Stumpfes Augentrauma: Diagnostik, Therapie und Prognose
Hintergrund
Stumpfes Augentrauma umfasst nicht-penetrierende mechanische Verletzungen des Auges und der Adnexe. Die StatPearls-Leitlinie betont, dass trotz eines intakten äußeren Erscheinungsbildes schwere innere Verletzungen vorliegen können.
Die Pathophysiologie beruht auf einer plötzlichen anteroposterioren Kompression mit gleichzeitiger äquatorialer Ausdehnung des Bulbus. Dies führt zu Schockwellen, die sowohl am Ort der Krafteinwirkung (Coup) als auch auf der gegenüberliegenden Seite (Contrecoup) Schäden verursachen.
Zu den häufigsten Ursachen zählen Sportunfälle, Stürze, Verkehrsunfälle und körperliche Auseinandersetzungen. Ein fehlender Augenschutz stellt laut Leitlinie einen wesentlichen und vermeidbaren Risikofaktor dar.
Empfehlungen
Die StatPearls-Leitlinie formuliert folgende Kernempfehlungen zur Evaluation und Behandlung:
Initiale Evaluation und Diagnostik
Bei Verdacht auf eine offene Bulbusverletzung wird empfohlen, jegliche Manipulation, einschließlich der Tonometrie, strikt zu vermeiden. Die Sehschärfe gilt als wichtigster prognostischer Indikator und sollte frühzeitig dokumentiert werden.
Zur weiteren Diagnostik wird empfohlen:
-
Durchführung einer Computertomografie (CT) der Orbita bei Verdacht auf Frakturen, intraokulare Fremdkörper oder Bulbusruptur
-
B-Bild-Sonografie zur Beurteilung des hinteren Augenabschnitts, sofern eine Bulbusruptur sicher ausgeschlossen ist
-
Gonioskopie nach 4 bis 6 Wochen zur Erkennung einer Kammerwinkelrezession
Stadieneinteilungen und Scores
Die Leitlinie nutzt verschiedene Klassifikationssysteme zur Beurteilung der Verletzungsschwere. Die Einteilung des Hyphaemas (Vorderkammerblutung) erfolgt nach Volumen:
| Grad | Definition |
|---|---|
| Mikrohyphaema | Zirkulierende Erythrozyten in der Vorderkammer |
| Grad I | Weniger als 33 % des Vorderkammervolumens |
| Grad II | Zwischen 33 % und 50 % des Vorderkammervolumens |
| Grad III | Mehr als 50 % des Vorderkammervolumens |
| Grad IV | Totales Hyphaema (8-Ball-Hyphaema) |
Zur Prognoseabschätzung wird der Ocular Trauma Score (OTS) herangezogen. Dieser berechnet die Wahrscheinlichkeit für das Erreichen einer bestimmten Sehschärfe:
| OTS-Kategorie | Wahrscheinlichkeit für Visus ≥ 20/40 | Risiko für fehlende Lichtwahrnehmung (NLP) |
|---|---|---|
| OTS 1 | Ca. 1 % | Ca. 74 % |
| OTS 2 | Ca. 5 % | Ca. 28 % |
| OTS 3 | Ca. 26 % | Ca. 2 % |
| OTS 4 | Ca. 56 % | < 1 % |
| OTS 5 | Ca. 85 % | < 0,5 % |
Akuttherapie und chirurgische Intervention
Bei einem retrobulbären Hämatom mit drohendem Sehverlust wird eine sofortige laterale Kanthotomie und Kantholyse empfohlen. Ein Hyphaema erfordert Bettruhe mit Oberkörperhochgelagerung, Zykloplegika und eine medikamentöse Augendrucksenkung.
Für die chirurgische Versorgung einer Linsensubluxation nennt die Leitlinie folgende Richtwerte basierend auf dem Ausmaß der Zonulolyse:
| Ausmaß der Zonulolyse | Chirurgische Strategie |
|---|---|
| < 5 Uhrzeiten | Kapselspannring (CTR) mit Intraokularlinse (IOL) |
| 5 bis 7 Uhrzeiten | CTR plus Kapselspannsegment (CTS) oder Cionni-Ring mit IOL |
| 7 bis 9 Uhrzeiten | Cionni-Ring (1-2 Ösen) plus CTS und IOL |
| > 9 Uhrzeiten | Kataraktextraktion mit skleralfixierter IOL |
Langzeitmonitoring
Es wird eine lebenslange Überwachung des Augeninnendrucks empfohlen, da ein Sekundärglaukom durch Kammerwinkelrezession auch Jahre nach dem Trauma auftreten kann. Ebenso wird zu regelmäßigen Netzhautkontrollen geraten.
Dosierung
Die Leitlinie nennt spezifische Dosierungen für die medikamentöse Begleittherapie bei bestimmten Verletzungsmustern:
| Medikament | Dosierung/Anwendung | Indikation laut Leitlinie |
|---|---|---|
| Vitamin C (oral) | 500 mg zweimal täglich für 7 Tage | Subkonjunktivale Blutung |
| Moxifloxacin 0,5 % (topisch) | 4 bis 6 mal täglich | Konjunktivale Verletzungen / Hornhautepitheldefekte |
| Timolol 0,5 % (topisch) | Zweimal täglich für 1 bis 2 Wochen | Hornhautödem mit erhöhtem Augeninnendruck |
| Acetazolamid (oral) | Nach klinischem Ermessen | Iridodialyse / Augeninnendrucksteigerung |
Kontraindikationen
Die Leitlinie benennt klare Kontraindikationen bei der Diagnostik und Therapie. Bei Verdacht auf eine offene Bulbusverletzung ist die Durchführung einer Tonometrie oder B-Bild-Sonografie kontraindiziert.
Die Magnetresonanztomografie (MRT) ist bei Verdacht auf metallische intraokulare Fremdkörper absolut kontraindiziert.
Bei Personen mit Sichelzellanämie oder Sichelzellanlage wird vor der systemischen Gabe von Carboanhydrasehemmern (wie Acetazolamid) gewarnt. Zudem sollte in der Akutphase eines Hyphaemas auf nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) verzichtet werden, um Nachblutungen zu vermeiden.
💡Praxis-Tipp
Ein unauffälliges äußeres Erscheinungsbild des Auges schließt schwere intraokulare Verletzungen nicht aus. Die Leitlinie warnt davor, bei Verdacht auf eine Bulbusruptur Druck auf das Auge auszuüben, da dies zur Extrusion von intraokularem Gewebe führen kann. Zudem wird betont, dass Nachblutungen bei einem Hyphaema typischerweise erst an Tag 3 bis 5 auftreten und oft schwerwiegender sind als die initiale Blutung.
Häufig gestellte Fragen
Laut Leitlinie wird eine sofortige laterale Kanthotomie und Kantholyse bei einem retrobulbären Hämatom mit drohendem Sehverlust empfohlen. Der Eingriff sollte nicht verzögert werden, da die visuelle Prognose stark zeitabhängig ist.
Es wird empfohlen, in den ersten 5 Tagen nach einem Hyphaema auf nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) und Aspirin zu verzichten. Diese Medikamente können laut Leitlinie das Risiko für schwere Nachblutungen erhöhen.
Die Leitlinie empfiehlt eine lebenslange Überwachung des Augeninnendrucks, insbesondere bei einer Kammerwinkelrezession. Ein traumatisches Glaukom kann sich noch Monate bis Jahre nach dem ursprünglichen Ereignis entwickeln.
Zur Detektion und Lokalisation von intraokularen Fremdkörpern wird primär eine Computertomografie (CT) der Orbita empfohlen. Eine MRT ist bei Verdacht auf metallische Fremdkörper strikt kontraindiziert.
Die B-Bild-Sonografie wird zur Beurteilung des hinteren Augenabschnitts empfohlen, wenn die Einblickbedingungen erschwert sind. Voraussetzung ist jedoch, dass eine offene Bulbusruptur im Vorfeld sicher ausgeschlossen wurde.
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Quelle: StatPearls: Blunt Eye Trauma (StatPearls, 2026). Originaldokument ansehen
KI-generierte Zusammenfassung. Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung. Die klinische Entscheidung trifft der behandelnde Arzt.
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