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Diagnostik und Therapie der Ichthyosen: Leitlinie (AWMF)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Ichthyosen werden in nicht-syndromale (nur die Haut betreffende) und syndromale (mit Organbeteiligung) Formen unterteilt.
  • Die Basistherapie besteht aus intensiver Balneotherapie, mechanischer Keratolyse und rückfettenden Externa.
  • Salizylsäure ist zur Ganzkörperbehandlung absolut kontraindiziert, da eine lebensgefährliche metabolische Azidose droht.
  • Harnstoff (Urea) darf bei Kindern frühestens ab dem 2. Lebensjahr angewendet werden.
  • Acitretin ist der einzige zugelassene systemische Wirkstoff und schweren Formen (z.B. Harlekin-Ichthyose) vorbehalten.
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Hintergrund

Ichthyosen bilden eine heterogene Gruppe genetisch bedingter, generalisierter Verhornungsstörungen der Haut. Primäre klinische Symptome sind die Verdickung der Hornhaut, extreme Trockenheit, sichtbare Schuppenbildung und oft eine stark verminderte Schwitzfähigkeit, die zu Hitzestau führen kann. Da es sich um genetische Defekte handelt, ist eine Heilung bislang nicht möglich; die Therapie erfolgt rein symptomatisch.

Klassifikation und Epidemiologie

Man unterscheidet primär zwischen nicht-syndromalen Ichthyosen (nur die Haut betreffend) und syndromalen Ichthyosen (mit Beteiligung anderer Organsysteme).

FormPrävalenzVererbungBemerkung
Ichthyosis vulgaris (IV)1:100 - 1:250Autosomal-dominantHäufigste Form, in >50% mit atopischer Dermatitis assoziiert
X-chromosomal rezessive Ichthyose (XRI)1:4.000X-chromosomal-rezessivSteroidsulfatase-Mangel, fast ausschließlich Jungen betroffen
Autosomal rezessive kongenitale Ichthyose (ARCI)1:60.000 - 1:200.000Autosomal-rezessivUmfasst u.a. Lamelläre Ichthyose und Harlekin-Ichthyose
Epidermolytische Ichthyosen (EI)1:200.000 - 1:500.000Autosomal-dominantNeigung zu Hautfragilität und Blasenbildung

Diagnostik

Die Diagnostik erfordert eine detaillierte Anamnese und klinische Untersuchung. Wichtige differentialdiagnostische Leitfragen sind:

  • Besteht die Ichthyose seit der Geburt? (Unterscheidung zwischen seltenen kongenitalen Formen und der später auftretenden Ichthyosis vulgaris)
  • Liegt eine Erythrodermie vor?
  • Gibt es eine Blasenbildung? (Hinweis auf keratinopathische Ichthyose)
  • Bestehen assoziierte Symptome? (Hinweis auf syndromale Formen)

Apparativ kommen Histologie, Elektronenmikroskopie und molekulargenetische Untersuchungen zum Einsatz.

Therapieprinzipien

Ziel der Therapie ist es, das Stratum corneum zu hydratisieren, Keratosen zu minimieren und Rhagaden zu vermeiden.

Balneotherapie und mechanische Keratolyse

  • Baden: Regelmäßiges (bis zu mehrfach tägliches) Baden reinigt, hydratisiert und weicht Verhornungen auf.
  • Zusätze: Kochsalz (1-8%, bei Kindern max. 3-4%) oder Natriumhydrogencarbonat (ca. 6 g/l bei Erwachsenen, 3 g/l bei Kleinkindern) unterstützen die Keratolyse.
  • Mechanische Keratolyse: Nach dem Einweichen sanfte Entfernung der Schuppen mit Bimsstein, Waschhandschuhen oder Mikrofasertüchern.

Topische Therapie (Externa)

WirkstoffKonzentrationIndikation / Bemerkung
Harnstoff (Urea)5-10%Keratolytisch und hydratisierend. Frühestens ab dem 2. Lebensjahr anwenden!
Glycerin5-10%Hydratisierend, beschleunigt Desmosomenabbau. Sehr gut wirksam bei IV.
Milchsäure5%Moisturizer und keratolytisch. Nicht bei Neugeborenen anwenden.
Lokale Retinoide0,05-0,1%Stark antikeratotisch, für lokalisierte hartnäckige Areale. Teratogenität beachten!
SalizylsäureKONTRAINDIZIERTGefahr der systemischen Toxizität und metabolischen Azidose (Todesfälle bei Kindern beschrieben)!

Systemische Therapie

Acitretin ist der einzige zugelassene systemische Wirkstoff. Er hemmt die Verhornung und reguliert die zelluläre Differenzierung.

  • Indikation: Schwere, meist nicht-entzündliche Formen (z.B. Lamelläre Ichthyose, Harlekin-Ichthyose).
  • Dosierung: Bei Erwachsenen max. 1 mg/kg KG (Erhaltungsdosis meist 0,2-0,5 mg/kg). Bei Harlekin-Ichthyose-Säuglingen 0,5-1,0 mg/kg KG.
  • Cave: Strenge Indikationsstellung bei Frauen im gebärfähigen Alter (Teratogenität).

Spezifische Krankheitsbilder

Kollodiumbaby

Neugeborene mit einer das gesamte Integument umhüllenden Membran, oft begleitet von Ektropium und Eklabium.

  • Management: Inkubatorpflege mit hoher Luftfeuchtigkeit (80-90%) und angepasster Temperatur (ca. 35°C zur Vermeidung von Überhitzung).
  • Lokaltherapie: Tägliches Baden in purem Wasser, danach blande Externa (z.B. 5% Panthenol oder 5% Glycerin). Keine Keratolytika anwenden!

Harlekin-Ichthyose

Die schwerste Form der Ichthyose mit plattenartigem Hornpanzer, tiefen Rhagaden und hoher Mortalität durch Sepsis oder respiratorische Insuffizienz.

  • Management: Zwingend neonatologisch-intensivmedizinische Primärversorgung.
  • Therapie: Orale Gabe von Acitretin (0,5-1,0 mg/kg KG) bei Neugeborenen als lebensrettende Option.

Comèl-Netherton-Syndrom

Syndromale Form mit kongenitaler ichthyosiformer Erythrodermie, Exfoliation, Gedeihstörungen und Typ-1-Allergien.

  • Therapie: Blande Pflege, antiseptische Maßnahmen zur Infektionsprophylaxe.
  • Cave: Topische Calcineurininhibitoren (Tacrolimus) sind aufgrund der massiven Barrierestörung und Resorptionsgefahr großflächig kontraindiziert.

💡Praxis-Tipp

Verwenden Sie bei Ichthyose-Patienten niemals Salizylsäure zur Ganzkörperbehandlung. Aufgrund der gestörten Hautbarriere droht eine lebensgefährliche systemische Toxizität mit metabolischer Azidose.

Häufig gestellte Fragen

Nein. Salizylsäure ist zur Ganzkörperbehandlung kontraindiziert, da sie durch die gestörte Hautbarriere stark resorbiert wird und zu einer lebensgefährlichen metabolischen Azidose führen kann.
Harnstoffhaltige Externa sollten bei Kindern frühestens zu Beginn des 2. Lebensjahres angewendet werden.
Acitretin ist der einzige zugelassene systemische Wirkstoff. Er wird vor allem bei schweren Formen wie der Lamellären Ichthyose oder der Harlekin-Ichthyose eingesetzt.
Die Versorgung erfolgt im Inkubator bei hoher Luftfeuchtigkeit (80-90%) und ca. 35°C. Die Hautpflege basiert auf blanden Externa (z.B. mit Panthenol oder Glycerin) ohne keratolytische Zusätze.

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