Humane Milch im Krankenhaus: Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Muttermilch ist die erste Wahl für Neugeborene; bei Mangel ist Frauenmilch (Spendermilch) aus einer Milchbank zu bevorzugen.
- •Die Lagerung gefrorener Milch erfolgt bei ≤ -20 °C für maximal 12 Monate; frische Milch bei ≤ 4 °C für maximal 96 Stunden.
- •Ein routinemäßiges bakteriologisches Screening von Muttermilch wird nicht empfohlen.
- •Die Holder-Pasteurisierung (62,5 °C für 30 min) ist der Standard zur Keimreduktion und vollständigen CMV-Inaktivierung.
- •Das Einfrieren von Milch führt zu keiner sicheren CMV-Inaktivierung und wird dafür nicht empfohlen.
Hintergrund
Die Ernährung mit Muttermilch gilt als die beste Option für alle Neugeborenen, da sie kurz- und langfristige medizinische Vorteile bietet. Steht keine Muttermilch zur Verfügung, ist der Einsatz von Frauenmilch aus einer Frauenmilchbank zu erwägen. Die Leitlinie definiert die Handhabung in Gesundheitseinrichtungen wie folgt:
| Begriff | Definition |
|---|---|
| Humane Milch (HM) | Milch menschlichen Ursprungs |
| Muttermilch (MM) | Milch einer laktierenden Frau für ihr eigenes Kind |
| Frauenmilch (FM) | Gespendete humane Milch für ein anderes Kind (Spendermilch) |
| Pasteurisierte Milch | Wärmebehandelte Milch (meist Holder-Pasteurisierung: 62,5 °C für 30 min) |
Gewinnung, Transport und Lagerung
Die Handhabung humaner Milch erfordert strikte Hygiene, ein Qualitätsmanagementsystem und ein HACCP-Konzept.
- Behältnisse: Es sollen Einmalbehälter aus Kunststoff (BPA-frei) oder Glas verwendet werden. Eine eindeutige Kennzeichnung (Spenderin, Datum, Uhrzeit) ist zwingend erforderlich.
- Transport: Die Kühlkette muss eingehalten werden. Frische Milch wird bei max. +8 °C (Ziel +4 °C) transportiert, gefrorene Milch bei -20 °C.
- Auftauen: Das Auftauen soll unter kontrollierten Bedingungen im Kühlschrank (+4 °C) erfolgen. Mikrowelle oder heißes Wasserbad sind ungeeignet.
| Zustand | Raumtemperatur (16-25 °C) | Kühlschrank (≤ 4 °C) | Gefrierschrank (≤ -20 °C) |
|---|---|---|---|
| Frische HM | max. 4 h | max. 96 h (besser <24 h) | 6-12 Monate |
| Gefrorene HM | max. 4 h | 48 h (nach Auftauen) | 6-12 Monate |
| Pasteurisierte HM | max. 4 h | 48 h | 6-12 Monate |
Thermische Behandlung und CMV-Inaktivierung
- Holder-Pasteurisierung: Die Erhitzung auf 62,5 ± 0,5 °C für 30 Minuten mit anschließender rascher Abkühlung auf ≤ 10 °C ist das Standardverfahren. Es inaktiviert das Zytomegalievirus (CMV) vollständig und reduziert Bakterien.
- Einfrieren: Das Gefrieren von Milch zur sicheren CMV-Inaktivierung oder zur Reduktion der Bakterienkonzentration kann nicht empfohlen werden.
- Postpasteurisationskontrollen: Mikrobiologische Kontrollen nach der Pasteurisierung sollen nur bei speziellen Indikationen (z.B. Ausbrüchen) durchgeführt werden, nicht routinemäßig.
Bakteriologisches Screening von Muttermilch
Humane Milch ist von Natur aus nicht steril.
- Ein routinemäßiges bakteriologisches Screening von Muttermilch wird nicht empfohlen.
- Eine Pasteurisierung oder der regelhafte Verwurf von Muttermilch aufgrund bakteriologischer Routinebefunde kann nicht empfohlen werden.
- Ausnahme: Bei Nachweis von sporenbildenden Bakterien (z.B. Bacillus cereus) wird die Milch in der Regel verworfen, da Sporen durch die Holder-Pasteurisierung nicht abgetötet werden.
Milchverwechslung
Bei akzidenteller Gabe von Milch an ein falsches Kind ist das medizinische Risiko insgesamt als gering einzustufen.
- Maßnahmen: Zeitnahe Aufklärung der Eltern des Empfängerkindes und der unfreiwilligen Spenderin.
- Therapie: Eine prophylaktische antiretrovirale (HIV) oder virostatische (CMV) Behandlung des Empfängerkindes wird nicht empfohlen.
- Diagnostik: Bei unpasteurisierter Milch kann je nach Risikokonstellation eine serologische Testung (HIV, HBV, CMV) bei Spenderin und Kind erwogen werden. Bei pasteurisierter Milch sind keine weiteren Maßnahmen nötig.
Einsatz von gespendeter Frauenmilch
Der Einsatz von Frauenmilch muss medizinisch indiziert sein. Spenderinnen werden anamnestisch ausgewählt und serologisch getestet (Hepatitis B/C, HIV 1/2, Lues). Von einer finanziellen Vergütung der Spende ist abzuraten.
| Priorität | Zielgruppe | Bemerkung |
|---|---|---|
| 1. Priorität | Frühgeborene < 1500 g oder < 32 SSW | Höchstes Risiko für NEC |
| 2. Priorität | Neugeborene nach abdominellen OPs oder mit Herzfehlern | Reduktion des NEC-Risikos |
| 3. Priorität | Alle anderen Neugeborenen | Nachrangige Versorgung |
💡Praxis-Tipp
Frieren Sie gekühlte Muttermilch, die nicht innerhalb von 24 Stunden verfüttert wird, frühzeitig ein. Tauen Sie Milch stets schonend im Kühlschrank auf, niemals in der Mikrowelle oder im heißen Wasserbad.