Kaltes physikalisches Plasma: Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Kaltes physikalisches Plasma wird zur kurativen Behandlung chronischer und infizierter Wunden als Ergänzung zur Standardtherapie empfohlen.
- •Es eignet sich zur palliativen Keim- und Geruchsreduktion bei ulzerierten, anaerob kontaminierten Tumormetastasen.
- •Die Wirkung beruht auf reaktiven Sauerstoff- und Stickstoffspezies, UV-Strahlung und elektrischen Feldern.
- •Die Anwendung ist weitgehend schmerzfrei, erfordert keine Anästhesie und ist an qualifizierte Fachpflegekräfte delegierbar.
- •Es gibt keine Hinweise auf mutagene Effekte oder eine Krebsentstehung durch die Kaltplasma-Anwendung.
Hintergrund
Kaltes physikalisches Plasma (Kaltplasma) ist ein ionisiertes Gas im Temperaturbereich der Körpertemperatur (unter 40 °C). Es stellt eine Sprunginnovation in der Behandlung chronischer und infizierter Wunden dar. Im Gegensatz zu thermischen Hochfrequenzverfahren (wie der Argon-Plasmakoagulation), die Gewebe koagulieren oder schneiden, hat Kaltplasma keine klinisch erkennbare thermische Wirksamkeit.
Wirkprinzip und Komponenten
Die medizinische Wirkung von Kaltplasma beruht auf einem "Plasmacocktail" verschiedener physikalischer und chemischer Komponenten, die synergistisch wirken:
| Komponente | Biologische Wirkung | Bemerkung |
|---|---|---|
| Reaktive Spezies (ROS, RNS) | Inaktivierung von Mikroorganismen (inkl. multiresistenter Erreger), Zellstimulation | Lokale und zeitlich begrenzte Bildung; kein chronischer oxidativer Stress |
| UV-Strahlung | Keimabtötende Wirkung | Grenzwerte für UV-Belastung werden deutlich unterschritten |
| Elektrische Felder | Regulation körpereigener Heilungsvorgänge | Reaktivierung physiologischer Reparaturvorgänge |
Klinische Empfehlungen
Die Leitlinie spricht folgende starke Empfehlungen (Expertenkonsens) für den rationalen Einsatz als Ergänzung zur Standardtherapie aus:
- Kurative Wundbehandlung: Es kann die kurative Behandlung von chronischen und infizierten Wunden durch Applikation von physikalischem Kaltplasma und entsprechende Wundtoilette empfohlen werden. Relevante Co-Morbiditäten sind fachärztlich zu therapieren.
- Palliative Tumorbehandlung: Es kann vorgeschlagen werden, die palliative Behandlung von ulzerierten, offenen, anaerob kontaminierten Tumormetastasen mit physikalischem Kaltplasma als Maßnahme zur Keimreduktion (Bekämpfung von Geruch und Schmerz) durchzuführen.
- Delegation: Wo es die Umstände erlauben, kann die Applikation nach Qualifikation durch Fachpflegekräfte in delegierter Tätigkeit empfohlen werden.
Durchführung der Therapie
Die Applikation erfolgt meist berührungslos und ist weitgehend schmerzfrei. Eine Lokalanästhesie oder Kühlung ist nicht erforderlich.
| Therapieschritt | Maßnahme | Bemerkung |
|---|---|---|
| Vorbereitung | Wundsekret und Biofilm entfernen | Keine Trocknung der Wunde, da Plasma feuchtigkeitsvermittelt wirkungsvoller ist |
| Applikation | Nach Herstellerangaben (z.B. 30-45 Sek./cm²) | Jet-Plasma für tiefe Krater/Höhlen; DBD/SMD-Plasma für flächige Areale |
| Therapieplan (Wundheilung) | 2-3 Applikationen pro Woche | Prinzip der Hormesis: Kürzere Applikationen stimulieren, längere inhibieren |
| Therapieplan (Antisepsis) | Tägliche Applikation für 1 Woche | Zur reinen Dekontamination |
| Nachbehandlung | Standard-Wundtoilette | Keine speziellen Kaltplasma-Verbände nötig; Fotodokumentation empfohlen |
Unerwünschte Wirkungen und Vorsichtsmaßnahmen
Gravierende unerwünschte Wirkungen (wie Krebsentstehung oder genotoxische Effekte) sind nicht bekannt. Dennoch sind einige Besonderheiten zu beachten:
- Intraorale Anwendung: Kann leichten Schmerz an empfindlichen Zahnhälsen auslösen. Ein Ozongeruch kann auftreten (Absaugung empfohlen).
- Periokuläre Region: Das Sehorgan ist durch Abdeckung zwingend zu schützen.
- Elektronische Implantate (z.B. Herzschrittmacher): Da elektrische Felder übertragen werden können (Patientenableitstrom), sollte die Anwendung nur unter Risikoabwägung und Beachtung der Herstellerangaben erfolgen.
- Atemwege: Bei Anwendung in unmittelbarer Nähe zu den Atemwegen wird eine aktive Absaugung von Ozon empfohlen.
💡Praxis-Tipp
Trocknen Sie die Wunde vor der Kaltplasma-Applikation nicht ab! Plasma entfaltet seine Wirkung feuchtigkeitsvermittelt deutlich besser. Nutzen Sie bei Behandlungen im Kopf-Hals-Bereich eine zahnärztliche Absaugung, um den für Patienten oft unangenehmen Ozongeruch zu minimieren.