Chronische Urtikaria: Diagnostik und Stufentherapie
Hintergrund
Die chronische Urtikaria ist eine durch Mastzellen vermittelte Hauterkrankung. Sie ist durch wiederkehrende Episoden von juckenden Quaddeln, Angioödemen oder beidem gekennzeichnet, die sechs Wochen oder länger andauern.
Man unterscheidet die chronische spontane Urtikaria (CSU) ohne erkennbaren Auslöser von der chronisch induzierbaren Urtikaria (CIndU). Letztere wird durch spezifische physikalische Reize wie Druck, Kälte, Wärme oder Vibration ausgelöst.
Die Pathophysiologie beruht meist auf autoimmunen Mechanismen, bei denen Autoantikörper die Degranulation von Mastzellen auslösen. Die Erkrankung schränkt die Lebensqualität der Betroffenen oft erheblich ein, ist jedoch in der Regel selbstlimitierend und heilt bei vielen Betroffenen innerhalb von zwei bis fünf Jahren ab.
Empfehlungen
Die StatPearls-Leitlinie formuliert folgende Kernempfehlungen zur Versorgung der chronischen Urtikaria:
Diagnostik
Die Diagnose wird primär klinisch anhand der Anamnese und der körperlichen Untersuchung gestellt. Eine routinemäßige, umfangreiche Labordiagnostik wird nicht empfohlen.
Laut Leitlinie sollte die Basisdiagnostik lediglich ein großes Blutbild sowie die Bestimmung der Blutsenkungsgeschwindigkeit (BSG) oder des C-reaktiven Proteins (CRP) umfassen. Eine Schilddrüsendiagnostik wird nur bei klinischem Verdacht auf eine Dysfunktion empfohlen.
Bei Verdacht auf eine chronisch induzierbare Urtikaria (CIndU) empfiehlt die Leitlinie spezifische Provokationstests zur Diagnosesicherung:
| Urtikaria-Form | Provokationstest | Positives Ergebnis |
|---|---|---|
| Kälteurtikaria | Eiswürfel für 5 Minuten auf den Unterarm | Quaddelbildung bei Wiedererwärmung |
| Verzögerte Druckurtikaria | 7-kg-Gewicht für 10-15 Minuten über der Schulter | Angioödem nach 2 bis 12 Stunden |
| Symptomatischer Dermographismus | Streichen mit einem stumpfen Gegenstand | Quaddelbildung nach 1 bis 3 Minuten |
| Cholinerge Urtikaria | Teilweises Eintauchen in 42 °C heißes Wasser | 1 bis 3 mm große Quaddeln |
Therapie
Die Leitlinie empfiehlt ein stufenweises Vorgehen zur Symptomkontrolle. Als Erstlinientherapie wird die regelmäßige, tägliche Einnahme von H1-Antihistaminika der zweiten Generation empfohlen.
Eine reine Bedarfsmedikation wird als weniger effektiv eingestuft. Bei unzureichender Symptomkontrolle kann die Dosis des Antihistaminikums alle zwei bis vier Wochen auf bis zu das Vierfache der Standarddosis erhöht werden.
Als Zweitlinientherapie wird die Hinzunahme von Omalizumab (Anti-IgE-Antikörper) empfohlen. Alternativ können laut Leitlinie auch H2-Blocker oder Leukotrien-Rezeptor-Antagonisten erwogen werden.
Bei Therapieversagen unter Omalizumab wird als Drittlinientherapie der Off-Label-Einsatz von Cyclosporin empfohlen. Hierbei wird auf die Notwendigkeit hingewiesen, Dosis und Dauer aufgrund potenzieller Nephrotoxizität gering zu halten.
Akutmanagement und Monitoring
Für die Behandlung akuter Schübe wird der kurzzeitige Einsatz von oralen Kortikosteroiden empfohlen. Topische Kortikosteroide haben laut Leitlinie keinen Stellenwert in der Therapie.
Zur Überwachung der Krankheitsaktivität und der Lebensqualität wird der regelmäßige Einsatz validierter Instrumente empfohlen. Hierzu zählen der Urticaria Activity Score (UAS7) oder der Urticaria Control Test (UCT).
Dosierung
Die Leitlinie nennt folgende Dosierungen für ergänzende medikamentöse Therapien (Zweitlinientherapie vor oder mit Omalizumab):
| Medikament | Dosis Erwachsene | Dosis Kinder |
|---|---|---|
| Cimetidin | 400 mg zweimal täglich (max. 300 mg/Einzeldosis) | 20-40 mg/kg/Tag (ab 5 Jahren) |
| Famotidin | 20 mg zweimal täglich | 0,5 mg/kg/Dosis zweimal täglich (max. 40 mg) |
| Montelukast | 10 mg zur Nacht | 4-5 mg je nach Alter (ab 6 Monaten) |
| Omalizumab | 300 mg s.c. alle 4 Wochen | Off-Label bei unter 12 Jahren |
Kontraindikationen
Die Leitlinie rät vom Einsatz von H1-Antihistaminika der ersten Generation bei älteren Menschen ab, da ein erhöhtes Sturzrisiko und anticholinerge Nebenwirkungen bestehen. Zudem wird vor der Gefahr einer Anaphylaxie bei Kälteurtikaria (insbesondere bei generalisierter Kälteexposition wie Schwimmen) gewarnt.
💡Praxis-Tipp
Die Leitlinie betont, dass eine regelmäßige, tägliche Einnahme von H1-Antihistaminika der zweiten Generation einer reinen Bedarfstherapie deutlich überlegen ist, um unvorhersehbare Schübe effektiv zu unterdrücken. Zudem wird darauf hingewiesen, dass eine umfangreiche Allergiediagnostik bei chronischer Urtikaria meist obsolet ist, da IgE-vermittelte Nahrungsmittelallergien nur sehr selten die Ursache sind.
Häufig gestellte Fragen
Laut Leitlinie genügen ein großes Blutbild sowie die Bestimmung von BSG oder CRP. Eine erweiterte Diagnostik wird nur bei spezifischem klinischem Verdacht auf Systemerkrankungen empfohlen.
Es wird empfohlen, H1-Antihistaminika der zweiten Generation bei unzureichender Wirkung auf bis zu das Vierfache der Standarddosis zu erhöhen. Die Dosissteigerung sollte schrittweise alle zwei bis vier Wochen erfolgen.
Die Leitlinie empfiehlt in diesem Fall als Zweitlinientherapie den Einsatz des Biologikums Omalizumab. Bei weiterem Therapieversagen kann Cyclosporin als Drittlinientherapie erwogen werden.
Es wird explizit darauf hingewiesen, dass topische Kortikosteroide (Salben oder Cremes) bei der chronischen Urtikaria wirkungslos sind. Sie spielen in der Therapie keine Rolle.
Die Leitlinie warnt davor, dass die Kälteurtikaria ein signifikantes Risiko für systemische Reaktionen bis hin zur Anaphylaxie birgt. Dies gilt insbesondere bei generalisierter Kälteexposition wie dem Schwimmen in kaltem Wasser.
War diese Zusammenfassung hilfreich?
Quelle: StatPearls: Chronic Urticaria (StatPearls, 2026). Originaldokument ansehen
KI-generierte Zusammenfassung. Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung. Die klinische Entscheidung trifft der behandelnde Arzt.
Verwandte Leitlinien
ClariMed durchsucht alle medizinischen Leitlinien
AWMF, NVL, NICE, WHO, ESC, KDIGO - Quellenzitiert, kostenlos. Speichern Sie Ihren Verlauf auf allen Geräten mit einem kostenlosen Konto.
Kostenloses Konto erstellen