Händigkeit im Beruf: S1-Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Linkshändigkeit ist eine angeborene Normvariante mit einer geschätzten Prävalenz von 10 bis über 20 Prozent.
- •Die Umschulung der Händigkeit führt zu einer unphysiologischen Doppelbelastung der Hirnhemisphären und kann kognitive sowie psychische Folgen haben.
- •Bei feinmotorischen Tätigkeiten ist die dominante Hand schneller und präziser, was bei der Arbeitsplatzgestaltung berücksichtigt werden muss.
- •Arbeitsplätze und Werkzeuge sollten händigkeitsneutral oder adaptierbar gestaltet sein, um einseitige Zwangshaltungen zu vermeiden.
- •Die arbeitsmedizinische Diagnostik umfasst Anamnese, Relevanzanalysen (z. B. S-MH) und standardisierte Handleistungstests.
Hintergrund
Die Händigkeit ist ein angeborener, biologisch determinierter Teil der Lateralität (Seitigkeit) des Menschen. Sie äußert sich in der Bevorzugung einer Hand (dominante Hand oder Führungshand) für motorische Handlungen, verbunden mit größerer Geschicklichkeit und Ausdauer. Die andere Hand fungiert als subdominante Hand (Hilfshand). Der Anteil von Linkshändern in der Bevölkerung wird oft mit 10 bis 15 % angegeben, dürfte aber aufgrund einer hohen Dunkelziffer (Lernen durch Nachahmung in einer rechtshändig dominierten Gesellschaft) bei 20 bis 30 % oder höher liegen.
Neurophysiologie und Folgen der Umschulung
Rechtshändige aktivieren bei motorischen Handlungen der rechten Hand Areale der linken Hirnhemisphäre (und vice versa). Wird ein Linkshänder auf den Gebrauch der rechten Hand umgeschult, kommt es zu einer unphysiologischen Doppelbelastung: Die assoziativen Steuerungszentren bleiben auf der rechten Gehirnseite, werden aber zusätzlich auf der linken Seite aktiviert.
| Handgebrauch | Ursache | Konsequenzen / Handlungsbedarf |
|---|---|---|
| Rechtshändige | Zentrale motorische Dominanz links | Händigkeitsgerechte Gegenstände anbieten |
| Linkshändige | Zentrale motorische Dominanz rechts | Gebrauchsgegenstände für Linkshändige bereitstellen |
| Umgeschulte Linkshändige | Umschulung, Nachahmung (Dominanz bleibt rechts!) | Abklärung, ggf. Rückschulung, psychologische Begleitung |
| Instabiler Handgebrauch | Wechselt tätigkeitsgebunden oder innerhalb einer Tätigkeit | Grundursache klären, Stabilisierung des Handgebrauchs |
Mögliche Folgen einer Umschulung umfassen Primärfolgen (Gedächtnisstörungen, Lese-Rechtschreib-Störungen, feinmotorische Störungen) und Sekundärfolgen (Minderwertigkeitskomplexe, Verhaltensstörungen, Kompensationsstreben).
Motorische Leistungsfähigkeit
Die dominante Hand ist bei feinmotorischen Tätigkeiten schneller und präziser. Die subdominante Hand hat grundsätzlich eine längere sensomotorische Reaktionszeit. Bei der Kraftausübung gibt es jedoch biomechanische Besonderheiten, insbesondere bei Drehbewegungen:
| Kraftart | Überlegene Hand | Bemerkung |
|---|---|---|
| Zugkraft | Dominante Hand | Generelle Überlegenheit der dominanten Seite |
| Drehen (Uhrzeigersinn) | Rechte Hand | Gilt auch für Linkshändige (Vorteil durch Pronation) |
| Drehen (Gegen Uhrzeigersinn) | Linke Hand | Gilt auch für Rechtshändige (Vorteil durch Pronation) |
Hinweis: Bei der Pronation (Innenrotation) können grundsätzlich höhere Drehmomente aufgebracht werden als bei der Supination, da die Kopplungsbedingungen durch die aktive Beteiligung des Daumenballens verbessert sind.
Diagnostik im betrieblichen Kontext
Eine einfache Befragung reicht zur Bestimmung der Lateralität oft nicht aus. Die arbeitsmedizinische Abklärung umfasst:
- Arbeitsmedizinische Anamnese: Erfassung von Beschwerden (z. B. Karpaltunnelsyndrom), die durch Lateralitätskonflikte bedingt sein könnten.
- Berufliche Relevanzanalyse: Z. B. nach der Sattler-Methodik (S-MH), die spontane, beidhändige und durch Werkzeuge geprägte Tätigkeiten differenziert untersucht.
- Präferenzermittlungen: Z. B. Screening-Verfahren nach Oldfield.
- Handleistungstests: Einhand-, Zweihand- oder Simultanprüfungen (z. B. Hand-Dominanz-Test H-D-T, O'Connor-Test, Tapping).
Händigkeitsgerechte Arbeitsplatzgestaltung
Arbeitsplätze mit einseitiger Festlegung sollten generell vermieden werden, da sie Leistungseinschränkungen und Gesundheitsbeeinträchtigungen fördern.
- Büro: Eingabehilfen (Maus, Tastatur) anpassbar machen. Scheren für Links- und Rechtshänder bereitstellen. Stellflächen (Telefon) variabel links oder rechts positionierbar halten.
- Produktion/Montage: Handgeführte Werkzeuge (Schrauber, Tacker) händigkeitsneutral gestalten. Häufig genutzte Materialien nahe der dominanten Hand positionieren. Nutzung von Card-Board-Engineering zur prospektiven Planung von Arbeitsabläufen.
- Medizin: Händigkeitsneutrale Griffe an chirurgischen Instrumenten (z. B. Laparoskope) bevorzugen. Monitore im OP an die veränderte Stehachse und Blickrichtung von Linkshändern anpassen.
- Bau & Fahrzeuge: Seitenneutrale Cockpitgestaltung und anpassbare Griffe an handgeführten Maschinen (Bohrmaschinen, Sägen).
💡Praxis-Tipp
Achten Sie bei unklaren Überlastungssyndromen der oberen Extremität (z. B. Karpaltunnelsyndrom) auf eine mögliche unerkannte Linkshändigkeit an einem rechtsdominanten Arbeitsplatz. Bieten Sie bei Wechselarbeitsplätzen stets beidhändig nutzbare oder adaptierbare Werkzeuge an.