Wächter-Lymphknoten-Szintigraphie: DGN-Leitlinie
📋Auf einen Blick
- •Die Szintigraphie dient der anatomischen Lokalisierung des Wächterlymphknotens, trifft aber keine Aussage über einen tumorösen Befall.
- •Eine Schwangerschaft ist keine Kontraindikation, da die Uterusdosis durch ein 1-Tages-Protokoll unter 1 mSv gehalten werden kann.
- •Beim Mammakarzinom ist die initiale dynamische Lymphszintigraphie heutzutage obsolet.
- •Neben 99mTc-Kolloiden kommen zunehmend 99mTc-Tilmanocept und 99mTc-PSMA (beim Prostatakarzinom) zum Einsatz.
- •Operateure und Pathologen gelten aufgrund der geringen Dosis (< 1 mSv/Jahr) nicht als beruflich strahlenexponierte Personen.
Hintergrund
Die Wächter-Lymphknoten-Szintigraphie (Sentinel Lymph Node, SLN) dient der prä- und intraoperativen Lokalisierung des ersten abflussführenden Lymphknotens. Ziele sind die Minimierung des Operationsausmaßes, die Senkung der postoperativen Morbidität (z. B. Lymphödem) und die Optimierung der histopathologischen Aufarbeitung. Die Szintigraphie selbst trifft keine Aussage über einen tumorösen Befall, sondern markiert das Zielgewebe für die Exzision.
Indikationen und Kontraindikationen
Die Untersuchung ist generell nicht indiziert, wenn bereits eine lymphogene oder Fernmetastasierung nachgewiesen wurde (Ausnahme: oligometastasiertes Prostatakarzinom).
- Malignes Melanom: Indiziert ab 1 mm Tumordicke nach Breslow. Bei 0,75–1 mm indiziert, wenn Risikofaktoren (Ulzeration, hohe Mitoserate, Alter < 40 Jahre) vorliegen.
- Mammakarzinom: Standardindikation ist das unifokale T1- oder T2-Stadium mit klinisch negativem Nodalstatus (cN0). Kontraindiziert bei inflammatorischem Karzinom, T4-Stadium oder nach ausgedehnter Brust-OP.
- Vulvakarzinom: Indiziert bei Tumor < 4 cm, unifokalem Wachstum und klinisch unauffälligen Leistenlymphknoten.
- Kopf-Hals-Tumoren: Indiziert bei klinischer Relevanz (ausgenommen reine Hauttumoren).
Eine Schwangerschaft ist keine grundsätzliche Kontraindikation, da die Uterusdosis bei < 1 mSv gehalten werden kann. Bei Stillenden wird eine Stillpause von 24 Stunden empfohlen.
Radiopharmaka und Applikation
Standardmäßig kommen 99mTc-markierte Kolloide (Teilchengröße 20–100 nm) zum Einsatz. Neuere Alternativen sind 99mTc-Tilmanocept (schnellere Clearance, spezifische Rezeptorbindung an Makrophagen) und 99mTc-PSMA (für das Prostatakarzinom).
| Tumorart | Art der Injektion | Volumen pro Injektion | Gesamtaktivität |
|---|---|---|---|
| Malignes Melanom | intradermal, peritumoral | 0,05 - 0,2 ml | 40 - 100 MBq |
| Mammakarzinom | periareolär (bevorzugt) | 0,2 - 1,0 ml | 100 - 200 MBq |
| Kopf-Hals-Tumoren | intramukosal, peritumoral | 0,05 - 0,2 ml | 40 - 100 MBq |
| Vulvakarzinom | peritumoral, intradermal | 0,05 - 0,2 ml | 40 - 100 MBq |
Durchführung und Bildgebung
- Dynamische Szintigraphie: Beim Mammakarzinom heutzutage obsolet. Beim Melanom nur noch sinnvoll, wenn In-transit-Metastasen möglich sind (z. B. distal von Ellenbeuge oder Kniegelenk).
- Statische Aufnahmen: Frühstatisch (10–30 min p.i.) oder spätstatisch (1–24 h p.i.) zur Dokumentation und Qualitätssicherung zwingend erforderlich.
- SPECT/CT: Besonders empfohlen bei Genital- und Kopf-Hals-Tumoren zur exakten anatomischen Orientierung.
Intraoperative Lokalisierung und Strahlenschutz
Die intraoperative Suche erfolgt mittels Gamma-Handmesssonde. Diese muss regelmäßigen Qualitätsprüfungen (Nulleffekt, Ansprechvermögen) unterzogen werden.
Aufgrund der sehr geringen Strahlenexposition (< 1 mSv/Jahr) müssen Operateur, Anästhesist und Pathologe nicht als beruflich strahlenexponierte Personen geführt werden. Für Operateure ist jedoch die Teilnahme an einem 6-stündigen SLN-Kurs vorgeschrieben.
💡Praxis-Tipp
Verzichten Sie beim Mammakarzinom auf die zeitaufwändige dynamische Lymphszintigraphie – sie bietet keinen diagnostischen Mehrwert. Nutzen Sie bei Schwangeren ein 1-Tages-Protokoll mit reduzierter Aktivität, da die Uterusdosis hierbei unbedenklich niedrig bleibt (< 1 mSv).