Diabetische Retinopathie: Screening und Therapie
Hintergrund
Die diabetische Retinopathie ist die häufigste Ursache für Erblindung bei Menschen im erwerbsfähigen Alter. Die Prävalenz ist hoch, wobei ein Sehverlust mit erheblicher Morbidität, vermehrten Stürzen und einer erhöhten Mortalität einhergeht.
Die Erkrankung wird klinisch definiert und in drei Hauptformen unterteilt. Dazu gehören das Makulaödem, die nicht-proliferative sowie die proliferative diabetische Retinopathie und die retinale kapilläre Nonperfusion.
Ein rechtzeitiges Screening ist entscheidend, da die Erkrankung oft unbemerkt bleibt, bis ein Sehverlust eintritt. Durch multimodale Behandlungsoptionen kann das Risiko einer Erblindung bei frühzeitiger Erkennung deutlich gesenkt werden.
Empfehlungen
Die Leitlinie von Diabetes Canada (2018) formuliert folgende Kernempfehlungen zur diabetischen Retinopathie:
Screening und Diagnostik
Das Screening sollte durch erfahrenes augenmedizinisches Fachpersonal erfolgen. Als Methoden werden die 7-Feld-Fundusfotografie, die direkte Ophthalmoskopie oder die digitale Fundusfotografie empfohlen (Evidenzgrad A).
| Diabetestyp | Beginn des Screenings | Intervall (ohne Retinopathie) |
|---|---|---|
| Typ 1 (ab 15 Jahren) | 5 Jahre nach Diagnosestellung | Jährlich |
| Typ 2 | Direkt bei Diagnosestellung | Alle 1 bis 2 Jahre |
Bei bestehender Retinopathie wird empfohlen, das Follow-up-Intervall an den Schweregrad der Erkrankung anzupassen (Konsens).
Prävention und Risikofaktor-Modifikation
Eine optimale Blutzuckereinstellung (HbA1c-Ziel ≤ 7 %) wird empfohlen, um die Entstehung und Progression zu verzögern (Evidenzgrad A). Ebenso ist eine strikte Blutdruckkontrolle essenziell.
Zur medikamentösen Verzögerung der Progression bei Typ-2-Diabetes kann Fenofibrat in Kombination mit einem Statin erwogen werden (Evidenzgrad A). Acetylsalicylsäure (ASS) hat laut Leitlinie keinen Einfluss auf die Inzidenz oder Progression der Retinopathie.
Therapie bei manifester Retinopathie
Bei einer sichtbedrohenden Retinopathie wird die Überweisung an einen Ophthalmologen empfohlen (Konsens). Die Leitlinie nennt folgende primäre Therapieoptionen (Evidenzgrad A):
-
Anti-VEGF-Injektionen (z. B. Ranibizumab, Aflibercept) als Erstlinientherapie bei zentral beteiligtem diabetischem Makulaödem.
-
Laserkoagulation (panretinal bei proliferativer Retinopathie, fokal bei Makulaödem ohne zentrale Beteiligung).
-
Intraokulare Steroide (z. B. Dexamethason) als Alternative, jedoch mit erhöhtem Nebenwirkungsrisiko.
-
Vitrektomie bei schweren Glaskörperblutungen oder Netzhautablösungen.
Kontraindikationen
Die Leitlinie weist auf folgende Einschränkungen und Risiken bei der medikamentösen Therapie hin:
-
Intraokulare Steroide (wie Triamcinolon, Dexamethason, Fluocinolon) sind mit einer erhöhten Rate an Glaukomen und Kataraktbildungen assoziiert.
-
Die intraokulare Injektion von Bevacizumab stellt in Kanada einen Off-Label-Use dar.
💡Praxis-Tipp
Die Leitlinie betont, dass eine rasche und aggressive Verbesserung der Blutzuckereinstellung bei Typ-1-Diabetes mit einer vorübergehenden frühen Verschlechterung der Retinopathie einhergehen kann. Dieser Effekt wird jedoch durch die langfristigen Vorteile der Blutzuckerkontrolle aufgewogen. Es wird daher empfohlen, bei einer schnellen HbA1c-Senkung auf ophthalmologische Veränderungen zu achten.
Häufig gestellte Fragen
Laut Leitlinie wird bei Patienten mit Typ-2-Diabetes ein Screening direkt zum Zeitpunkt der Diagnosestellung empfohlen. Dies liegt daran, dass bei bis zu 39 % der Betroffenen bereits bei Diagnose eine Retinopathie vorliegen kann.
Die Leitlinie empfiehlt für Patienten mit Typ-1-Diabetes ein jährliches Screening. Bei Patienten mit Typ-2-Diabetes ohne bestehende Retinopathie wird ein Intervall von ein bis zwei Jahren empfohlen.
Es wird in der Leitlinie dargelegt, dass Acetylsalicylsäure (ASS) weder die Inzidenz noch die Progression der diabetischen Retinopathie beeinflusst. Zudem erhöht die Einnahme von ASS nicht das Risiko für Glaskörperblutungen.
Gemäß der Leitlinie gelten intravitreale Anti-VEGF-Injektionen als Erstlinientherapie bei einem Makulaödem mit zentraler Beteiligung. Sie verbessern die Sehkraft und reduzieren die Makulaverdickung effektiver als eine alleinige Lasertherapie.
Die Leitlinie weist darauf hin, dass die perioperative Einnahme von ASS oder Warfarin bei ophthalmologischen Eingriffen das Risiko für Blutungskomplikationen scheinbar nicht erhöht. Ein routinemäßiges Absetzen wird im Text nicht gefordert.
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Quelle: Diabetes Canada Chapter 30: Retinopathy (Diabetes Canada, 2018). Originaldokument ansehen
KI-generierte Zusammenfassung. Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung. Die klinische Entscheidung trifft der behandelnde Arzt.
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