Diabetisches Fußsyndrom (DFS): Diagnostik und Therapie
Hintergrund
Diabetische Fußulzera stellen eine der schwerwiegendsten Komplikationen des Diabetes mellitus dar. Sie sind weltweit die häufigste Ursache für nichttraumatische Amputationen der unteren Extremitäten.
Die Entstehung basiert meist auf einem komplexen Zusammenspiel von peripherer Neuropathie, peripherer arterieller Verschlusskrankheit (pAVK) und gestörter Wundheilung. Häufig werden diese Faktoren durch sekundäre mikrobielle Infektionen aggraviert.
Neben der lokalen Gewebeschädigung spiegeln diese Ulzera oft eine systemische Gefäßerkrankung wider. Sie gehen mit einer deutlich erhöhten kardiovaskulären Morbidität und einer reduzierten Lebenserwartung einher.
Empfehlungen
Die StatPearls-Leitlinie formuliert folgende Kernempfehlungen zur Diagnostik und Therapie:
Klinische Evaluierung und Klassifikation
Laut Leitlinie wird eine umfassende klinische Untersuchung empfohlen, die eine Beurteilung von Neuropathie, Durchblutung und Fußdeformitäten umfasst. Zur standardisierten Beurteilung von Infektionen und Ulkusschweregraden werden spezifische Klassifikationssysteme herangezogen.
| Grad | IWGDF/IDSA-Klassifikation (Infektionsschweregrad) |
|---|---|
| Grad 1 | Nicht infiziertes Ulkus ohne lokale oder systemische Zeichen |
| Grad 2 | Leichte Infektion mit Erythem ≤ 2 cm |
| Grad 3 | Moderate Infektion mit tieferer Beteiligung (Muskel, Gelenk, Knochen) oder Erythem > 2 cm ohne systemische Toxizität |
| Grad 4 | Schwere Infektion mit systemischer Entzündungsreaktion |
| System | Fokus | Klinische Bedeutung |
|---|---|---|
| SINBAD-Score | Ulkusschweregrad | Höhere Werte korrelieren mit schlechterer Heilung und erhöhtem Amputationsrisiko |
| WIfI-System | Amputationsrisiko | Schätzt das 1-Jahres-Risiko für eine Major-Amputation und den Nutzen einer Revaskularisation |
Diagnostik
Bei Verdacht auf eine Osteomyelitis oder bei Ulzera, die bis auf den Knochen reichen, wird primär ein konventionelles Röntgenbild empfohlen. Bei unklaren Befunden oder zur Frühdiagnostik gilt die Magnetresonanztomographie (MRT) als Methode der Wahl.
Zur Abklärung einer pAVK empfiehlt die Leitlinie primär nicht-invasive Verfahren:
-
Bestimmung des Knöchel-Arm-Index (ABI) und des Zehen-Arm-Index (TBI)
-
Messung des transkutanen Sauerstoffpartialdrucks (TcPO2)
-
Bei geplanter Revaskularisation: CT- oder MR-Angiographie zur anatomischen Darstellung
Therapie und Wundmanagement
Die Druckentlastung (Offloading) wird als Grundpfeiler der Therapie bei neuropathischen plantaren Ulzera beschrieben. Hierfür werden nicht-abnehmbare, kniehohe Vorrichtungen wie Vollkontaktgipse oder spezielle Orthesen empfohlen.
Eine antibiotische Therapie ist laut Leitlinie nur bei klinisch manifester Infektion indiziert:
-
Leichte Weichteilinfektionen: 1 bis 2 Wochen orale Therapie
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Moderate bis schwere Infektionen: 2 bis 3 Wochen intravenöse Therapie
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Osteomyelitis (ohne Operation): Etwa 6 Wochen antibiotische Therapie
Chirurgische und vaskuläre Interventionen
Bei moderaten bis schweren Infektionen mit nekrotisierender Fasziitis, tiefen Abszessen oder Gangrän wird ein dringendes chirurgisches Konsil empfohlen. Ein frühes Debridement innerhalb von 24 bis 48 Stunden verbessert die klinischen Ergebnisse signifikant.
Bei signifikanter arterieller Stenose oder kritischer Extremitätenischämie wird eine zeitnahe Revaskularisation mittels Endovaskular- oder Bypass-Chirurgie empfohlen.
Kontraindikationen
Die Leitlinie rät ausdrücklich von oberflächlichen Abstrichkulturen zur mikrobiologischen Diagnostik ab. Stattdessen wird die Gewinnung von Gewebeproben mittels Kürettage oder Biopsie empfohlen.
Zudem wird davor gewarnt, sich bei der pAVK-Diagnostik ausschließlich auf den Knöchel-Arm-Index (ABI) zu verlassen. Es wird darauf hingewiesen, dass dieser Wert bei Personen mit Diabetes aufgrund von Gefäßverkalkungen (Mediasklerose) fälschlicherweise normal oder erhöht sein kann.
💡Praxis-Tipp
Die Leitlinie weist nachdrücklich darauf hin, SGLT2-Inhibitoren drei Tage vor einem chirurgischen Eingriff am Fuß zu pausieren. Dies wird empfohlen, um das Risiko einer euglykämischen diabetischen Ketoazidose (DKA) zu minimieren. Die Medikation kann nach vollständiger Wundheilung wieder aufgenommen werden.
Häufig gestellte Fragen
Laut Leitlinie wird ein MRT empfohlen, wenn der Verdacht auf eine Osteomyelitis, tiefe Weichteilinfektionen oder eine Charcot-Neuroarthropathie besteht und konventionelle Röntgenbilder nicht eindeutig sind.
Wenn die Osteomyelitis rein konservativ (ohne Operation) behandelt wird, empfiehlt die Leitlinie eine antibiotische Therapiedauer von etwa 6 Wochen. Nach einer Minor-Amputation mit sauberen Knochenrändern genügen oft 2 bis 5 Tage.
Die Leitlinie empfiehlt, die Auswahl der Wundauflagen individuell an den Wundstatus, die Exsudatmenge und patientenspezifische Faktoren anzupassen. Zudem wird auf die Berücksichtigung der Kosteneffizienz der Materialien verwiesen.
Es wird darauf hingewiesen, dass der Knöchel-Arm-Index (ABI) bei Diabetes-Patienten durch Mediasklerose fälschlicherweise normal oder erhöht sein kann. Daher werden ergänzend Zehendrücke, der Zehen-Arm-Index (TBI) oder die TcPO2-Messung empfohlen.
Die Leitlinie empfiehlt eine erneute Abklärung auf eine pAVK, wenn sich die Ulkusfläche innerhalb von 4 Wochen um weniger als 50 Prozent verkleinert hat. Auch bei ischämischen oder gangränösen Ulzera ist eine sofortige vaskuläre Evaluation indiziert.
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Quelle: StatPearls: Diabetic Foot Ulceration and Complications (StatPearls, 2026). Originaldokument ansehen
KI-generierte Zusammenfassung. Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung. Die klinische Entscheidung trifft der behandelnde Arzt.
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