Bakterielle Vaginose: Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Die bakterielle Vaginose (BV) ist durch eine Dysbiose mit Gardnerella-dominanten Biofilmen und Laktobazillen-Mangel gekennzeichnet.
- •Die orientierende Diagnostik erfolgt klinisch anhand der Amsel-Kriterien und dem mikroskopischen Nachweis von Clue Cells.
- •Die Labordiagnostik sollte eine Gram-Färbung mit Auswertung nach dem Nugent-Score oder Hay-Ison-Score umfassen.
- •Therapie der ersten Wahl sind Clindamycin oder Metronidazol (oral oder topisch) sowie lokale Antiseptika.
- •In der Schwangerschaft wird primär Clindamycin oder ein lokales Antiseptikum empfohlen.
Hintergrund
Die bakterielle Vaginose (BV) ist die weltweit häufigste urogenitale Störung bei Frauen im sexuell aktiven Alter. Sie ist gekennzeichnet durch eine stark erhöhte Bakterienzahl, eine hohe Diversität an anaeroben Bakterien und die Verdrängung der protektiven Laktobazillen.
Gardnerella species sind die prädominanten Bakterienarten mit dem höchsten Virulenzpotential. Sie bilden einen Biofilm auf dem Vaginalepithel, in den weitere BV-assoziierte Bakterien integriert sind. Dieser Biofilm ist eine wesentliche Ursache für Therapieversagen und chronisch-rezidivierende Verläufe.
Symptomatik
Das charakteristische Symptom der BV ist ein verstärkter, homogener vaginaler Fluor.
- Dünnflüssiger, gräulicher bis leicht milchiger Ausfluss
- Fischiger Geruch (Amingeruch), bedingt durch Stoffwechselprodukte anaerober Bakterien
- Vaginaler pH-Wert > 4,5
- Gelegentlich Irritationen wie Brennen, Rötung, Juckreiz oder Dyspareunie
Diagnostik
Frauen mit vulvovaginalen Beschwerden, vor allem bei dünnflüssigem, homogen gräulichem Ausfluss und alkalischem pH-Wert, sollen bezüglich einer bakteriellen Vaginose abgeklärt werden.
Die orientierende Diagnostik erfolgt klinisch anhand der Amsel-Kriterien. Eine BV liegt vor, wenn 3 der 4 Kriterien erfüllt sind:
| Amsel-Kriterium | Beschreibung |
|---|---|
| 1. Fluor | Homogener, grau-weißlicher Ausfluss |
| 2. pH-Wert | > 4,5 |
| 3. Amintest | Fischiger Geruch (verstärkt nach Zugabe von 10% KOH) |
| 4. Mikroskopie | ≥ 20% Schlüsselzellen (Clue Cells) im Nativpräparat |
Die Labordiagnostik sollte nach erfolgter orientierender Diagnostik die Gram-Färbung mit einer quantitativen Gegenüberstellung von verschiedenen Morphotypen im Sinne des Nugent-Scores umfassen.
| Nugent-Score | Interpretation | Mikroskopisches Bild |
|---|---|---|
| 0-3 | Normal | Laktobazillen dominieren |
| 4-6 | Intermediär | Gemischte Flora, keine klare Aussage möglich |
| 7-10 | Bakterielle Vaginose | Gardnerella/Mobiluncus dominieren, kaum Laktobazillen |
Molekulargenetische Verfahren (FISH, PCR, NGS) spielen in der klinischen Routine eine untergeordnete Rolle und sind speziellen Fällen vorbehalten.
Therapie
Die Therapie der bakteriellen Vaginose soll nur nach einer korrekt durchgeführten und ärztlich gesicherten Diagnose erfolgen. Asymptomatische Frauen profitieren indirekt durch die Risikoreduktion von Folgeinfektionen (z.B. PID, STI).
Die Therapie soll mit oralem oder topischem Clindamycin, oder mit Metronidazol erfolgen. Alternativ können lokale Antiseptika zur Anwendung kommen.
| Wirkstoff | Applikation | Dosierung | Dauer |
|---|---|---|---|
| Clindamycin | oral | 300 mg (2x täglich) | 7 Tage |
| Clindamycin | vaginal | 2% Creme (1x täglich) | 7 Tage |
| Metronidazol | oral | 500 mg (2x täglich) | 7 Tage |
| Metronidazol | vaginal | 0,75% Gel oder 100 mg Ovula (1x täglich) | 5-7 Tage |
| Dequaliniumchlorid | vaginal | 10 mg (1x täglich) | 6 Tage |
| Octenidin | vaginal | Spray/Applikator | 7 Tage |
Therapie in der Schwangerschaft
Frauen mit symptomatischer bakterieller Vaginose in der Schwangerschaft sollen zwecks Beschwerdereduktion sowie Reduktion von Schwangerschafts- und Wochenbettkomplikationen behandelt werden.
Die Therapie soll primär mit Clindamycin erfolgen. Alternativ können vaginale Antiseptika zur Anwendung kommen. Clindamycin ist aufgrund seiner anti-inflammatorischen Wirkung und des breiten Spektrums besser geeignet als Metronidazol.
Chronisch-rezidivierende Verläufe
Von einer chronisch-rezidivierenden BV spricht man bei mindestens 3 Episoden pro Jahr. Ursache ist oft der schwer zu durchbrechende Gardnerella-Biofilm.
Die Therapie sollte mit lokalen Antiseptika oder einer suppressiven Erhaltungstherapie mit topischem Metronidazol, gefolgt von vaginalen Probiotika erfolgen.
Milchsäure und Probiotika können nach Abschluss der medikamentösen Therapie komplementär angewendet werden, um die Laktobazillen-Flora wiederaufzubauen und Rezidiven vorzubeugen.
💡Praxis-Tipp
Nutzen Sie bei chronisch-rezidivierenden Verläufen (≥ 3 Episoden/Jahr) lokale Antiseptika oder eine suppressive Erhaltungstherapie mit topischem Metronidazol, gefolgt von Probiotika, um den Gardnerella-Biofilm zu durchbrechen.