen und des Rückenmarks.
-
Bei dokumentiertem neurologischem Defizit und unauffälligem CT ist ein MRT zwingend erforderlich.
Klassifikationssysteme
Die Leitlinie nutzt die ASIA-Skala zur standardisierten Einteilung von Rückenmarksverletzungen:
| Grad | Klassifikation | Beschreibung |
|---|---|---|
| A | Komplett | Keine motorische oder sensorische Funktion unterhalb des Verletzungsniveaus erhalten |
| B | Inkomplett | Sensorische, aber keine motorische Funktion unterhalb des Niveaus erhalten (inkl. S4-S5) |
| C | Inkomplett | Motorische Funktion erhalten, mehr als die Hälfte der Schlüsselmuskeln hat Kraftgrad < 3 |
| D | Inkomplett | Motorische Funktion erhalten, mindestens die Hälfte der Schlüsselmuskeln hat Kraftgrad ≥ 3 |
| E | Normal | Motorische und sensorische Funktion sind normal |
Zur Entscheidungsfindung bezüglich einer operativen oder konservativen Therapie wird der TLICS-Score (Thoracolumbar Injury Classification and Severity) herangezogen:
| Kategorie | Kriterium | Punkte |
|---|---|---|
| Verletzungsmechanismus | Kompression | 1 |
| Verletzungsmechanismus | Berstungsfraktur (Burst) | 2 |
| Verletzungsmechanismus | Translation/Rotation | 3 |
| Verletzungsmechanismus | Distraktion | 4 |
| Hinterer Bandkomplex (MRT) | Intakt | 0 |
| Hinterer Bandkomplex (MRT) | Verdacht/Unbestimmt | 2 |
| Hinterer Bandkomplex (MRT) | Verletzt | 3 |
| Neurologischer Status | Intakt | 0 |
| Neurologischer Status | Nervenwurzel | 2 |
| Neurologischer Status | Komplettes Querschnittssyndrom | 2 |
| Neurologischer Status | Inkomplettes Querschnittssyndrom | 3 |
| Neurologischer Status | Cauda equina | 3 |
Therapieentscheidung
Basierend auf dem TLICS-Score ergeben sich laut Leitlinie folgende Therapiepfade:
-
Score < 4: Konservative Behandlung wird empfohlen (z. B. Orthese für 12 Wochen).
-
Score = 4: Chirurgische oder konservative Behandlung sind gleichermaßen akzeptiert.
-
Score > 4: Chirurgische Intervention wird empfohlen.
Zusätzlich wird eine Aufrechterhaltung des mittleren arteriellen Drucks (MAP) von über 85 mmHg empfohlen, um die Rückenmarksperfusion zu sichern. Bei Vorliegen einer Paraplegie wird die Einleitung einer prophylaktischen Antikoagulation zur Vermeidung von tiefen Venenthrombosen angeraten.
Kontraindikationen
Die Leitlinie warnt davor, bei Traumapatienten vor dem radiologischen Ausschluss einer Fraktur auf spinale Vorsichtsmaßnahmen zu verzichten.
Es wird strikt davon abgeraten, Bewegungen wie Flexion, Extension oder Rotation der Wirbelsäule zuzulassen. Diese Bewegungen können eine bestehende Rückenmarksverletzung erheblich verschlimmern.
💡Praxis-Tipp
Laut Leitlinie darf die rektale Untersuchung zur Beurteilung des Sphinktertonus bei der neurologischen Evaluation niemals ausgelassen werden. Bei kritisch kranken, sedierten und beatmeten Patienten ist der rektale Tonus oft der einzige objektive Befund zur Feststellung einer Rückenmarksverletzung.
Häufig gestellte Fragen
Die Leitlinie empfiehlt primär eine CT-Untersuchung zur Beurteilung der knöchernen Strukturen. Bei neurologischen Defiziten oder zum Ausschluss okkulter Bandverletzungen wird zusätzlich ein MRT empfohlen.
Gemäß dem Thoracolumbar Injury Classification and Severity (TLICS) System wird bei einem Score von über 4 eine chirurgische Intervention empfohlen. Bei einem Score von unter 4 wird zu einer konservativen Therapie geraten.
Es wird empfohlen, einen mittleren arteriellen Druck (MAP) von über 85 mmHg aufrechtzuerhalten. Dies dient laut Leitlinie der Sicherstellung einer adäquaten Rückenmarksperfusion.
Die Leitlinie beschreibt für die konservative Behandlung den Einsatz einer thorakolumbalen Orthese oder eines Gipses für einen Zeitraum von etwa 12 Wochen.
Ein MRT wird empfohlen, wenn in der körperlichen Untersuchung ein neurologisches Defizit dokumentiert ist, die initialen CT-Bilder jedoch keine Frakturen oder Dislokationen zeigen. Es dient der Identifikation von Knochenmarködemen, Bandrupturen oder Bandscheibenmaterial im Spinalkanal.
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Quelle: StatPearls: Thoracolumbar Spine Fracture (StatPearls, 2026). Originaldokument ansehen
KI-generierte Zusammenfassung. Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung. Die klinische Entscheidung trifft der behandelnde Arzt.
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