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Systemische Lokalanästhetika-Intoxikation: AWMF-Leitlinie

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Die systemische Lokalanästhetika-Intoxikation (LAST) ist eine seltene, potenziell lebensbedrohliche Komplikation, deren Inzidenz durch Ultraschallanwendung sinkt.
  • Präventiv sind eine fraktionierte Injektion mit regelmäßiger Aspiration sowie die Dosisreduktion lipophiler Lokalanästhetika entscheidend.
  • Bei einem LAST-Ereignis muss die Lokalanästhetika-Zufuhr sofort gestoppt und eine adäquate Oxygenierung sichergestellt werden.
  • Als unspezifisches Antidot bei schweren kardialen Verläufen wird die frühzeitige Bolusgabe einer 20%igen Lipidlösung empfohlen.
  • Bei einem Herz-Kreislauf-Stillstand erfolgt die Reanimation nach ERC-Leitlinien inklusive der Standarddosierung von 1 mg Epinephrin.
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Hintergrund

Die systemische Lokalanästhetika-Intoxikation (LAST, "local anesthetic systemic toxicity") ist eine seltene, zumeist iatrogene Komplikation. Sie tritt als unerwünschte systemische Wirkung lipophiler Lokalanästhetika auf. Die Inzidenz liegt bei peripheren Blockaden zwischen 0,04 und 0,18 % und bei epiduralen Verfahren zwischen 0,012 und 0,11 %. Durch die zunehmende Verbreitung ultraschallgestützter Techniken ist die Inzidenz in den letzten Jahren rückläufig.

Symptomatik und Pathophysiologie

Die Toxizität beruht primär auf der Blockade spannungsabhängiger Natriumkanäle im zentralen Nervensystem (ZNS) und am Herzen.

OrgansystemInitiale Symptome (Exzitation)Spätsymptome (Depression)
ZNSSchwindel, Tinnitus, periorale Taubheit, metallischer Geschmack, Tremor, Myoklonien, generalisierte KrampfanfälleZNS-Depression, Atemdepression, Atemstillstand
KardiovaskulärBlutdruckanstieg, TachykardieReduziertes Herzzeitvolumen, Bradykardie, Hypotension, Arrhythmien, Asystolie

Risikofaktoren

KategorieFaktoren
PatientAlter < 16 oder > 60 Jahre, geringe Muskelmasse, weibliches Geschlecht, Schwangerschaft
KomorbiditätenKardiale Vorerkrankungen, Leber-/Niereninsuffizienz, Hypalbuminämie, metabolische Störungen
RegionalverfahrenHochlipophile Lokalanästhetika (v.a. Bupivacain), hohe Dosis, Injektionsorte mit hoher Resorption (z.B. Intercostalblockade)

Prävention

Die Vermeidung von LAST-Ereignissen hat höchste Priorität. Folgende Maßnahmen werden dringend empfohlen:

  • Ultraschallgestützte Punktion: Reduziert akzidentelle Gefäßpunktionen und ermöglicht eine Dosisreduktion.
  • Injektionstechnik: Langsame, fraktionierte Injektion unter regelmäßiger negativer Aspiration.
  • Dosisreduktion: Verzicht auf hohe Dosierungen stark lipophiler Substanzen (insbesondere Bupivacain).
  • Monitoring: Basismonitoring (SpO2, EKG, NIBD) gemäß DGAI-Empfehlungen.
  • Epinephrin-Zusatz: Kann als intravaskulärer Marker (Herzfrequenzanstieg) dienen, ist aber bei Verzicht auf toxische Dosen verzichtbar.

Höchstdosierungen von Lokalanästhetika (Einzelinjektion)

WirkstoffMaximaldosisBemerkung
Lidocain200-400 mgKurzwirksam
Mepivacain300-400 mgMittellangwirksam
Prilocain400 mgMittellangwirksam
Bupivacain150 mgLangwirksam, höchste Kardiotoxizität
Ropivacain225 mgLangwirksam

Therapie der LAST

Ein spezifisches Antidot existiert nicht. Die Therapie erfolgt symptomatisch und stufenweise.

1. Sofortmaßnahmen

  • Zufuhr stoppen: Bolusinjektion oder laufende Infusion sofort abbrechen.
  • Oxygenierung: Atemwegssicherung und Ventilation (Hypoxie und Azidose potenzieren die Toxizität).

2. ZNS-Therapie

  • Antikonvulsive Therapie: Bei Krampfanfällen Gabe von Benzodiazepinen oder Propofol.

3. Kardiale Therapie und Reanimation

  • CPR: Bei Herz-Kreislauf-Stillstand sofortige Reanimation nach gültigen ERC-Leitlinien.
  • Epinephrin: Gabe in Standarddosierung (1 mg beim Erwachsenen). Eine Dosisreduktion wird mangels klinischer Evidenz nicht empfohlen.
  • Antiarrhythmika: Bei ventrikulären Arrhythmien wird Amiodaron präferiert.

4. Lipidtherapie

Bei schweren kardialen LAST-Symptomen oder Kreislaufstillstand wird die frühzeitige Gabe einer 20%igen Lipidlösung empfohlen. Propofol ist aufgrund des geringen Lipidanteils und der kardiodepressiven Wirkung kein Ersatz.

TherapieschrittDosierung (20% Lipidlösung)Bemerkung
Initialbolus100 ml (bzw. 1,5 ml/kg KG)Manuelle Bolusgabe über 1 Minute
Wiederholung100 ml (bzw. 1,5 ml/kg KG)Nach 5 Minuten bei ausbleibender Besserung
Erhaltungsinfusion200-250 ml (bzw. 0,25 ml/kg/min)Kontinuierlich über 15-20 Minuten
Maximaldosis12 ml/kg KGInfusion bis 10 Min. nach hämodynamischer Stabilität

5. Ultima Ratio

  • eCPR: Bei prolongierter Reanimation ohne ROSC sollte frühzeitig eine extrakorporale veno-arterielle Zirkulation (va-ECMO) als "Bridge-to-Recovery" erwogen werden.

Überwachung nach Intoxikation

Aufgrund von Redistributionsphänomenen ist eine verlängerte Überwachung obligat:

  • Nach zentralnervösem LAST: Mindestens 2 Stunden nach Rekonvaleszenz.
  • Nach kardialem LAST: Mindestens 4-6 Stunden.

💡Praxis-Tipp

Lagern Sie mindestens 500 ml einer 20%igen Lipidlösung griffbereit auf einem zentralen Notfallwagen. Nutzen Sie zur raschen Applikation im Notfall großvolumige 50-ml-Spritzen, da eine Tropfinfusion oft zu langsam ist.

Häufig gestellte Fragen

Bupivacain weist die höchste Lipophilie und damit die höchste Kardiotoxizität auf. Auf hohe Dosierungen sollte zugunsten sichererer Alternativen verzichtet werden.
Nein. Der Lipidanteil in Propofol ist für eine LAST-Therapie zu gering. Zudem wirkt Propofol negativ inotrop und vasodilatierend, was eine kardiale Intoxikation verschlechtern kann.
Nein. Die DGAI empfiehlt weiterhin die Standarddosierung von 1 mg Epinephrin nach den gültigen ERC-Leitlinien, da es für eine Dosisreduktion keine ausreichende klinische Evidenz gibt.
Erwachsene erhalten einen Initialbolus von 100 ml (oder 1,5 ml/kg KG bei <70 kg) über eine Minute, gefolgt von einer kontinuierlichen Infusion mit 0,25 ml/kg/min.

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