Distale Radiusfraktur: AAOS-Leitlinie 2020 Zusammenfassung
📋Auf einen Blick
- •Das Alter von 65 Jahren dient als Richtwert für den funktionellen Anspruch bei der OP-Indikation.
- •Bei der Wahl der Fixationstechnik gibt es nach 3 Monaten keine signifikanten Outcome-Unterschiede; sie sollte sich nach dem Frakturmuster richten.
- •Arthroskopische Assistenz und begleitende Physiotherapie sollten nur im Einzelfall (case-by-case) angewendet werden.
- •Shared Decision-Making ist essenziell, um die Therapie an die individuellen Patientenbedürfnisse anzupassen.
Hintergrund
Die distale Radiusfraktur ist eine der häufigsten Frakturen, deren Inzidenz in allen Altersgruppen weiter ansteigt. Die Leitlinie der American Academy of Orthopaedic Surgeons (AAOS) und der American Society for Surgery of the Hand (ASSH) aus dem Jahr 2020 bietet evidenzbasierte Empfehlungen für die Evaluation und Behandlung akuter distaler Radiusfrakturen bei Erwachsenen.
OP-Indikation und Patientenauswahl
Die Leitlinie nutzt das Alter von 65 Jahren als Richtwert (Proxy) für den funktionellen Anspruch eines Patienten. Starke Evidenz zeigt, dass operative Eingriffe bei geriatrischen Patienten (>65 Jahre) im Vergleich zur konservativen Therapie nicht zu besseren langfristigen patientenberichteten Outcomes führen. Dennoch muss das funktionelle Alter beachtet werden: Ein aktiver Patient über 65 kann von einer Operation profitieren.
Folgende radiologische Kriterien nach Reposition sprechen bei Patienten <65 Jahren für einen operativen Nutzen:
| Kriterium | Schwellenwert |
|---|---|
| Radiale Verkürzung | > 3 mm |
| Dorsale Kippung | > 10° |
| Intraartikuläre Stufenbildung/Dislokation | > 2 mm |
Fixationstechniken
Starke Evidenz belegt, dass es nach drei Monaten keine Unterschiede in den klinischen oder radiologischen Outcomes zwischen den verschiedenen Fixationstechniken gibt. Die Wahl der Technik sollte daher primär durch das Frakturmuster und die Patientencharakteristika bestimmt werden.
| Technik | Indikation / Frakturmuster |
|---|---|
| Volare winkelstabile Platte | Standard für frühe funktionelle Erholung; gute Visualisierung möglich |
| Brückenplatte | Erhebliche metaphysäre Trümmerzone, radiokarpale Luxationsfraktur |
| Fragmentspezifische Fixation | Sehr distale Fragmente, die volar nicht gefasst werden können |
| Dorsaler Zugang | Dorsale Fragmente, die für Stabilität/Gelenkrekonstruktion essenziell sind |
| Fixateur externe | Schwere Weichteilschäden, die eine interne Fixation verhindern |
Begleitmaßnahmen und Nachsorge
- Arthroskopie: Der routinemäßige Einsatz zur Reposition oder zur Behandlung von Begleitverletzungen (z.B. skapholunäres Band) wird nicht durch starke Evidenz gestützt und sollte nur im Einzelfall erfolgen.
- Physiotherapie: Eine angeleitete Physiotherapie ist nicht zwingend überlegen. Ein Heimübungsprogramm ist oft ausreichend. Die Entscheidung sollte individuell (z.B. abhängig von Schwellung und Motivation) getroffen werden.
- Radiologische Kontrollen: Es gibt moderate Evidenz, dass der Verzicht auf routinemäßige Röntgenbilder nach der 1- und 2-Wochen-Kontrolle die patientenberichteten Outcomes nicht verschlechtert. Ein mögliches Schema ist die Kontrolle nach 2 Wochen, 3 Monaten und 1 Jahr.
- Schmerztherapie: Ein multimodaler, opioidsparender Ansatz (z.B. Regionalanästhesie kombiniert mit Paracetamol und Naproxen) wird empfohlen.
💡Praxis-Tipp
Nutzen Sie das Alter von 65 Jahren nur als groben Richtwert für die OP-Indikation. Beziehen Sie den tatsächlichen funktionellen Anspruch des Patienten über ein Shared Decision-Making aktiv in die Therapieentscheidung ein.